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Ein Hochstapler der Sprache: „Der Stotterer“

In Charles Lewinskys Roman „Der Stotterer“ schreibt sich ein Häftling sein Leben von der Seele – oder erfindet er das alles nur?

Treibt sein Spiel mit dem Erzähler: der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky

Treibt sein Spiel mit dem Erzähler: der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky

Foto: Maurice Haas /© Diogenes Verlag

Er hat große Schwierigkeiten mit dem Sprechen, aber er ist ein Meister der Sprache. Das ist kein Widerspruch, es bedingt sich sogar. Weil der Protagonist von Charles Lewinskys neuem Roman, der Titel nimmt es schon vorweg, ein Stotterer ist, wurde er von klein auf gehänselt, gedemütigt, sogar geprügelt – erst vom eigenen Vater, dann auch von einem Kirchenmann. Aber Johannes Hosea Stärckle, so der illustre Name dieses modernen Märtyrers, hat sich an allen gerächt. Und hat seine genuine Waffe dafür früh gefunden: die Sprache eben.

Heimlich und wie aus Notwehr lernt er zu schreiben, in allen Stilen und Tonlagen. Und bringt es dabei zu wahrer Perfektion. Er bringt sich damit aber auch ins Gefängnis. Da sitzt er nun, zu Beginn des Romans „Der Stotterer“, ein weiterer Geistlicher, der Anstaltspfarrer, erahnt zumindest seinen Hang zum geschriebenen Wort und bittet ihn, über sich selbst zu schreiben.

Aus einem Auftrag wird eine Lebensaufgabe

Der Häftling stimmt nur zu, wenn er dafür statt der stupiden Haftarbeit die Anstaltsbibliothek leiten darf. Allein zwischen Büchern hofft er seine Ruhe zu finden. Das Erzählen von sich scheint da nur ein Deal. Aber dann schreibt sich der Protagonist buchstäblich sein Leben von der Seele. In Schreiben „an den Padre“. Aber auch in einem Tagebuch, das er heimlich anlegt. Und in dem er noch ganz andere Wahrheiten offenbart.

Zunächst tut sich da ein erschütterndes Martyrium eines Kindes auf, das von seiner Umwelt zum Außenseiter, zum Paria abgestempelt wird. Am schlimmsten von einem Mitschüler, der ihn als „Stottoterer“ hänselt. Ihm gilt die erste Rache: mit fingierten Liebesbriefen, die ihn vor der ganzen Schule bloßstellen werden. Nie käme jemand darauf, dabei den Stotterer zu verdächtigen, der doch kaum einen zusammenhängenden Satz herausbringt.

wird das Schreiben erst zum Überlebens- und dann zum Lebenszweck. Erwachsen geworden, verdient Stärckle sein Geld mit anonymem Chatten im Internet – was solange gut geht, bis Telefonsex-Anbieter das vergleichsweise unschuldige Metier verdrängen. So verlegt sich der Erzähler schließlich auf die Perfektionierung des „Enkeltricks“, schreibt alleinstehenden älteren Damen Briefe als vermeintlicher Enkelsohn und erschleicht sich damit Gelder. Bis ihm eine, wie er es nennt, „schriftstellerische Unsorgfältigkeit“ unterläuft.

Deshalb sitzt er im Gefängnis. Aber das, wofür er verurteilt wurde, ist nichts im Vergleich zu dem, was er sonst noch getan hat. Das deutet er immerzu an. Wie als Appetitanreger, als Daueranreiz, weiterzulesen. Und als Druckmittel, um vom Padre mehr Schreibmaterial zu erhalten.

Grauzone zwischen Dichtung und Wahrheit

Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky, preisgekrönt für Werke wie „Johannistag“ oder „Melnitz“, hat sich für seinen neuen Roman eine illustre Figur erschaffen, wie sie nur die Literatur hervorbringen kann: einen Hochstapler der Sprache. Wie ein Puzzle setzt sich aus den unterschiedlichen Erzählstücken und -haltungen ein raffiniertes Ganzes zusammen.

Dabei wird auch das Erzählen selbst zum Thema – und die Grauzone zwischen Dichtung und Wahrheit. Nie wissen wir, ob hier einer nicht wahnsinnig übertreibt und fantasiert. Und ob man ihm nicht auch als Leser auf den Leim geht. Allerdings muss auch der Erzähler sich vorsehen: Seine scheinbare Sicherheit in der Gefängnisbibliothek währt nicht lange, bald werden scheinbare „Buchspenden“ geschickt zum Drogenschmuggel missbraucht. Hier ist noch einmal Stärckles Stärke im Schreiben gefragt, um sich aus diesem neuen Dilemma zu winden.

Ein Schelmenroman übers Erzählen an sich

„Der Stotterer“ ist ein pointierter Lesespaß, ein Schelmenroman mit Ausflügen zum Krimi. Dabei kommt der Protagonist immer mehr auf den Geschmack, Geschichten zu erfinden. Setzt sich sogar das Ziel, einmal Schriftsteller zu werden, wenn er aus der Haft entlassen wird. Und schreibt schon mal kleine, pointierte Kurzgeschichten, die hier als als „Fingerübungen“ gleich mit abgedruckt sind.

Lewinsky will sich so als Meister sowohl der kleinen als auch der großen Form beweisen. Und die Erzählung in der Erzählung, das hat ja auch eine große literarische Tradition. Nur wird damit allzu oft die eigentliche Handlungsebene unterbrochen. Der Roman stottert so, gewissermaßen, auch.

(ZDR)