Jahresvorschau

Die Auferstehung der Berliner Volksbühne

Der Neuanfang: Die Volksbühne hat einen neuen künstlerischen Direktor und ein festes Schauspielerensemble, darunter einen Kinostar.

Das Leitungsteam der Volksbühne: Die geschäftsführende Direktorin Nicole Lohrisch (v.l.), Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson, Hausregisseurin Lucia Bihler und Intendant Klaus Dörr

Das Leitungsteam der Volksbühne: Die geschäftsführende Direktorin Nicole Lohrisch (v.l.), Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson, Hausregisseurin Lucia Bihler und Intendant Klaus Dörr

Foto: Reto Klar

Es ist auf den Tag genau ein Jahr her, dass Klaus Dörr kommissarisch die Geschäfte des Intendanten übernahm. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz lag zu dem Zeitpunkt am Boden. Kurz zuvor hatte Chris Dercon nach nur einem halben Jahr seinen Posten überstürzt wieder aufgegeben.

Der Belgier war in der Kunstwelt immer eine große Nummer, was sich auch darin zeigt, dass er Berlin in Richtung Paris verlassen hat, wo er inzwischen Präsident der bedeutenden Vereinigung der Nationalmuseen und des Grand Palais des Champs-Élysées ist.

Aber in den Berliner Theaterkantinen war der polyglotte Schwadroneur Dercon nur belächelt worden, ja als Intendant der Volksbühne einer der meistgehassten Theatermacher überhaupt.

Schweres Erbe an der Volksbühne angetreten

An der Volksbühne hatte Klaus Dörr zweifellos ein schweres Erbe angetreten, mit Schulden, schlechten Auslastungszahlen und vor allem einem schlechten Image. Es war eine Stunde Null. Dörrs Vorgänger hatte bewusst oder aus Unvermögen mit einigen Traditionen gebrochen.

Und damit ist nicht gemeint, dass Dercon in der Kantine gegenüber den Schauspielern und Bühnenarbeitern das Rauchverbot durchgesetzt hat, weil es gerade auch den ins Haus strömenden Tänzern und Choreografen nicht zuzumuten war. Das war ein Preis des Gastspielbetriebs. Das Rauchverbot gilt immer noch.

Aber Dercon hatte es in seiner kurzen Amtszeit nicht vermocht, auf der großen Bühne einen Repertoirebetrieb mit einem festen Schauspielerensemble herzustellen. Klaus Dörr ist jetzt derjenige, der die Volksbühne als Traditionshaus wieder auferstehen lässt.

Klaus Dörr wird als Intendant immer selbstbewusster

Der studierte Wirtschaftswissenschaftler Klaus Dörr, Jahrgang 1961, ist das, was man einen Ermöglicher nennt. Er ist der gleichmütige Mann hinter den namhaften, genialischen oder manchmal auch nur muffligen Regieintendanten. Zuletzt gehörte er zum Team von Armin Petras, erst am Berliner Maxim-Gorki-Theater, dann am Schauspiel Stuttgart. Wer Klaus Dörr am Freitag bei seiner Pressekonferenz in der Volksbühne erlebt hat, konnte nicht übersehen, dass er sich mit der Rolle des Intendanten anzufreunden beginnt. Bislang war er für alle der bewusst bescheidene Mann des Übergangs, sein um ein Jahr verlängerter Vertrag geht bis Sommer 2021.

Als er jetzt etwas umständlich gefragt wird, wer denn nun der Intendant sei, wiegelt Dörr plötzlich selbstbewusst ab: „Ich glaube, ich bin der Intendant hier!“ Das stehe so in seinem Vertrag. Und wer danach komme, das solle man bei Kultursenator Klaus Lederer in der Brunnenstraße nachfragen. Was gegenwärtig sinnlos ist. „Wir arbeiten gründlich und ordentlich und nehmen uns die Zeit, die wir brauchen“, heißt es lapidar aus der Kulturbehörde.

