Hamburger Bahnhof

Flying Steps liefern atemberaubende Tanzshow ab

Die Tanzgruppe „Flying Steps“ begeistert mit ihrer atemberaubenden Interpretation von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“.

Tänzer der "Flying Steps" wirbeln bei der Premiere von „Flying Pictures“ in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs über die Bühne.

Tänzer der "Flying Steps" wirbeln bei der Premiere von „Flying Pictures“ in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs über die Bühne.

Foto: Jörg Carstensen/dpa

Berlin. Schneewittchen und Co. können einpacken. Ihre Ballroben verblassen gegen das meterhohe, zart wehende Kleid der Prinzessin vom „Alten Schloss“. Und doch bleibt die Schöne für den Prinzen in seiner Paradeuniform kaum mehr als eine Chimäre. Lediglich für wenige Minuten entsteigt sie ihrem gigantischen Gewand und tanzt mit ihm einen neckischen Pas de deux. Dabei stibitzen sie sich gegenseitig einen Hocker unter dem Allerwertesten weg. Allerdings scheint es der andere gar nicht zu bemerken und bleibt trotzdem sitzen. Perfekte Körperbeherrschung in ihrer witzigsten Form, verwoben mit Ballett-Figuren, Urban-Dance-Moves und Breakdance.

Danach verschwindet die Prinzessin wieder in der Dunkelheit. Zurück bleibt ein Prinz von trauriger Gestalt. Eine kurze, wehmütige Romanze entspinnt sich auf der Mittelbühne in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs. Zeitgenössischer Tanz im zeitgenössischen Museum. Spektakulär. Es ist die zweite Komposition aus Modest Mussorgskys berühmter Programm-Musik „Bilder einer Ausstellung. Ungewöhnlich interpretiert und zum Leben erweckt von den Berliner Breakdancern Flying Steps in der furiosen Show „Flying Pictures“.

Umjubelte Uraufführung

Nach den Bühnenerfolgen „Flying Bach“ und „Flying Illusion“ die dritte abendfüllende Produktion der Compagnie, die nun ihre umjubelte Uraufführung feierte. Regisseur Vartan Bassil gelingt das Kunststück, nah an Mussorgskys Werk zu bleiben und gleichzeitig eine eigenständige Perfomance in heutiger Optik mit dem typischen, virtuosen Stil der Flying Steps zu verbinden. Das brasilianische Künstlerduo Osgemeos hat dafür zehn fantastische Figuren und raumgreifende Installierungen gebaut. Allesamt farbenfroh und expressiv, extrahiert aus Mussorgskys Kompositionen.

Die Hütte der Baba Jaga etwa ist ein hexenhafter Harfenwagen. Und ein riesiger Gnom im typischen Breakdance-Look wacht am vorderen Ende des Hamburger Bahnhofs über das Geschehen. Weitere deutlich kleinere Gnome tauchen im Laufe der Show immer wieder auf. Mit überdimensionierten Köpfen. Einer davon hat die Form eines Ghettoblasters. Eine Reminiszenz an die frühen Tage des B-Boying, wie der Breakdance auch genannt wird - damals ein Straßentanz, zu dem man die passende Musik in Form ein lautstarken Boombox mitnahm.

Atemberaubende Dancemoves und Akrobatik

Nicht nur tänzerisch und bildhaft, sondern auch musikalisch werden die Bilder in „Flying Pictures“ neu interpretiert. So haben die Brüder Ketan und Vivan Batthi das Original kompositorisch erweitert. In einem Spannungsfeld aus Neuer Musik, Hip-Hop und Mussorgskys eigenwilligem romantischen Stil, wobei die bekannten Melodien stets durchschimmern. Live eingespielt vom Berlin Music Ensemble, sorgt der fulminante Beatboxer Mando für die krachenden Hip-Hop-Akzente.

Dann geht es auch tänzerisch richtig zur Sache. Mit einer gut gelaunt aufgelegten neunköpfigen Truppe, die zeigt, warum sie die beste der Welt ist. Die Mischung aus Powermoves und Akrobatik ist schlicht atemberaubend. Diese Momente, in denen sich die Flying Steps auf ihre Kernkompetenz besinnen, gehören sicherlich zu den stärksten eines insgesamt großartigen Abends. Die Show ist ein absolutes Gesamtkunstwerk und jetzt schon ein Bühnenhit.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Mitte, Tel. 01806/ 57 00 99, bis 2.6., Mi., Fr.-So. (Anfangszeiten variieren) Infos unter flyingsteps.com