Kabarett Wühlmäuse

Bei Chin Meyer bleibt die Satire auf der Strecke

Die Premiere von „Leben im Plus“ bei den Wühlmäusen bleibt ohne roten Faden, denn Chin Meyer versucht einfach zu viel.

Chin Meyers neues Solo-Programm wirkt unentschlossen.

Chin Meyers neues Solo-Programm wirkt unentschlossen.

Foto: MARKUS NASS

Berlin. Beim Kabarett erweist sich die künstliche Intelligenz noch nicht als Jobkiller. Selbst als Sidekick ist die KI nur bedingt geeignet. Was auch daran liegen mag, dass sich Satiriker Chin Meyer eine Betaversion aufschwatzen lassen hat. Die ist noch ein bisschen blöde, heißt Aliri und versemmelt gleich erst mal den Programmauftakt.

Später dann flirtet der sprechende Zylinder mit einem Typen aus Reihe 1, fischt dabei mit den Gags im trüben Gewässer des Altherrenwitzes. Meistens aber kaschiert die KI als Stichwortgeber eher holprige Themenwechsel. Davon gibt es viele an diesem Abend.

Zur Premiere seines neuen Solos „Leben im Plus“ in den Wühlmäusen, hat sich der Berliner Satiriker nicht nur die KI als Assistentin mit an Bord geholt. Bei seinen gesanglichen Ausflügen unterstützt ihn zudem Pianist C. D. Bandorf.

Meyer selbst steht etwas verloren zwischen den beiden. Unentschieden zwischen pointierter Kritik an der Digitalisierung und ihren Auswüchsen einerseits und der Profilierung als Schlagerparodist andererseits. Schließlich war Meyer mal in seinem früheren Leben Musical-Darsteller.

Zu viel Unentschlossenheit schadet

Der Beginn des Abends ist gelungen. Da lässt Meyer seinen Programmtitel für sich sprechen. Will das Wort „Plus“, ein Synonym für „Und“, mit seinem interaktiven Charakter statt des „Oders“ stärker ins Leben integrieren. Zur Demonstration mischt sich der 59-Jährige unters Publikum, befragt die Zuschauer nach Alter und Wohnort. Verbindet die heterogenen Antworten und forciert gewitzt ein Wir-Gefühl.

Danach folgt programmatische Unentschlossenheit. Ohne roten Faden macht Meyer einfach alles. Conférencen, singen, in verschiedene Bühnenfiguren schlüpfen wie den Steuerfahnder Siegmund von Treiber. Der referiert, dass immer mehr Menschen weniger zu tun haben, und plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen. US-Präsident Trump habe das schließlich auch bekommen als Sohn reicher Eltern.

Der satirische Esprit tendiert gen Null

Es folgt ein Exkurs wie durch mehr Geld für Arme die Kriminalität gesenkt und die Bildung erhöht werden könnte. Hört sich an wie direkt von Spiegel Online abgespickt. Der satirische Esprit tendiert dabei gegen Null.

Später erzählt Meyer, habe er mal vor einem weiblichen Publikum gestrippt, weil die Damen keine Lust auf politisches Kabarett gehabt hätten. Man kann es ihnen nachfühlen. Meyer reißt ein wahres Konvolut von Themen an. Migration, Dieselaffäre, Brexit, AfD, Kochshows, Schusswaffen. Der Mix ist bunt und ausufernd, jedoch ohne Stringenz vorgetragen.

Oft bleibt Meyer an der Oberfläche. Was zuweilen ärgerlich ist. Etwa, wenn er Seitenhiebe auf politisch stramm Rechte macht. Die stellt er mit affenartigen Geräuschen als dumme Primaten da, statt sich argumentativ mit ihnen auseinander zusetzen. So spielt man Populisten in die Hände. Ein Kabarettist sollte das wissen.