Mercedes-Benz Arena

Bob Dylan begeistert seine Fans in Berlin - und schweigt

Bob Dylan ist seit 30 Jahren auf seiner „Never Endig Tour“. In Berlin begeistert er mit einer immer neuen Sichtweise auf seine Songs.

Bob Dylan weiß, was seine Fans wollen - knorrig bleibt er dennoch (Archivbild).

Bob Dylan weiß, was seine Fans wollen - knorrig bleibt er dennoch (Archivbild).

Foto: dpa Picture-Alliance

Berlin. Seine Konzerte wirken auf nüchterne Weise distanziert. Seine Auftritte sind eingebettet in eine so spartanische wie eindrucksvolle Inszenierung, die ihm die Möglichkeit gibt, seinem Publikum so wenig nah wie möglich sein zu müssen. Seit mittlerweile 30 Jahren ist Bob Dylan auf seiner „Never Endig Tour“, gibt Jahr für Jahr mehr als 100 Konzerte, begeistert und verstört gleichermaßen mit einer immer neuen Sichtweise auf sein Werk, auf seine Lieder, die er mit Lust und einem Schuss Radikalität zerpflückt und immer wieder neu zusammensetzt.

Nach drei Jahren Abstinenz machen Bob Dylan & His Band nun wieder in Berlin Station. Die Mercedes-Benz Arena ist am Donnerstagabend bestuhlt und nahezu ausverkauft. Als das Saallicht kurz nach 20 Uhr verlischt, begleiten Fetzen aus Strawinskys „Sacre du printemps“ die Musiker auf ihrem Weg auf die Bühne.

Dylan steht in strassbesetzter, enger Lederhose und hellem Dinnerjacket am Flügel und mit „Things Have Changed“, das hat inzwischen schon fast Tradition, eröffnet er einen wunderbaren Abend, der einmal mehr klarstellt, dass sich die Dinge eben immer wieder ändern.

Dylan erfindet seine Songs immer wieder neu

Und dass ein und derselbe Song heute ganz anders klingen kann als noch vor ein paar Monaten. Das wird gleich beim zweiten Stück deutlich: Es dauert bis zum Refrain, bis das Publikum „It Ain’t Me, Babe“, den Klassiker von 1964, erkennt. Mal dehnt, mal zerhackt Dylan die Zeilen, lässt die Melodie nur noch rudimentär durchscheinen, widmet sich mit heiser-rauher Stimme einem poetischen Sprechgesang.

Dylan, der als bisher einziger Musiker mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, nimmt seine sprachlich komplexen Lieder immer wieder in die Mangel und formt sie neu. Mit „Highway 61 Revisited“ von 1965 folgt gleich noch eine weitere Perle der frühen Jahre.

Widerstand gegen Erwartungen

Als Dylan in den frühen 60er-Jahren nach New York kam, wollte er nur auf der Bühne stehen und seine Lieder singen. Dass die so großartig waren, dass er zum Idol und zur Leitfigur einer ganzen Generation stilisiert wurde, war ihm stets unangenehm. Schon deshalb hat sich immer wieder gedreht, gehäutet und gewunden und Erwartungen bewusst missachtet. Und sich 1989 mit großartigen Musikern auf seine endlose Welttournee begeben, bei der er das sein kann, was er immer sein wollte: der fahrende Sänger.

Das Programm ist fest geplant

Seit einigen Jahren haben sich Dylan und seine Band auf ein relativ fest geplantes Abendprogramm geeinigt. Zuvor versuchten sie, in jedem Konzert immer andere Songs aufzuführen. Das machte die Shows spannend und überraschend. Inzwischen ist das Repertoire relativ fest gefügt und es gibt kaum noch große Änderungen.

Man spürt freilich, wie gut die Band dadurch miteinander kommuniziert. Gitarrist Charlie Sexton, Bassist Tony Garnier, Schlagzeuger George Receli und der an Pedal-Steel- und Lapsteel-Gitarre, Banjo sowie Geige aktive Donnie Herron stärken Dylan routiniert und virtuos den Rücken.

Bei „Simple Twist of Fate“ vom großartigen 1975er-Album „Blood On The Tracks“ greift Dylan zum ersten Mal auch zur Mundharmonika. „When I Paint My Masterpiece“ spielt er fast allein am Klavier, die Band bleibt sehr zurückhaltend in der Defensive. Dann machen sie wie beim bluesrockigen „Early Roman Kings“ vom 2012 erschienenen Album „Tempest“ ordentlich Druck.

Der 77-jährige Dylan ist überraschend gut bei Stimme. Vielleicht hat es ihm gut getan, dass er sich vor ein paar Jahren für eine Platte den Songs seines Idols Frank Sinatra gewidmet hat. Er singt auf geradezu betörend knorrige Weise.

Dylan bleibt in Berlin stumm

Allerdings sagt er den ganzen Abend über kein Wort. Keine Begrüßung, kein Dankeschön, und auch kein Wort zum Abschied. Nichts. Nicht einmal seine Musiker sagt er an. Man kann das als schrullig abtun, doch bei aller Distanz stellt man fest, dass es ihm offensichtlich Spaß macht, da oben hinter seinem Flügel auf der Bühne zu sein. Man meint sogar einmal ein Lächeln in dem furchigen Gesicht auszumachen.

Bei „Scarlet Town“, ebenfalls vom „Tempest“-Album, geht er sogar ans Mikrofon an der Bühnenrampe und markiert den Rocksänger, verzieht sich dann aber gleich wieder ein paar Schritte nach hinten. Eine geradezu innige Version gibt es von der Ballade „Make You Feel My Love“ von 1997.

Der Meister weiß, was die Fans wollen

Der umtriebige Dylan, der neben seiner Musik auch Aquarelle malt, in seinem Atelier kunstvolle Gartentore zusammenschweißt und seit kurzem auch Besitzer seines eigenen Whiskey-Labels namens „Heaven’s Door“ ist, weiß natürlich, was seine Fans wollen.

Und so gibt es in der Benz-Arena weitere Klassiker wie „Like A Rolling Stone“, „Don’t Think Twice, It’s Allright“ und als erste von zwei Zugaben den Anti-Kriegs-Song schlechthin: „Blowin‘ In The Wind“. Die Band rollt dem mehr als 55 Jahre alten Lied mit Pedal-Steel und Geige einen geradezu kitschigen Teppich aus.

Mit „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ von 1965 schicken Dylan und seine Band ein glückliches Publikum nach zwei Stunden in die laue Nacht. Eine gemeinsame Verbeugung noch. Die Karawane zieht weiter. Der dankbare Applaus hallt noch lange nach.