Happy Birthday

Schlöndorff: „Es bekommt mir nicht, zuhause rumzusitzen“

Sonntag wird Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff 80 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Schon plant er einen neuen Film

80 Jahre und kein bisschen leise: Volker Schlöndorff plant gerade einen neuen Film, um eine grüne Botschaft in die Welt zu tragen.

80 Jahre und kein bisschen leise: Volker Schlöndorff plant gerade einen neuen Film, um eine grüne Botschaft in die Welt zu tragen.

Foto: Reto Klar

Am heutigen Sonntag wird Volker Schlöndorff 80 Jahre alt. Gerne wollten wir uns dazu mit dem Filmregisseur treffen. Aber wir trauten uns kaum, zu fragen. Denn gerade hat der Oscar-Preisträger einen schweren Schicksalsschlag erlitten. An Weihnachten starb seine Frau nach langer, schwerer Krankheit. Überraschend sagt Schlöndorff dann aber doch zu. Er habe lange versucht zu trauern, bekennt er, aber dann habe er gemerkt, das bekomme ihm nicht. Deshalb stürzt er sich gleich wieder in Arbeit („Run for cover!“) und ist für einen neuen Film durch Afrika gereist. Als Treffpunkt schlägt er deshalb auch das Büro von Ziegler Film vor. Hier will er mit der Filmproduzentin Regina Ziegler gleich noch über das Projekt sprechen.

Berliner Morgenpost: Herr Schlöndorff, Gratulation zum 80. Aber werden Sie Ihren Geburtstag überhaupt feiern?

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Mein 40. war hier in Berlin der letzte Tag der Mischung der „Blechtrommel“ im Tonstudio. An meinem 50. drehten wir in North Carolina „Die Geschichte der Dienerin“, beide Male gab es Riesenfeten. Für diesen Sonntag habe ich Familie und Freunde zu mir nach Hause eingeladen. Darauf freue ich mich. Ich habe auch vor dieser Zahl 80 keine Angst. Ich dachte immer, da ist der Arbeitsteil des Lebens beendet, da kann man nur noch Quatsch machen, als Alter hat man da sogar einen Paragrafen. Ich feiere jetzt, dass ich allen Ärger hinter mir habe.

Von wegen Arbeitsteil beendet. Sie bereiten doch schon Ihren nächsten Film vor, „The Forest Maker“.

Deshalb war ich gerade in Afrika. Bei der Wohltätigkeitsorganisation „World Vision“, in der ich engagiert bin, lernte ich den „Waldmacher“ Tony Rinaudo kennen, da hat er gerade den alternativen Nobelpreis bekommen. Tony hat entdeckt, dass es unter allen Böden Wurzeln von Bäumen gibt, die es vor langem gab. Wenn man die Triebe richtig pflegt, wachsen die unheimlich schnell, wegen dieses ganzen Kraftwerks. Tony hat was Missionarisches und ist, wie alle Missionare, auch ein bisschen ein Guru. Er plante gerade eine Rundreise durch Afrika, wo er vor Jahrzehnten Bäume angepflanzt hat und mittlerweile Abermillionen von Hektar wieder bewaldet sind. Tony hat mich damit so angesteckt, dass ich mitgereist bin. Natürlich habe ich gleich die Kamera eingesteckt.

Das wird, nach langen Jahren, wieder Ihr erster Dokumentarfilm?

Ich wollte erst einen Spielfilm daraus machen, über einen jungen Australier, der eine Wüste gegen alle Widerstände zu begrünen versucht. Aber die Reise hat mich überzeugt, dass das als Dokumentarfilm viel spannender ist. Es geht um das Verhältnis zwischen Tony und den Menschen dor, die früher in bitterster Armut lebten, aber jetzt Landwirtschaft betreiben, davon leben können und Tony ungeheuer dankbar sind. Ich habe da eine solch positive Atmosphäre erlebt: Die haben was geschafft. Afrika mal mit glücklichen Menschen, kein Elend. Das wollte ich nicht nachstellen. Das muss man zeigen, wie ich es gesehen habe.

