Nach Kosslicks Abschied

Neue Berlinale-Chefs wollen "einiges anders machen"

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, die ab Juni die Berlinale leiten werden, verraten, was sie alles mit dem Festival vorhaben.

Hier werden sie ab Juni gemeinsam die Berlinale leiten: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian im Renzo-Piano-Bau am Potsdamer Platz 11.

Hier werden sie ab Juni gemeinsam die Berlinale leiten: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian im Renzo-Piano-Bau am Potsdamer Platz 11.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Offiziell treten sie ihr Amt erst am 1. Juni an. Dann werden Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Berlinale erstmals in einer Doppelspitze leiten: der Italiener als künstlerischer Leiter, die Niederländerin als Geschäftsführerin. Aber jetzt stellten sich die beiden, die im vergangenen Juni zu den Nachfolgern von Dieter Kosslick berufen wurden, schon einmal vor. In den Büroräumen der Berlinale am Potsdamer Platz - nur eine Etage unter Kosslick, der sein Büro einen Tag nach seinem 71. Geburtstag, am 31. Mai, räumen wird.

Berliner Morgenpost: Herr Chatrian, wie gut ist Ihr Deutsch mittlerweile? Können wir das Interview auf Deutsch führen?

Carlo Chatrian: Sie können gern die Fragen auf Deutsch stellen, aber ich würde es doch vorziehen, auf Englisch zu antworten. Aber ich lerne natürlich. Ich will ja auch mit meinem Team reden können.

Mit Ihnen beiden leitet erstmals eine Doppelspitze die Berlinale. Wie gut kennen Sie sich eigentlich? Und stimmt die Chemie zwischen Ihnen?

Mariette Rissenbeek: Als Chefin von German Films, der Interessensvertretung des deutschen Films traf ich mich immer während der Berlinale und während Cannes mit den Leitern der meisten Festivals. Carlo hat in Locarno 2012 begonnen, also habe ich ihn sechs Jahre lang zwei Mal im Jahr getroffen. Und dann hatten wir eine noch engere Kooperation, als „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz in Toronto gezeigt wurde. Carlo liebt das Werk von Reitz...

Chatrian: Wir haben uns dann auch ausgetauscht, als wir in Locarno eine Retrospektive über den westdeutschen Film gemacht haben.

Rissenbeek: Wir kannten uns also schon eine Weile, bevor wir diese gemeinsame Reise begonnen haben.

Chatrian: Und jetzt, seit einigen Monaten, tauschen wir uns noch intensivere aus. Was ich sehr mag.

Sie haben schon Locarno geleitet. Berlin ist etwas größer. Ist das ein schweres Erbe, das Sie da antreten?

Chatrian: Schwer? Ich weiß nicht. Es ist eine größere Herausforderung, keine Frage. Aber ich empfinde es eher als aufregend. Als ich für Locarno ernannt wurde, habe ich gerade eine Wand eingerissen, weil wir zuhause renoviert haben. Das war eine komplette Überraschung. Ich hatte noch nie zuvor ein Festival geleitet. Diesmal hat es mich nicht mehr so ganz unvorbereitet getroffen. Aber in Locarno wurde nur ein Künstlerischer Leiter ausgetauscht, da wurde keine Struktur verändert. In Berlin aber gibt es jetzt erstmals eine Doppelspitze. Und daran arbeiten wir jetzt.

Rissenbeek: Und das ist die Herausforderung: herauszufinden, wie genau man die Aufgaben aufteilen kann. Was gehört mehr zur künstlerischen Seite des Festivals und was hat das mehr mit meinem Teil des Managements zu tun? Es gibt da viele Fragen, die wir derzeit klären. Aber wir haben noch nicht alle Antworten darauf. Doch ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Jetzt gerade machen wir noch sehr viel gemeinsam, um überhaupt eine Vorstellung von dem ganzen Gefüge zu bekommen. Bevor wir es dann aufteilen.

Und werden Sie die Berlinale neu erfinden? In den vergangenen Jahren wurde ja die Kritik immer lauter, dass es zu viele Sektionen gibt, dass da keiner mehr eine Übersicht hat. Ist der Neuanfang jetzt eine Chance, einen Schnitt zu setzen und das radikal zu überdenken?

