Literatur

„GRM“ von Sibylle Berg: Wenn das Glück nicht vorgesehen ist

Optimierte Menschen und wütende Jugendliche: Sibylle Berg verlängert die Geschichte der Digitalisierung in eine trostlose Zukunft.

Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg, Jahrgang 1962.

Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg, Jahrgang 1962.

Foto: © Katharina Lütscher

Der Welt geht es nicht so gut. Ihre Benutzeroberfläche ist kaputt. Totalschaden durch unsachgemäße Behandlung. Man hätte das vorhersehen können, damals, in der Zeit, als die Polkappen zusammenschmolzen, die Rohstoffe knapper und die Demokratien in Europa brüchiger wurden. 2019 zum Beispiel. Es waren, wird man später vielleicht einmal sagen, die Jugendlichen, die sehr vehement darauf aufmerksam gemacht hatten. Vor allem freitags. Und Sibylle Berg. In ihrem neuen Roman „GRM - Brainfuck“. Auf die ist Verlass, wenn’s brennt. In ihren mittlerweile 14 Romanen (und 25 Theaterstücken) befand sich der Brandherd oft im Zwischenmenschlichen und Zwischengeschlechtlichen. Darum müssen sich die Leute nun selbst kümmern, bei Sibylle Berg geht’s jetzt ums Ganze. Um alles eigentlich.

Im England der Nach-Brexit-Jahre

Ihr neues Buch ist ein extrem düsterer Zukunftsroman, eine Dystopie könnte man sagen, wäre das, was sie da schildert, im Kern nicht so erschreckend real. Es spielt größtenteils in einer nicht näher bestimmten, auf jeden Fall aber sehr nahen Zukunft, im England der Nach-Brexit-Jahre, in einer durchökonomisierten, normierten Welt. Das ist keine kühne Science-Fiction-Nummer mit futuristischen Gadgets, die sie da geschrieben hat, sondern ein sehr schlau und hellsichtig zugespitztes, rohes und extrem ungemütliches Update unserer Wirklichkeit. Mit Algorithmen und Künstlichen Intelligenzen, die mehr Macht übernehmen, als sie sollten, mit gar nicht mal so unrealistischen Selbstoptimierungs- und Überwachungsszenarien, mit Menschen, die ihre Leben in ihre Endgeräte verlagert haben. Im Zentrum: Don, Hannah, Karen und Peter, allesamt in einem Alter, in dem die Kindheit gerade zur Jugend wird. In Rochdale, einem deprimierenden Ort in der Nähe von Manchester, kreuzen sich ihre ebenfalls deprimierenden Lebenswege.

Wütend, nicht betäubt

Die für sie zuständigen Erwachsenen sind alkoholabhängig, abgehauen oder nicht mehr am Leben. Diese Kinder sind Übriggebliebene. Abends liegt das Mädchen Don in ihrem Doppelstockbett im stinkenden Obdachlosenheim und denkt: „Glück würde ich gerne einmal kennenlernen.“ Dass das für sie nicht vorgesehen ist, wissen die Kinder noch nicht. Dafür sind sie zu wütend. Immerhin noch wütend und nicht betäubt wie all die anderen. Es ist die Wut, die sie eint. Und die Musik. Das „GRM“ im Buchtitel, es steht für Grime, jenen Musikstil, der Anfang der 2000er Jahre in England entstand und Einflüsse aus Dubstep, Rap, Hiphop vereint, schneller, lauter, schmutziger, härter als alles zuvor. Grime ist, wie Don, Hannah, Karen und Peter gerne wären: wild, unerschrocken und gefährlich.

Knappe, salvenartige Sätze

Da das in Rochdale kaum was werden würde, gehen sie gemeinsam nach London. Wo aber nichts besser ist. Wo die Menschen in kleinen Wohnröhren leben, wenn sie sich die noch leisten können, wo sie Chips unter der Haut tragen, mit denen sie Belohnungspunkte für tadelloses Verhalten sammeln können. Andernfalls wird ihnen das Grundeinkommen gekürzt oder gestrichen. Es regiert eine Internet-Partei mit einem Avatar an der Spitze. Die Menschen, „das Hirn im Offline-Modus“, scheint das alles nicht weiter zu stören, sie finden sich zunehmend ab. „Ein paralysiertes, glückliches, hirnloses Volk“, heißt es gegen Ende einmal. So sind Don, Hannah, Karen und Peter nicht. Noch nicht, muss man leider hinzufügen. Sie organisieren sich außerhalb des Systems, bewohnen eine abgelegene Fabrikhalle, tricksen die Überwachungskameras aus und starten einen Rachefeldzug gegen alle, die sich an ihnen schuldig machten.

Alles auf Anfang

Das sind viele. Die Figuren treten in diesem Roman oft so unvermittelt auf und wieder ab, als seien sie Teil einer gigantischen digitalen Simulation, gesteuert von irgendeinem Algorithmus, der in der Lage ist, jeden Einzelnen beliebig in den Stand-By-Modus zu versetzen. Alle sind mit einem eigenen Profil ausgestattet, kategorisiert zum Beispiel nach Ethnie, sexuellen Vorlieben und gesellschaftlicher Verwertbarkeit. In knappen, salvenartigen Sätzen vernetzt Sibylle Berg sie miteinander und entwirft ein monströses Panoptikum emotionaler Verrohung. Der eine tötet seine Nachbarin, indem er sich in ihren Kehlkopf verbeißt, der Sohn eines korrupten Politikers versenkt seine Stiefmutter in einem Fass Säure. Das, was wir einmal Zivilisation nannten, hat vollends abgedankt, die Evolution wird resettet und auf eine neue schauerliche Stufe gehoben.

Wo bleibt die Erlösung?

Sibylle Bergs trotz einiger Redundanzen unbedingt lesenswerter Roman ist in seinen Details ein drastisches Buch und in seinem Grundtenor ebenso aufrüttelnd wie niederschmetternd. Weil es in so einer Zukunft keine Aussicht auf Erlösung geben kann, weil auch die Kinder dazu nicht taugen. Weil auch sie sich am Schluss abgefunden haben. Sie haben Jobs, Wohnungen, Liebhaber. Was sie nicht mehr haben, ist: Wut.

Sibylle Berg, GRM: Brainfuck. Kiepenheuer und Witsch, 640 Seiten, 25 Euro. Lesung und Performance: Am 16.04. um 20 Uhr im Festsaal Kreuzberg, Am Flutgraben 2. Sibylle Berg wird u.a. begleitet von: T. Roadz (UK), Prince Rapid und Slix (Ruff Sqwad/UK), Otiti Engelhardt, Antonije Stankovic.