Ist das auch ein Anliegen von Ihnen, in Zeiten, in denen wir immer mehr von Umweltzerstörung und Klimakatastrophen hören, etwas Positives entgegenzuhalten?

Unbedingt. Ich treffe mich heute noch mit Professor Hans Joachim Schellnhuber im Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Der ist eine echte Kassandra, er prophezeit: Noch zwei Grad Klimaerwärmung, dann ist die Erderwärmung unaufhaltsam. Wenn die Menschheit nicht als Ganzes reagiert, werden wir bis Ende des Jahrhunderts verschwinden. Das nehme ich ernst, das macht mir Angst. Aber hier gibt es ein Gegenbeispiel: dass man das sehr wohl aufhalten kann. Allein ein Drittel unserer Auto-Emissionen könnte durch die Wiederaufforstung der jetzt verkarsteten Gebiete auf der Erde, das sind gut zwei Milliarden Hektar, absorbiert werden.

Werden auch Sie so zum Guru? Oder zum Jünger? Indem Sie diese Ideen weitertragen?

Ja, ich fürchte, ich werde die nächste Zeit als Prediger unterwegs sein. Diesem Mann zu helfen, dass seine Botschaft in die Welt kommt, das ist meine Rolle. Aber das ist mir öfter passiert, dass bei Filmen, bei denen man sich in den Dienst von anderen stellt, manchmal das Bessere herauskommt. Bei vielen Literaturverfilmungen ist das so. Man stellt sich in den Dienst eines Autors und dann hat man seinen besten Film gemacht!

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, die Welt wird verrückter und Sie verstehen die Welt nicht mehr?

Verrückter nicht unbedingt. Aber blöder! Verrückt ginge ja noch. Ich bin ununterbrochen empört. Europa droht zu zerfallen. Was war das in den 50er-Jahren für uns, die erste Reise nach Frankreich, nach Italien, plötzlich waren wir Europa. Und das wird jetzt alles wieder in Frage gestellt. Ein Schwachsinn! Oder Trump. Die Amerikaner tun mir so leid, die sind genauso entsetzt. Aber wenn jemand einmal an der Macht ist, ist es gar nicht so leicht, ihn wegzukriegen. Ich schließe nicht aus, dass der wiedergewählt wird. Oder nehmen Sie den Nahen Osten: „Die Fälschung“ habe ich 1980 in Beirut gedreht. Heute höre ich die Nachrichten über Palästina und Israel und habe das Gefühl, das ist wie damals. Dieselben Sätze, dieselben Argumente. Nichts bewegt sich. Das ist katastrophal.

Könnten Sie sich je vorstellen, sich einmal aufs Altenteil zurückzuziehen?

Nein. Solange einen der körperliche Zustand nicht irgendwann dazu zwingt. Ich habe jetzt auch versucht zu trauern, zwei Monate lang. Dann habe ich gemerkt, das bekommt mir nicht, wenn ich zuhause rumsitze. Das wäre auch der Erinnerung an meine Frau nicht dienlich. Auch deshalb bin ich aufgebrochen nach Afrika.

Bei einem Reizdatum wie dem 80.: Blicken Sie eigentlich zurück? Oder haben Sie das erschöpfend mit Ihren Memoiren getan?

Die Memoiren waren ein Segen. Damit habe ich einen Schlussstrich gezogen. Zumindest alles, was bis dahin geschehen ist, ist abgearbeitet. Man denkt noch an die Kindheit zurück, immer stärker, je älter man wird. Aber an das so genannte aktive Leben denkt man nicht mehr.

Wenn Sie dennoch Bilanz ziehen müssten, welches Werk ist Ihnen das wichtigste? Ist es „Die Blechtrommel“, mit der Sie Ihren größten Erfolg hatten? Oder ist es immer der erste Film, also „Der junge Törless“?

