Berlin

Musikformat „Neue Szenen“ in Tischlerei der Deutschen Oper

Im vierten Jahr findet das Format „Neue Szenen“ statt. Das Thema: der Marianengraben im Westpazifik.

Im vierten Jahr findet in der Tischlerei der Deutschen Oper in Zusammenarbeit mit der Musikhochschule „Hanns Eisler“ das Format „Neue Szenen“ statt. Drei Partituren zu Mini-Opern sind vor anderthalb Jahren von einer achtköpfigen Jury aus Opernschaffenden, Hochschullehrenden und Journalisten ausgewählt worden. Dann wurde inszeniert. Es hat sich gelohnt – denkt man im Vergleich an so viele Diplom-Operninszenierungen, die in einer traurigen Semi-Professionalität stecken bleiben. Die Deutsche Oper beugt hier mit ihren erfahrenen Solistinnen und Solisten vor.

Als Thema hat man sich den tiefen Marianengraben im Westpazifik ausgesucht – dessen tiefliegender Meeresgrund mit Forscherdrang und Todestrieb gleichermaßen in Verbindung gebracht wird. Beides nutzt bereits das erste Stück des Abends „Am Grund gibt‘s keinen Grund mehr nach dem Grund zu fragen“ für seinen musiktheatralen Ansatz. In einem transparenten, auf zwei Metern Höhe in der Tischlerei schwebenden Unterseeboot merken drei Sängerinnen und Sänger in Tauchanzügen, dass ihre Luft nur noch für 25 Minuten – die Dauer des Werkes – reichen wird. Gleichzeitig mit dem im Hintergrund in kehlig dunklen Klangfarben begleitenden Hochschulorchester unter Manuel Nawri erkennen die drei singenden Forscher ihr sehr verschiedenes Verhältnis zu Leben und Tod: Komponist Sven Daigger, Librettistin Fanny Sorgo und Regisseurin Anne-Sophie Weber haben die Gefahr solcher Nachwuchsproduktionen, zuviel gedanklichen Ballast in die einmal gefundene musikdramatische Idee zu packen, geschickt vermieden.

Das gilt weniger für die Kammeroper „Eurydike“ von Feliz Anne Reyes Macahis, die von Uta Bierbahm getextet und von Johanna Frech inszeniert ist. Erst im Laufe des Stückes verstehen die Zuschauenden die witzige Mutation des Orpheus-Mythos. Die Figur ist hier ein Tiefseeforscher, der Ehefrau Eurydike geschwätzig die Faszinationen der Meerestiefe nahezubringen sucht. Diese bedeutet für ihn mit Leben und Wissensdrang, für sie jedoch die romantische Erfüllung ihrer Todessehnsucht.

Komödiantisch-leichtfüßig wird in „Aufbruch“, dem letzten Teil des Opern-Triptychons, an einem gelben Meer mit plüschigen Sonnenkugeln und kleinen gelben Bällchen nach dem Sinn des Lebens gesucht. Zweifellos haben sich Komponist Josep Planells Schiaffino, Librettistin Debo Kötting und Regisseurin Selina Thüring mit diesem humorvollen „Spaziergang“ der Solisten, „der eine Metapher für das Leben ist“, den anspruchsvollsten Opernstoff ausgesucht – er lässt das Publikum jenseits des lustigen Slaptsticks die dramaturgische Linie suchen, mit der hier für musiktheatrale Verhältnisse etwas zu tollkühn jongliert wird.

Es ist ein Abend, der zu weiterem Nachdenken über eine möglichst unverkrampfte Zukunft von Oper und Musiktheater anregt.