Rissenbeek: Es wäre eine komische Strategie, wenn wir nichts ändern würden. Aber gerade jetzt müssen wir uns erst mal einen Überblick verschaffen, wie die Strukturen überhaupt funktionieren. Wir werden sicher einiges übernehmen, aber auch einiges anders machen. Aber es wird nicht so sein, dass jetzt eine Zäsur kommt und das Festival von heute auf morgen völlig anders aussehen wird.

Chatrian: Dem stimme ich zu. Ein gewisser Wandel geschieht ja schon, es gibt jetzt zwei Leiter. Und wir haben ein neues Auswahlgremium einberufen. Die Programmauswahl wird also auch eine andere sein. Ich verstehe uns aber als bislang letztes Glied in einer sehr langen und erfolgreichen Geschichte der Berlinale. Wir wollen Teil dieser Geschichte sein und sie nicht mit einer drastischen Zäsur beenden. Aber wie Mariette schon gesagt hat, wir brauchen noch ein bisschen Zeit, um zu sehen, wie diese Struktur begründet ist, die ja sehr gut funktioniert.

Hintergrund: Das neue Berlinale-Duo gab erste Neuerungen bekannt

Stimmt es, dass Sie bei der Programmierung der Filme künftig mehr auf das Künstlerische achten wollen?

Chatrian: Ich war bei der Berlinale meist auf dem Filmmarkt, bei der letzten habe ich versucht, die verschiedenen Sektionen zu besuchen. Vom Wettbewerb habe ich deshalb nur zwei, drei Filme gesehen. Ich kann mir da kein Urteil erlauben. Mein Job ist es, Filme zu finden. Und mein Geschmack ist ziemlich breit. Auch in Locarno konnte ich Filme für 8.000 Leute auf der Piazza zeigen, und andere in einem Kino, in das nur 90 Leute passen. Ich sehe da keinen Widerspruch, große und kleinere Filme zu zeigen. Das Ziel ist es, das große Publikum zu unterhalten, aber auch sehr cinephile Werke für andere Zuschauerschichten zu zeigen. Mein Ziel wäre es sogar, diese verschiedenen Zuschauermengen zu verschmelzen.

Über die Hälfte Ihres Auswahlkomitees bringen Sie aus Locarno mit. Brauchen Sie Schützenhilfe, brauchen Sie bekannte Gesichter, damit das kein Kaltstart wird? Ist Berlin das neue Locarno?

Chatrian: In solchen Kriterien denke ich nicht. Ich finde es sinnvoll, ein internationales Team zu haben, das schon starke Verbindungen zur Kinowelt hat. Aber es war mir auch wichtig, dass zumindest einige in diesem Team meinen Geschmack kennen. Und ich den ihren. Dann geht die Kommunikation schneller.

Auch ein Vorwurf, den man zuletzt öfter hörte, war, dass man nicht mehr genau wusste, wann ein Film im Wettbewerb lief und wann im Forum. Wollen Sie die Sektionen, so Sie sie denn überhaupt beibehalten, wieder mehr in ihrem Profil schärfen?

Chatrian: Wir haben uns entschieden, dass das nächste Festival ein Übergangsfestival wird, die meisten Sektionen bleiben. Aber ja, mein Ziel ist es, alle Programme mitzugestalten, so dass ich als künstlerischer Leiter auch über jeden Film reden kann. Das verstehe ich als Teil meines Jobs, eine Richtung vorzugeben. Für das Publikum, die Kritik, aber auch für Filmschaffende. Ich hoffe, man wird sich bei mir nicht fragen, warum ein Film im Wettbewerb läuft und nicht im Panorama.

Rissenbeek: Und wie Sie sicher wissen, wird das Forum seine künftige künstlerische Leitung selbst auswählen. Das Verhältnis mit dem Forum wird also sowieso ein anderes sein. Crossover wird es da künftig kaum geben.

Und wie wird es mit dem Standort? Der Vertrag mit dem Potsdamer Platz läuft ja irgendwann aus.