Volksbühne offiziell wieder funktionsfähig

Tatsächlich ist die Volksbühne seit Freitag offiziell wieder ein funktionsfähiges Theater. Es gibt neben Intendant Dörr mit dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson jetzt wieder einen Schauspieldirektor, mit Lucia Bihler eine vorzeigbare Hausregisseurin.

Darüber hinaus sind Dramaturgen im Theaterbetrieb wichtig, die Drei stehen brav auf, als Dörr sie vorstellen will.

Der größte Coup aber ist, dass die Volksbühne wieder über ein eigenes Schauspielerensemble verfügt. Gleich 17 überwiegend junge Schauspieler und Schauspielerinnen werden auf der Fotowand eingeblendet.

„Fack ju Göhte“-Star Jella Haase unter den festen Schauspielern

Einige sind bereits beim Proben, zwei sind am Freitag bei der Vorstellung anwesend. Die meisten wird kaum einer erkennen. Eine ist allerdings ein echter Kinostar. Dörr sagt, jemand habe ihm den Tipp gegeben, Jella Haase zu engagieren. Beim Vorsprechen habe sie alle überzeugt.

Dörr behauptet, er habe die 26-Jährige, die wohl jeder mit dem Filmhit „Fack ju Göhte“ verbindet, vorher nicht gekannt. „Ich gehe wenig ins Kino“, so Dörr: „Vielleicht ein Fehler.“

Jella Haase als Star im neuen Schauspielerensemble

Göhte und Volksbühne bleibt erst einmal eine bizarre Kombination. Am Freitag bezeichnet er Jella Haase als einen Star in seinem neuen Schauspielerensemble.

Die neue Volksbühne ist offenbar auf dem Weg zur Stabilisierung, auch wirtschaftlich. Die Auslastung habe im ersten Halbjahr 2018 bei 66 Prozent gelegen, also noch in der Dercon-Planung, im zweiten Halbjahr dann bei 80 Prozent, sagte die Geschäftsführende Direktorin Nicole Lohrisch. Am Ende dieser Saison erwartet man 125.000 Besucher und damit 80 Prozent Auslastung. Rund 100 Vorstellungen gab es dann im Großen Haus. Das kann sich sehen lassen.

Als sie das Haus übernahmen, sagt die Geschäftsführerin, hätten sie mit einem Defizit von einer Million Euro begonnen. Nun wird immer noch ein Minus von 600.000 Euro für das vergangene Jahr erwartet. Das gehe auch auf eine Investition von rund 400.000 Euro in neue Videotechnik zurück.

Volksbühnen-Saison unter Schlagwort „Geschichtsmaschine“

Künstlerisch mag es Dörr offenbar intellektuell martialisch. Die kommende Spielzeit stellt er unter das Schlagwort „Geschichtsmaschine“. Geplant ist zum Beispiel das Stück „Germania“ nach Heiner Müller. Harter Stoff also. Überhaupt ist die Rede von Diskursformaten, genannt werden Feminismus, Postkolonialismus, Identitätspolitik und Rassismus. Bei den Ismus-Worten fühlt man sich sofort an Frank Castorf erinnert, der die Volksbühne ein Vierteljahrhundert lang geleitet hatte. Er prägte das älteste, sich links bekennende Theater Berlins. Über die Nichtverlängerung seines Vertrags waren die Regielegende Frank Castorf und seine internationale Anhängerschar sehr verärgert.

Der seinen Nachfolger Chris Dercon verkündende Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) war selber schnell zur Zielscheibe von Häme und Kritik geworden. Derweil hielt die Berliner Linke schützend ihre Hand über die Volksbühne, die direkt vor ihrer Berliner Parteizentrale liegt.

