Jacques Brel zum 90.

Dominique Horwitz entdeckte seine Liebe zu Brel „aus Not“

Am 8. April wäre Jacques Brel 90 geworden. Dominique Horwitz ist einer seiner großen Interpreten. Wenn auch nur aus Zufall.

Seit 35 Jahren interpretiert er Brel-Chansons. Und wächst mit ihnen: Dominique Horwitz auf dem Dach des Tipi, wo er im Mai auftreten wird.

Seit 35 Jahren interpretiert er Brel-Chansons. Und wächst mit ihnen: Dominique Horwitz auf dem Dach des Tipi, wo er im Mai auftreten wird.

Foto: Maurizio Gambarini

Jacques Brel gehört zu den ganz Großen des Chansons. Titel wie „Ne me quitte pas“ oder „Amsterdam“ kennt noch heute, 41 Jahre nach seinem Tod, jeder. Was auch daran liegt, dass immer noch ganz viele, auch prominente Interpreten seine Lieder singen. Am morgigen Montag wäre Brel 90 Jahre alt geworden. Aber was macht den Chansonnier noch immer so faszinierend? Wir haben darüber mit einem der großen deutschen Brel-Interpreten gesprochen: Dominique Horwitz, der ab 7. Mai wieder einmal mit einem Brel-Programm im Tipi am Kanzleramt gastieren wird.

Berliner Morgenpost: Sie sind seit 35 Jahren mit Jacques Brel unterwegs. Werden Sie den Geburtstag am Montag irgendwie begehen?

Dominique Horwitz: Ich werde auf jeden Fall mit meiner Frau auf Jacques Brel anstoßen.

Wann haben Sie Brel eigentlich für sich entdeckt?

Ich weiß es nicht mehr. Die Frage zu beantworten, ist genauso schwierig wie die, wann du dein erstes Baguette gegessen hast. Für einen Franzosen meiner Generation, ich bin ja in Paris geboren, ist das unmöglich zu beantworten. Als ich klein war, war Brel omnipräsent. Man hat ihn mitbekommen, bevor man überhaupt denken konnte.

Und wie kamen Sie auf die Idee, seine Chansons zu singen?

Aus der Not heraus. Als Frank Baumbauer seine Intendanz am Residenztheater in München antrat, wurde die erste Spielzeit mit einem großen Fest eröffnet. Jeder sollte etwas dazu beitragen. Ich war ein junger Schauspieler, hatte also wenig, womit ich aufwarten konnte. Und habe entschieden, vier Brel-Lieder zu singen. Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Ohne mir bewusst zu sein, was ich da eigentlich tue. Ob das womöglich ein Sakrileg sein könnte, ob die Schuhe, in die ich da steige, nicht viel zu groß sind. Aber ich war jung, ich habe wenig nachgedacht. Also habe ich das getan. Und das fand so großen Anklang, dass das Haus mir 1984 anbot, einen eigenen Brel-Abend zu machen.

Seither singen Sie immer wieder Brel, in mehreren Programmen, auf mehreren Alben. Ist er Ihnen, nach all den Jahren, zu einer zweiten Haut geworden?

Vermessenerweise würde ich sagen: Ja. Eine zweite Haut trifft es ganz gut. Ich glaube, dass ich nichts lieber tue, als Jacques Brel zu singen. Mit den Musikern, die mich seit langem begleiten.

Was bedeutet Ihnen Jacques Brel, was macht sein Faszinosum aus?

Was für eine Frage! Der kann ich mich nur annähern. Was mich an Brel interessiert, ist das, was das Publikum an ihm interessiert. Worum geht es da? Um die große Liebe, die Enttäuschungen, all die großen Themen. Das klingt vielleicht abgedroschen. Aber Brel hat einen Weg gefunden, einem das, was ihn bewegt, ganz unmittelbar zu schenken. „Ne me quitte pas“: Fünf Töne, und die ganze Welt bekommt feuchte Augen. Was will man mehr? Mit Brel als Person habe ich mich dagegen nie befasst. Seine Biographie habe ich erst nach 20 Jahren gelesen. Wenn man Brel hört, versteht man, dass man ihn nicht kennen muss. Wie alle große Kunst, stehen seine Chansons für sich. Er verschwindet dahinter. Was auch ein Zeichen von Größe ist. Ich bin nur ein Mittler zwischen seinen Chansons und dem Publikum.