Rissenbeek: Der Potsdamer Platz ist schon ein sehr guter Standort, mit dem Berlinale Palast, dem Martin Gropius Bau für den Filmmarkt und all die Kinos drumherum. Für die nächsten zwei, drei Jahre bleiben wir auf jeden Fall hier. Aber nicht nur bei uns ist einiges im Wandel. Wie wir wissen, wird die Cinestar-Kette verkauft. Was das für den Potsdamer Platz bedeutet, können wir noch gar nicht absehen. Den Berlinale-Palast werden wir aber erst mal weiter bespielen. Das sieht für die nächsten Jahre ganz gut aus.

Dieter Kosslick sitzt bis Mai noch in diesem Haus, ein Stockwerk über Ihnen. Tauschen Sie sich eigentlich aus? Oder gehört es sich für Neue, einen eigenen Weg zu finden?

Rissenbeek: Natürlich sprechen wir miteinander. Das haben wir gleich im Juni gemacht, als man uns als Nachfolger ernannt hat. Es gab erste Gespräche im Herbst, wir durften die Berlinale auch ein paar Mal bei der Vorbereitung des vergangenen Festivals besuchen. Aber es versteht sich von selbst, dass Dieter bei seiner Abschieds-Berlinale sehr beschäftigt war, da konnten wir nicht ständig mit ihm sprechen. Und danach hat er erst mal einen wohlverdienten Urlaub genommen. Jetzt gibt es nicht mehr so viele intensive Treffen, aber wir haben uns schon gut ausgetauscht.

Die nächste Berlinale ist nicht irgendeine, es wird die 70. sein. Ein großes Jubiläum also. Da müssen Sie sich gleich noch außergewöhnliche Events ausdenken.

Chatrian: Allerdings. Wir haben ja schon angekündigt, dass das Festival dieses Jubiläum in der ganzen Stadt feiern sollte, und die Stadt im Festival, beides zugleich. Es ist noch viel zu früh, um da irgendetwas Näheres sagen zu können. Wir müssen erst mal mit möglichen Partnern reden und die Finanzierung klären. Aber wir würden gerne etwas machen, was außerhalb des üblichen Gefüges stattfindet. Wir beide glauben, dass die Berlinale genau das ausmacht, diese enge Verbindung der Stadt mit dem Festival. Und in diesen 70 Jahren ist ja viel passiert, das Festival ist auch ein Spiegel dieser Veränderungen. Die Stadt hat all das mitgemacht, und wir würden ihr dafür gern etwas zurückgeben. Den Berlinern, aber auch den Gästen, die von anderswo herkommen.

Erhöht das den Erwartungsdruck, wenn man dann gleich noch seine ganze Geschichte feiern muss?

Rissenbeek: Es ist schon eine ganz schöne Herausforderung. Aber es ist natürlich auch eine ganz große Chance, das mit einem großen Aufschlag zu beginnen. Weil dann vielleicht noch mehr Leute auf das Festival achten als sonst. Ich möchte es lieber als Chance sehen.

Herr Chatrian, wie lange planen Sie die Berlinale ein? Ist das eine Entscheidung für viele Jahre? Oder liebäugeln Sie schon mit Venedig als nächstgrößerem Festival?

Chatrian: Also, ich habe einen Vertrag über fünf Jahre unterschrieben. Ich mache den Job, weil ich ihn mag. Ich werde ihn in Berlin so lange machen, wie ich glaube, dass meine Präsenz gut ist für das Festival. Aber ein Festivalleiter sollte nicht wichtiger sein als die Filme. Ich mag Berlin sehr, ich kann mir gut vorstellen, dass ich hier für den Rest meines Lebens herziehe. Aber ich bin keiner, der für die Ewigkeit plant.

Letzte Frage: Wie oft kommen Sie eigentlich privat ins Kino?

Rissenbeek: Ich gehe so drei, vier Mal im Monat. Mehr schaffe ich nicht.

Chatrian: Ich liebe es, Filme im Kino zu erleben. Mit Publikum. Das, fürchte ich, wird mir in der Zukunft, wenn ich Filme vorab sichten werde, wohl nicht mehr so oft passieren.