Klaus Lederer distanzierte sich von Personalie Dercon

Als der Castorf-Anhänger Klaus Lederer (Linke) ins Amt des Kultursenators kam, distanzierte er sich überraschend schnell und deutlich von der Personalie Dercon. Dabei hielt sich der Belgier selber für einen Linken. Vielleicht sollte man ihn eher als einen gebildeten Salonlinken bezeichnen. Jedenfalls stimmten Dercons Positionen nicht mit denen von Klaus Lederer überein. Die Beiden sollen keine guten Gespräche miteinander gehabt haben.

Auf die Frage an Klaus Dörr, ob die neue Volksbühne sich wieder politisch links verorten würde, antwortet der Intendant eher ausweichend. Er könne nicht sagen, wie sich die einzelnen Kollegen politischen definieren. „Wir machen zuerst Theater hier. Und Theater ohne gesellschaftliche Fragen kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt Dörr: „Wir gehören aber nicht zu denen, die sich auf die Bühne stellen und mit Zeigefinger sagen, was richtig und was falsch ist. Ich hoffe aber, dass wir die richtigen Fragen stellen.“

Der neue Schauspieldirektor positioniert sich politisch links

Für die richtigen Fragen ist jetzt Thorleifur Örn Arnarsson verantwortlich. Und man sollte seine Person nicht unterschätzen, denn er verkörpert den neuen Geist der Volksbühne. Der Schauspieldirektor ist ein Typ, der selbstbewusst freundlich und mit Händen in den Taschen seine Projekte vorstellt. Der isländische Theaterregisseur macht den Eindruck, als könne er jeder Elfe und jedem Troll das Fürchten lehren.

Er erzählt, dass er in seiner Kindheit die heimischen, mit der Natur verbundenen Geschichten aufgesogen habe, dann kam er zum Regiestudium an die Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“. Das hat ihn strukturell neu denken lassen. Als Regisseur hat er sich an Ibsens „Peer Gynt“ in Luzern, an Wagners „Lohengrin“ in Augsburg oder Brechts „Dreigroschenoper“ in Wiesbaden ausprobiert.

Thorleifur Örn Arnarsson: Immer ein politischer Regisseur gewesen

Aber die Frage nach dem Links beschäftigt den Schauspieldirektor über die Pressekonferenz hinaus. Dörrs Antwort muss ihn irgendwie unbefriedigt zurückgelassen haben. Er sei immer ein politischer Regisseur gewesen, sagt Thorleifur Örn Arnarsson gleich im Anschluss. „Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft, in der einer dem anderen nicht mehr zuhören will. Im Theater aber sitzen wir gemeinsam.“ Dort könne man undogmatischen Antworten geben.

Beiläufig erzählt er noch, dass er aus einer berühmten Künstlerfamilie Islands stamme. Seine Mutter saß im Parlament für die feministische Partei, die erste Partei, die ausschließlich Frauen zur Wahl gestellt hat. Sein Vater war als junger Mann bei den Kommunisten. Der Schauspieldirektor war während der Finanzkrise in Island 2008 ein außenstehender Ratgeber für die große Koalition.

Duo Infernale Chris Dercon und Mariette Piekenbrock

In gewisser Weise knüpft die neue Volksbühne auch an das untergegangene Duo Infernale Chris Dercon und Mariette Piekenbrock an. Die Programmleiterin Piekenbrock sollte das Patriarchalische der Ära Castorf ausräuchern. Die Volksbühne mühte sich redlich, weiblicher zu werden und ein neues Berliner Publikum anzusprechen. Das Thema Feminismus wird jetzt wieder aufgegriffen. Es bekommt mit der Hausregisseurin Lucia Bihler ein frisches Gesicht. Die Münchner Regisseurin hatte ebenfalls an der „Busch“-Hochschule studiert. In ihrem ersten Projekt mit dem Titel „Final Fantasy“ will sie etwas über die weibliche Lust erzählen, die immer noch „mit einem männlichen Blick“ belegt sei. „Den Feminismus mitzudenken ist mir ein persönliches Anliegen“, betont sie. Die Gleichberechtigung will in die Volksbühne einziehen. Auch das ist neu.