Der Entscheidende ist sicher immer der erste. Im Nachhinein kam mir das sehr mutig vor, einen Film mit dieser Thematik, mit Laiendarstellern, dieser literarischen Vorlage, und der Musik von Henze. Ein Glück, dass ich damit angefangen habe, da war die Latte schon mal auf eine gewisse Höhe gelegt. Der Rest ist Zickzack. „Die Blechtrommel“ ist ganz klar der Gipfel, aber deshalb nicht unbedingt mein Lieblingsfilm. Wenn ein Film solche Berühmtheit erlangt, ist es nicht mehr das eigene Werk. Das verselbständigt sich. Filme wie „Der Fangschuss“ oder der fast vergessene „Michael Kohlhaas“ sind mir viel näher.

Und was würden Sie als Ihren größten Fehler ansehen? Ist es noch, wie Sie vor zehn Jahren sagten, der Fakt, dass Sie das Filmstudio Babelsberg übernommen haben?

Das war ein Fehler, aber der größte? Der Fehler war, dass ich zu lange dran geblieben bin! Das berühmte Aphrodisiakum der Macht. Es hätte gereicht, wenn ich das ein, zwei Jahre gemacht und auf die Schienen gebracht hätte. Da bin ich irgendwie gefräßig geworden. Aber dieser Job hat mir mein Haus in Babelsberg eingebracht. Ich fühle mich da sehr wohl, seit 25 Jahren. Ich denke überhaupt nicht mehr darüber nach, ob ich in einer anderen Stadt, in einem anderen Land leben wollte. Also kann das so ganz falsch nicht gewesen sein.

Wenn das nicht Ihr größter Fehler war, welcher war es dann?

Nicht, dass ich Ihnen keine Antwort geben möchte. Aber ich mag mir nicht mal die Frage stellen. Klar hat man viel falsch gemacht im Leben, vor allem im Umgang mit anderen Menschen. Dass man sie verletzt hat. Manchmal willentlich. Aber oft auch, ohne es überhaupt zu merken, was vielleicht noch schlimmer ist. Das sind Dinge, die man bedauert. Die auch wichtiger sind, als ob die Filme angekommen sind oder nicht. Vergessen werden sie am Schluss sowieso alle.

Sie haben ein exemplarisches Leben für die Bundesrepublik gelebt. Von den 68er-Jahren über den Deutschen Herbst bis zur Wiedervereinigung. Empfindet man sich da rückblickend auch als ein Stück Geschichte?

Ach, das ist einfach meine Generation, die das alles durchlebt hat. Nein, ich sehe mich überhaupt nicht so. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mit meinem Leben eine Epoche zu Ende geht. (lacht) Das kann ich ja ganz gut an Jüngeren studieren. Nein, ich neige überhaupt nicht zum Rückblick oder zur Introspektion.

Aber Sie sind gerade noch mal über Ihre alten Filme gegangen, die restauriert auf DVD und Blu-ray herauskommen.

Die sind wir wirklich Bild für Bild noch mal durchgegangen. Die ersten sechs Filme sind fertig, auch „Die Fälschung“ ist gerade in Arbeit.

Wim Wenders hat das auch schon gemacht. Und war immer wieder verzweifelt, weil er lauter alte Fehler sah und die immer korrigieren wollte. Ging Ihnen das auch so?

Ganz selten passiert es einem, dass man verblüfft ist, wie man etwas gelöst hat, was man heute nicht mehr so hinkriegen würde. Aber meistens sieht man die Fehler. Und freut sich nur, dass die sonst keiner bemerkt hat.

Schauen Sie denn selbst eigene Filme ab und an?

Kaum. Es gibt immer mal wieder einen Anlass dazu, wo man eingeladen wird. Aber ich würde sagen, zwei Drittel meiner Filme habe ich nie wieder im Ganzen gesehen.

Und könnte es noch ein letztes Kapitel geben, das in einer Neuauflage Ihrer Memoiren nachgereicht werden könnte?

Ich glaube nicht. Ich habe, seit das Buch heraus kam, nicht mal mehr Tagebuch geschrieben. Aber ich will’s nicht ausschließen. Wenn ich morgen die Treppe runterfalle und im Rollstuhl sitze, würde ich die nächsten Jahre bestimmt schreiben. Aber lieber laufe ich.

(ZDR)