Constanza Macras

„Globale TV-Formate sind voller Aggressivität“

Dieter Bohlen als Archetypus: Choreografin Constanza Macras führt in ihrem neuen Stück „Der Palast“ einen Tanzwettbewerb mit Jury vor.

Choreografin Constanza Macras sitzt in der Volksbühne in einem der drei Jury-Sessel aus ihrem Stück

Choreografin Constanza Macras sitzt in der Volksbühne in einem der drei Jury-Sessel aus ihrem Stück

Foto: Reto Klar

Wer sich Tanzproduktionen von Constanza Macras anschaut, wird immer auch eine seltene Mischung aus Gewalt und Humor entdecken. An der Volksbühne bereitet die Berliner Choreografin gerade die Uraufführung von „Der Palast“ vor. Wir treffen uns am Rande der Proben im Bühnenbild, Constanza Macras sitzt in einem der drei roten Drehsessel, in denen ab 4. April Schauspieler Platz nehmen und sich mit den Tänzern auseinandersetzen. „Das Stück ist voller Aggressionen“, sagt sie: „Es ist ein Tanzwettbewerb mit einer Jury.“

Constanza Macras ist eine regelmäßig durch die Welt reisende Choreografin. Offenbar sitzt sie überall auch vorm Fernseher, jedenfalls kennt sie sich mit den Modellen von Reality-TV-Shows gut aus. „All diese globalen TV-Formate sind voller Aggressivität“, sagt sie: „es wird immer geschrien, gestritten, es werden dramatische Momente vorgeführt, Leute zeigen sich betroffen, weil ihnen die Jury irgendeine Wahrheit gesagt hat. Wir haben das Format übernommen, aber die Leute reden etwas ganz anderes. Ich finde das total lustig.“

In den Castingshows gibt es immer dieselben Akteure

Offenbar hat es sie überrascht, selbst in China eine dieser auch bei uns populären Castingshows zu sehen. „Es gibt immer dieselben Akteure, die schön gemachten Frauen, den Lustigen und den Gemeinen. In China war sofort zu sehen, wer den Dieter Bohlen spielt. Das sind globale Archetypen.“ Und mit dieser Beobachtung fängt der Stoff für sie als Choreografin an interessant zu werden.

In Buenos Aires ist Constanza Macras 1970 geboren worden. Sie absolvierte eine Tanzausbildung und Modedesignstudium in Argentinien und am Merce Cunningham Studio in New York. Ausführlich erklärt sie ihre Familienverhältnisse und die Ansage ihres Vaters, einem linken Argentinier, dass seine Kinder besser im Ausland studieren sollten. Tief sitzt auch nach den Zeiten der Diktatur die Angst, dass seine Kinder spurlos verschwinden könnten. 1995 kommt Constanze Macras als freie Tänzerin nach Berlin. Zwei Jahre später gründet sie ihre erste Tanzkompanie „tamagotchi Y2K“, 2003 dann „DorkyPark“.

Sie ist eine überaus politische Choreografin, und eine, die alles mit Humor nimmt. „In meiner Heimatstadt Buenos Aires gibt es viele Leute mit diesem dunklen Humor“, erklärt sie: „Der politische Humor ist sehr populär, wir haben viel zu lachen. Aber man muss bei dem Humor sehr schnell sein, weil es jeden Tag einen neuen Skandal gibt.“

Das neue Stück will Berlin als globalisierte Stadt zeigen

An der Volksbühne wird „Der Palast“ als ein Stück über Berlin als globalisierte Stadt angekündigt. „Es geht um Berlin, wo man manchmal nicht mehr erkennen kann, wo man gerade ist.“ Weil sich ständig so viel verändere. „Berlin war früher ein Leerstadt, dann kamen die Investitionen.“ Für die Neuproduktion sind Bilder des englischen Fotografen Tom Hunter der Ausgangspunkt, Hunter hatte im Februar in Weißensee, Rummelsburg, Kreuzberg oder in der Volksbühne fotografiert.

Die Argentinierin Macras blickt lieber aus der globalen Sicht auf Berlin. „Die Probleme sind überall ähnlich. Was in Argentinien gerade passiert, geschieht überall auf der Welt. Es ist die politische Situation mit ihren Skandalen. Nehmen wir Führungsfiguren wie Trump, von denen alle wissen, dass sie sind korrupt sind, aber es geht einfach immer weiter. Das ist die neue globale Situation.“

Und dann redet sich Constanza Macras geradezu in Fahrt: „Wir leben in einer neuen Welle des Kapitalismus. Die Welle ist mächtig, und die Leute fühlen sich ihr ausgeliefert.“ Das Opfergefühl beschreibt sie damit, dass wir in unseren täglichen Entscheidungen globale Probleme mittragen. „Egal, ob wir in einen Supermarkt gehen, mit Uber fahren oder bei Amazon bestellen. Wir sind alle Spender an große Firmen geworden und machen damit vieles in unserem Umfeld kaputt. Ich will Amazon nicht haben, bestelle aber selber dort.“

Die Globalisierung bedient Bilder des Gemeinsamen

Hinter all dem entdeckt sie eine neue Form von Aggressivität. „Die Leute haben immer Angst vor Dingen, die sie nicht kennen. Die Globalisierung bedient Bilder und eine Sprache des Gemeinsamen, andererseits gibt es überall aggressive rechte Bewegungen“, sagt sie: „Wir fordert in unserer Sternchen-Sprache die politische Korrektness zwischen Frauen und Männern ein. Aber praktisch hat sich nur wenig verändert, die untergründige Aggressivität gibt es nach wie vor.“ Hinzuzufügen bleibt, dass laut Ankündigung in „Der Palast“ sieben Tänzer*innen, drei Schauspieler*innen und drei Musiker*innen mitwirken. So viel Korrektheit muss sein in Berlin.

Von ihren Tänzern erwartet sie verschiedene Dinge. „Die Technik ist nicht so wichtig, aber die Leidenschaft und die Freigiebigkeit muss groß sein“, sagt sie: „Es sind alles verschiedene Charaktere in meinem Ensemble.“ Bis zu acht Stunden wird täglich gearbeitet, und das drei Monate lang. „Für Schauspieler ist das schwer. Tänzer sind eher an diese Art von Zeitplan gewöhnt.“ Bereits Februar 2020 wird es die nächste Neuproduktion von Constanza Macras an der Volksbühne geben: „Wir fragen uns einmal, wie andere Kulturen auf uns Europäer als exotische Menschen schauen.“