Theatertreffen

„Das Internat“ - Das Beste wird nicht gezeigt

„Das Internat“ wird beim Theatertreffen 2019 nicht aufgeführt. Auch eine 3sat-Aufzeichnung scheiterte. Regisseur Mondtag ist sauer.

Bildmächtig und hochgelobt: Szene aus „Das Internat“ von Ersan Mondtag, der auch das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat.

Bildmächtig und hochgelobt: Szene aus „Das Internat“ von Ersan Mondtag, der auch das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat.

Foto: Dortmund / Birgit Hupfeld / Schauspiel Dortmund / Birgit Hupfeld

Es wäre ein Höhepunkt des Theatertreffens im Mai gewesen: Die bildmächtige Inszenierung „Das Internat“ des Berliner Regisseurs Ersan Mondtag, herausgekommen am Schauspiel Dortmund. Eine „optisch spektakuläre Welt-Entrückung“, begründete die Jury ihre Wahl. „Das Internat“ sei eine „Geschichte einer Gehirnwäsche, in der die Ideologien beständig umschlagen: eine düstere Weltmetapher, die große philosophische Fragen auslöst“, hieß es bei der Vorstellung der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum Ende Januar.

In dieser Woche erfolgte die Ernüchterung: „Leider kann die Produktion aufgrund von Schwierigkeiten bei der Termin- und Spielstättenfindung nicht gezeigt werden. Das Theatertreffen und das Schauspiel Dortmund haben gemeinsam alle verfügbaren Optionen geprüft“, teilten die Berliner Festspiele in einer Pressemitteilung mit.

Dass es nun zu keiner Aufführung kommt, „ist sehr enttäuschend“, sagte Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer am Freitag gegenüber der Berliner Morgenpost. Normalerweise sind die Berliner Festspiele sehr kreativ, wenn es darum geht, Spielorte zu finden. So gab es schon Aufführungen in den eigens fürs Festival angemieteten Rathenau-Hallen in Schöneweide, einem Gewerbehof in Mitte oder der Lokhalle auf dem Schöneberger Südgelände – allesamt Veranstaltungsorte, in denen tagelang aufgebaut und geprobt werden konnte.

Als „Drehscheiben-Performance“ bezeichnet Büdenhölzer die Produktion. Deshalb könne man nicht in irgendeine Halle gehen. Man brauche ein technisch klassisch eingerichtetes Theater, dessen Bühne beweglich ist und eine Obermaschinerie hat. Beim Berliner Ensemble sei die Neigung der Scheibe zu stark, das Maxim Gorki Theater werde im Mai saniert und stehe nicht zur Verfügung.

In Dortmund wird das Stück nicht mehr gespielt

Zudem hätte das Theater Dortmund für den Aufbau und die Wiederaufnahme-Probe fünf Tage benötigt – die Inszenierung steht dort seit vergangenem Sommer nicht mehr auf dem Spielplan, das Bühnenbild ist in mehreren Containern eingelagert. Dazu kommen zwei weitere Tage für die Vorstellungen im Rahmen des Theatertreffens. Letztlich also hätte eine Berliner Bühne für sieben Tage zur Verfügung stehen müssen. Das hat laut Büdenhölzer nicht geklappt.

Dass eine Inszenierung nicht beim Theatertreffen gezeigt wird, kam in der über 50-jährigen Geschichte des Festivals gelegentlich vor. Beispielsweise bei den eingeladenen Arbeiten aus Ost-Berlin. Erst im Mai 1989, kurz vor dem Mauerfall, durfte das Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters mit der zur aktuellen politischen Situation wunderbar passenden Inszenierung „Die Übergangsgesellschaft“ im Westteil der Stadt im Hebbel-Theater gastieren. Nach den Vorstellungen ging es dann für die Schauspieler schnell zurück in den Osten.

Auch die Präsentation von Christoph Marthalers „Das Theater mit dem Waldhaus“, 2009 eingeladen, fiel aus, weil die Spielstätte, ein Gasthof in Sils-Maria, nicht so einfach verpflanzt werden konnte. Bei Ulrich Rasches Interpretation von Schillers „Räubern“ waren es technische Probleme, die ein Berlin-Gastspiel vor zwei Jahren verhinderten.

Auch die Aufzeichnung durch 3sat fällt aus

In beiden Fällen aber gab es zumindest eine Aufzeichnung des Fernsehsenders 3sat. Das ist zwar generell ein schwacher Ersatz für eine Aufführung, aber allemal besser als nichts. Aber selbst dazu wird es diesmal nicht kommen. Zwar erhält Ersan Mondtag für seine Inszenierung, zu der er auch das Bühnenbild und die Kostüme entwarf, den mit 10.000 Euro dotierten 3sat-Preis für eine „für eine künstlerisch innovative Leistung“. Die Auszeichnung wird im Rahmen des Festivals übergeben.

Aber zu einer Dokumentation seiner Arbeit durch den Sender kommt es nicht, weil es „dispositionelle Probleme“ gab, wie Dortmunds Intendant Kay Voges auf Nachfrage der Morgenpost am Freitag sagte. Man habe schlichtweg keinen Zeitraum gefunden, wo alle konnten. Die „Internat“-Inszenierung lief nur bis zum Ende der vergangenen Saison im Sommer 2018, in der Produktion waren neben sieben Ensemblemitgliedern elf Gäste, überwiegend Schauspielstudenten, von denen viele mittlerweile woanders verpflichtet seien.

Mondtag inszeniert an der Deutschen Oper

Ziemlich sauer über dieses doppelte Ignorieren ist der Hauptbetroffene. Für Ersan Mondtag wäre es der dritte Auftritt beim Berliner Theatertreffen gewesen, nach „Tyrannis“ (Staatstheater Kassel, 2016) und „Die Vernichtung“ (Konzert Theater Bern, 2017). Solche Einladungen zum Festival sind sehr karrierefördernd. Mondtag, Jahrgang 1987, ist mittlerweile auch bei großen Häusern gefragt, in der kommenden Saison inszeniert er unter anderem an der Deutschen Oper Berlin.

Der Regisseur war am Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Gegenüber dem Theaterportal „Nachtkritik“ hatte er zuvor gesagt, dass ihn das Schauspiel Dortmund nicht involviert und ihm keine plausible Erklärung für die Absage gegeben habe. Deshalb könne er „über die tatsächlichen Gründe der Absage nur spekulieren. Das möchte ich aber nicht tun“, betonte der Regisseur vielsagend.

Möglicherweise sind der Dortmunder Intendant und Mondtag bald Konkurrenten. Kay Voges, seit neun Jahren in Dortmund, lässt seinen Vertrag 2020 auslaufen. Er würde nur ein großes Haus übernehmen. Gern in Hamburg, München oder Berlin. Ersan Mondtag hatte sein Interesse an der Volksbühnen-Intendanz kürzlich geäußert.