Hamburger Bahnhof

Flying Pictures: Wenn Bilder einer Ausstellung tanzen

„Flying Pictures“ ist die dritte große Urban-Dance-Show der Flying Steps - zu Mussorgskys berühmter Musik. Am 5. April ist Premiere.

Die Tänzer Gengis Ademoski (l-r), Maria Tolika, Afina Feodossiadi und Benny Kimoto der Tanzgruppe Flying Steps (v.l.n.r.) zeigen ihr Können im Hamburger Bahnhof.

Die Tänzer Gengis Ademoski (l-r), Maria Tolika, Afina Feodossiadi und Benny Kimoto der Tanzgruppe Flying Steps (v.l.n.r.) zeigen ihr Können im Hamburger Bahnhof.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin. Wer Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ zum ersten Mal hört, wird regelrecht hineingesogen in die geniale Programm-Musik. Zehn Bilder einer Gedenkausstellung zu Ehren seines verstorbenen Freundes Victor Hartmann hatten den russischen Komponisten dazu 1874 inspiriert. Weder vom Maler noch von seinem Werk ist viel überliefert. Mussorgskys Musik indes ist unsterblich.

„Obwohl als Künstler unbedeutend, war Hartmanns Tod nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas großem Neuen“, schwärmt Vartan Bassil. Lange hat der Creative Director und Gründer der Flying Steps nach einer klassischen Komposition für die neue Produktion gesucht, um an den Welterfolg „Flying Bach“ der Breakdancer anzuknüpfen. Über eine Million Zuschauer haben die Tänzer mittlerweile in 36 Ländern gesehen. Das Nachfolge-Projekt steht also unter Erfolgsdruck. Die Hauskomponisten der Compagnie, die Brüder Ketan und Vivan Batthi, schlugen dafür Mussorgsky vor.

„Seine ,Bilder einer Ausstellung’ haben mir erst einmal nicht viel gesagt. Auf dem Tisch lagen alle Großen wie Vivaldi und Beethoven“, verrät der 42-Jährige. Doch die Ideen dazu waren ihm zu platt. Er kehrte immer wieder auf Mussorgsky zurück, hat sich in die Entstehungsgeschichte eingelesen und sich intensiv mit dem Werk beschäftigt. „Acht von zehn Bildern Hartmanns sind verschollen. Ich fand die Frage, wie die Gemälde wohl ausgesehen haben, extrem interessant“, erklärt Bassil.

Geprobt wird derzeit in Kreuzberg

Es war die Geburtsstunde von „Flying Pictures“, der dritten großen Urban-Dance-Show der Flying Steps. Die feiert am 5. April ihre Uraufführung im Hamburger Bahnhof und macht dort für 49 Live-Performances Station. Ein Ort, der mindestens so spektakulär ist wie die Produktion selbst.

Dafür geprobt wird aktuell in der Kreuzberger Flying Steps Academy. Die größte urbane Tanzschule Deutschlands wurde 2007 von Vartan Bassil und Timm Zolpys gegründet. 14 Jahre, nachdem Vartan Bassil und Kadir „Amigo“ Memis mit den Flying Steps durchstarteten. Damals sind die Schulfreunde Bassil und Zolpys noch mit ihren Crews gegeneinander bei Breakdance-Battles angetreten. „Mit den Wedding B-Boys haben wir immer haushoch gegen die Flying Steps verloren“, gibt Zolpys unumwunden zu. „Da hat er verstanden, dass er lieber mit dem Tanzen aufhören sollte“, erinnert sich Vartan Bassil lachend.

Heute sind beide Geschäftsführer der Flying Steps. Kreatives Mastermind von Anfang an ist Vartan Bassil. 1975 in Beirut geboren, floh seine Familie 1982 vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Berlin. Hier begann Bassil, auf den Straßen Breakdance zu machen. Er wurde einer der besten Tänzer überhaupt, avancierte zum Wegbereiter des Breakdance als Kunstform. Mehr noch: Er etablierte den Straßentanz 2010 in der Hochkultur. Mit „Flying Bach“ der ersten abendfüllenden Show der Compagnie in der Regie von Christoph Hagel zum „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach. Die Produktion feierte seinerzeit Premiere in der Neuen Nationalgalerie.

Zur Show gibt es eine Ausstellung

Damals wie heute hat Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, zu der auch der Hamburger Bahnhof gehört, die Pforten für die Breakdancer geöffnet. Damit unterstreicht das Haus sein Verständnis als interdisziplinäres Museum der Gegenwart. Die Flying Steps haben schließlich nicht nur eine Show im Gepäck, sondern auch eine Ausstellung.

Das brasilianische Künstlerduo Osgemeos hat für die Inszenierung fantastische Figuren und raumgreifende Installierungen entworfen. So ist das Hexenhaus der russischen Baba Jaga eine ziemlich abgefahrene Harfe. Auch dem Gnom haben Osgemeos ihren ganz speziellen ästhetischen Stempel aufgedrückt.

„Tagsüber können die Kunstwerke nicht nur betrachtet, sondern auch angefasst werden. Abends erwecken wir sie mit unseren Choreographien zum Leben“, sagt Vartan Bassil.

Interpretation statt Crossover

Der dreifache Familienvater hat den Breakdance damit erneut auf eine höhere Stufe gebracht. „Diesmal lag unser Fokus darauf, Mussorgskys Klavierstück zu interpretieren. Es ist kein Clash of Culture, kein Crossover wie bei „Flying Bach“, erklärt er. Mit den Kompositionen der Batthis, die von einem akustischen Ensemble mit dem Beatboxer Mando live eingespielt werden, der Tanz-Performance und Osgemeos Installationen entsteht so ein Gesamtkunstwerk. Und eine Familienshow für Jung und Alt.

Ursprünglich wollten Vartan Bassil und Timm Zolpys ein temporäres Museum neben der Neue Nationalgalerie dafür bauen. Nach einer Machbarkeitsanalyse war jedoch klar, dass die Kosten das Budget erheblich übersteigen würden. Die Breakdancer bekommen nämlich keine Subventionen. Timm Zolpys bemerkt selbstkritisch: „Wir haben es in der Vergangenheit versäumt zu kommunizieren, dass wir Kulturschaffende sind.“ Seufzend gesteht Zolpys aber auch: „Bei 500 Zuschauern pro Vorstellung ist „Flying Pictures“ mit neun Musiker und acht Tänzern betriebswirtschaftlicher Wahnsinn.“

Wie schon bei „Flying Bach“, und der Produktion „Flying Illusions“ von 2014 sind die Flying Steps wieder einmal zur anschließenden Tour und zum weltweiten Erfolg verdammt. Mit ihrer Genregrenzen sprengenden Show dürfte es ihnen wohl auch diesmal gelingen.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Mitte, Tel. 01806/ 57 00 99, Premiere 5. April um 20 Uhr