Unter allen Chansonniers ist Brel derjenige, der weniger Sänger als vielmehr Schauspieler war, der seine Chansons auf der Bühne lebte. Muss man ein Schauspieler sein, um dem gerecht zu werden?

In seiner Seele war Brel Schauspieler. Seine Lieder sind reines Theater. Ich finde, dass man Brel nicht singen kann, man muss ihn spielen. Es ist mein großes Glück, dass ich Schauspieler bin. Und dass ich das das handwerklich singen kann, dass meine Stimme exakt dazu passt. Ich muss mich, um Brel zu singen, nicht künstlerisch verbiegen.

Wenn man Brel singt, muss man „Ne me quitte pas“ und „Amsterdam“ singen, seine großen Klassiker. Aber sind die eigenen Lieblingschansons womöglich ganz andere?

Ich habe auch fünf Chansons im Programm, die erst zu seinem 25. Todestag 2003 freigegeben wurden. Die hat er noch aufgenommen, aber nicht fertiggestellt. Vermutlich weil er nicht so zufrieden war. Ich maße mir an, hören zu können, weswegen er nicht zufrieden war. Ich habe einen eigenen Zugang zu diesen Chansons gesucht, und sie sind sehr aufregend geworden. Sie sind tatsächlich zu meinen Lieblingschansons geworden.

Ist das einfacher, sich solche Chansons zu eigen zu machen, die man gar nicht von Brel selber kennt?

Es ist in der Tat leichter. Weil ich ein ganz persönliches Gefühl entwickeln konnte, das ihm womöglich nicht gefallen hätte. Letztlich habe ich die Schwächen entdeckt, weshalb er sie wohl nicht veröffentlicht hat. Und Schwächen zu korrigieren, ist immer eine große inspirative Kraft.

Wenn man diese Chansons über die Jahre immer wieder singt, singt man sie anders? Verändert das einen, verändert man sich mit ihnen?

Obwohl die Frage banal ist, spricht sie eine große Wahrheit aus. Ich erlebe das existenzieller als bei anderen Programmen, die ich im Lauf der Jahre immer wieder mache. Weil Brel das Leben beschreibt. Und das Gefühl, wie wir uns darin bewegen. Das ist ein großes Geschenk, dass man miterleben darf, wie man sich selbst verändert (im besten Falle: verbessert). Dass das bisschen Weisheit, das man im Laufe der Jahrzehnte akkumuliert, sich tatsächlich in der Kunst niederschlägt. Und in den Gefühlen.

Sie sind einer der großen Brel-Interpreten in Deutschland. Neben Klaus Hoffmann. Gibt es da eigentlich so etwas wie Konkurrenz untereinander?

Wir können und schätzen uns sehr. Aber sein Zugang ist natürlich ein ganz anderer. Ich gehe viel konventioneller vor. Ich höre ein Chanson von Brel und sehe meine Aufgabe darin, auf meine Weise den Versuch zu starten, es ihm recht und gleich zu tun. Klaus Hoffmann, wiewohl auch Schauspieler, hat einen ganz persönlichen Zugang gefunden, weil er ja selber Lieder schreibt. Zudem hat er sich die größten Meriten dadurch verdient, dass er die besten Übersetzungen von Brel-Chansons ins Deutsche gemacht hat. Die sind atemberaubend. Er schafft es, die Poesie und tiefen Inhalte umzusetzen, ganz nah am Original. Er dient den Chansons.

Hören Sie eigentlich selber noch Brel-Chansons?

Überhaupt nicht. Über die Jahre habe ich vieles sehr oft gehört. Irgendwann meint man, sein Werk erfasst zu haben. Das reicht mir.

Dominique Horwitz singt Brel. Tipi am Kanzleramt, 7.-12. Mai. Kartentel: 390 665 50.