Nachruf

Agnès Varda: Sie war Kauz und Königin des Autorenfilms

Ihr letzter Auftritt in Berlin: Agnès Varda bei der Berlinale vor wenigen Wochen.

Ihr letzter Auftritt in Berlin: Agnès Varda bei der Berlinale vor wenigen Wochen.

Foto: Foto: Dpa

Gerade erst ist sie noch auf der Berlinale gewesen, hat einen ganz persönlichen Film, „Varda par Agnès“, vorgestellt und einen Ehrenpreis, die Berlinale-Kamera, erhalten. Und nichts ließ darauf schließen, dass es Agnès Varda schlecht gegangen wäre. Trotz ihrer 90 Jahre wirkte sie noch immer rüstig und ja, quirlig.

Aber nur wenige Wochen später wird die Filmwelt nun erschüttert von der Nachricht, dass die legendäre belgische Filmregisseurin am frühen Freitagmorgen in Paris einem Krebsleiden erlegen ist.

Ihr Berlinale-Film wird so zum Vermächtnis: Sie gibt darin assoziativ Einblick in ihr Werk. Bezeichnet ihr Leben als Sammlung aus Stränden und Strandgut. Und stellt so hehre Filmpreise wie die Palme von Cannes oder den Löwen von Venedig ans Meer, verspielt wie ein Mädchen, um zu sehen, ob sie weggespült werden.

Das darf nicht missverstanden werden als Akt des Undanks. So war sie einfach: Die zierliche Frau mit dem markanten, immergleichen Haarhelm hat alles in ihrem Leben zum Spielzeug gemacht – weil es das Größte für sie war.

Die Großmutter der Nouvelle Vague

Varda war eine Institution, eine Ikone des Autorenfilms und galt als Mutter, später auch Großmutter der Nouvelle Vague. Dabei war sie eigentlich Fotografin und hatte keine Absicht, je etwas anderes zu werden. Aber irgendwann hatte sie ein Drehbuch geschrieben. Und weil ihr klar war, dass keiner das Projekt finanzieren würde, hat sie es einfach selber getan. Obwohl sie kaum Geld hatte und dafür ihre Familie anpumpte.

Bei ihr wurde Realität zur Poesie

So entstand 1954 „La Pointe Courte“, ein Film, der sein Geld nie einspielte, aber das französische Cinéma maßgeblich beeinflusste. Durch seine Stilistik, seine starke Aussage, aber auch durch die ungewöhnliche Produktionsart war der Film Nouvelle Vague, lange bevor der Begriff 1959 durch François Truffaut zur Marke wurde.

Unter all den Herren dieser Welle blieb sie die große kleine Frau und Außenseiterin mit höchst eigenwilligen Werken, die immer zwischen Wirklichkeit, Fiktion und Poesie oszillierten. Ihren künstlerischen Höhepunkt erreichte sie 1961 mit „Mittwoch zwischen 5 und 7“, ein spätes Meisterwerk wurde 1985 „Vogelfrei“. Ein Film über eine Landstreicherin, der zur großen Anklage gegen eine desinteressierte Umwelt wurde.

Wanderin zwischen den Künsten

Über 65 Jahre hinweg hat Varda Filme gemacht und wurde mit Preisen förmlich überhäuft. Daneben arbeitete sie weiter als Fotografin und auch als bildende Künstlerin. Einer ihrer letzten herausragenden Werke war „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ über ihre spektakuläre Fotoaktion mit dem französischen Street-Art-Künstler JR.

Varda war bis zu dessen Tod 1990 mit dem Regiekollegen Jacques Demi verheiratet und hat ihm später liebevolle Referenzen wie den Film „Jacquot“ geschaffen. Wer wird nun eine solche Hommage auf den Kauz und die kleine Königin des Autorenfilms schaffen?
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