Konzert

Wo Konstantin Wecker wie Steve Jobs auftritt

Der Liedermacher spielte mit Hans Eckardt-Wenzel und Heinz Ratz zum Abschluss des Festivals Musik + Politik in der Volksbühne.

Schwarze, leere Bühne und ein Mann im Lichtkegel mit Jackett und Sneakers: Konstantin Wecker in der Volksbühne.

Schwarze, leere Bühne und ein Mann im Lichtkegel mit Jackett und Sneakers: Konstantin Wecker in der Volksbühne.

Foto: Frank Hoensch / Redferns

Mit einem furiosen Dreifachkonzert ging am Sonntagabend das Festival Musik + Politik in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu Ende. Drei Tage lang hatten rund 140 Künstler das Haus zwischen Foyer und großer Bühne, zwischen „Agitshop“ und einer aufschlussreichen Ausstellung zur Geschichte des Arbeiterliedes bespielt. Hans-Eckardt Wenzel und Band, Hans Ratz mit „Strom Wasser“ und schließlich Konstantin Wecker setzten im seit Wochen restlos ausverkauften großen Saal dann den Schlusspunkt.

20. Jubiläum für Festival-Revival des politischen Liedes

Das Festival blickt auf eine kleine Erfolgsgeschichte zurück. Im Jahr 2000 als einmaliges Revival des 1970 bis 1990 in Ost-Berlin abgehaltenen Festivals des politischen Liedes geplant, wurde daraus doch wieder eine jährliche Veranstaltung. Und abermals gab es jetzt ein 20. Jubiläum zu feiern. Dafür zog man vom traditionellen zentralen Austragungsort Wabe in die Volksbühne, die dem Andrang gerade so standhielt.

Freilich ist großer Publikumszuspruch für Wenzel oder Wecker nichts Neues. Er speist sich aus der zeitlosen Poesie und Relevanz ihrer Texte. Es ist große Kunst und leider auch bezeichnend, wie manche ihrer Lieder nach Jahrzehnten mitunter aktueller denn je erscheinen.

Konstantin Wecker singt gegen Neoliberalismus und Finanzspekulanten

Wecker, der in sportlich-bequemen Sneakers, Jeans und Jackett die beinahe leere Bühne wie ein Steve Jobs betritt und auch ähnlich bejubelt wird, eröffnet den Auftritt beispielsweise mit einer Version seines bekanntesten Liedes: „Willy 2018“. Er holt ohne Vorlauf konsequent aus. Gegen das Monster des Neoliberalismus, gegen Finanzspekulanten und Kolonialismus, gegen alte und neue Nazis wie Alexander Gauland, die den Nationalsozialismus als Vogelschiss abtun. Ein Rundumschlag.

Wecker lässt sich von Jo Barnikel begleiten und sitzt nur ab und zu selbst am Klavier. Der über Siebzigjährige ist ein Aufrechter geblieben, hat gerade ein Album mit antifaschistischen Liedern aus mehreren Jahrzehnten herausgebracht. Unablässig wirbt er dafür, zärtlich zu sein, anstatt zu hassen, statt gemeine Gemein-Wesen zu sein.

Aufrecht und vor allem lebensbejahend ist seine Philosophie. Weckers jüngstes, von den Ereignissen in Chemnitz inspiriertes Lied „Das Leben will lebendig sein“ ist der beste Beweis. Dass er mit einem wundervollen (ins Deutsche übertragenen) italienischen Schlaflied endet, auch.

Hans-Eckardt Wenzels tiefenschwere Ballade über ein Konzentrationslager

Hans-Eckardt Wenzel, der den Abend eröffnet, mangelt es an Klarheit und -sicht ebensowenig wie Wecker. „Überall die gleiche Scheiße“ besingt er zutreffend die kommerzielle Gleichschaltung unserer Welt. Oder er findet nach eingehender Überlegung das passende Symbol für die EU-Flagge - den Elektrozaun.

Er wechselt hin und her zwischen Akkordeon, Gitarre und Klavier und kann selbst Gedanken beim Besuch eines Konzentrationslagers ohne jeden Pathos zu einer tiefschweren Ballade kondensieren.

Sein Hit, wenn dieser Begriff bei Wenzel auch unpassend ist, „Zeit der Irren und Idioten“ ist auch schon fast zwanzig Jahre alt und wird noch täglich treffender.

Heinz Ratz sammelt Geld für „Eine Million gegen Rechts!“

Mit dieser Zugabe übergibt Wenzel an Heinz Ratz beziehungsweise „Strom Wasser“, die mit wenigen Songs und vielen Anekdoten die Brücke zu Konstantin Wecker schlagen und dabei gleich noch Geld für die rühmliche Kampagne „Eine Million gegen Rechts!“ sammeln, mit der sie alternative Kulturzentren in AfD-geplagten Landstrichen unterstützen.

Das Festival endet mit einem gemeinsamen Auftritt von Wecker und Wenzel, die den Partisanen-Klassiker „Bella Ciao“ singen.

Ciao bis zum nächsten Mal hoffentlich, denn gerade weil es politisch engagierte und talentierte Liedermacher und Liedermacherinnen mit ihrem Genre nicht immer leicht haben, gebührliche Bühnenpräsenz zu erreichen, darf man dem Festival zukünftig noch wachsende Aufmerksamkeit wünschen.