Porträt

Karina Canellakis: „Dirigieren ist zuerst Zuhören“

Simon Rattle ist ihr Mentor: Die New Yorker Dirigentin Karina Canellakis stellt sich jetzt erstmals in Berlin vor. Ein Treffen.

Dirigentin Karina Canellakis am Rande der Proben mit dem Deutschen Symphonie-Orchester.

Dirigentin Karina Canellakis am Rande der Proben mit dem Deutschen Symphonie-Orchester.

Foto: jörg Krauthöfer

Karina Canellakis, die in der Philharmonie am Sonnabend ihr Debüt beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) gibt, gehört zur neuen Generation von Dirigentinnen, die gerade weltweit große Orchester zu übernehmen beginnt. Die gebürtige New Yorkerin wird im Sommer Chefdirigentin des niederländischen Radio Filharmonisch Orkest.

Über die neue Rolle von Frauen im Klassikbetrieb will Karina Canellakis aber nicht reden, obwohl sie die erste Chefdirigentin dieses Orchesters, ja überhaupt in den Niederlanden ist. „Ich habe die gleichen Freuden und Probleme wie all meine Kollegen und Kolleginnen“, sagt sie. Und damit ist das Thema für sie bereits beendet.

„37 ist ein schönes Alter“

Interessanter ist vielleicht auch, wie das Digitalzeitalter auf die neue Chefgeneration wirkt. Haben sich beispielsweise früher Künstlerinnen oft gesträubt, ihr Alter öffentlich preiszugeben, versteht die Dirigentin die Frage erst nicht. „Das kann man googeln“, sagt sie schließlich: „Mir ist mein Alter nicht peinlich. 37 ist ein schönes Alter.“

Darüber hinaus kommuniziert die viel durch die Welt reisende Dirigentin mit ihrem Mentor auch auf zeitgemäße Weise, etwa per SMS. „Wir sind regelmäßig in Kontakt, um knifflige Fragen eines Stückes, das ich noch nicht dirigiert habe, zu besprechen.“

Ihr Mentor ist Sir Simon Rattle. Vielleicht muss man den früheren Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker sogar als ihren Entdecker bezeichnen. Zwei Jahre lang gehörte Karina Canellakis als Geigerin zur Orchester-Akademie der Berliner Philharmonie.

„Ich war sehr jung“, sagt sie: „Es war toll, mit so großartigen Musikern und mit so wunderbaren Dirigenten zu spielen. Es war eine wichtige Zeit in meinem Leben.“ Das liegt jetzt vierzehn Jahre zurück.

In Berlin fiel die Entscheidung, dass sie Dirigentin wird

In Berlin kam es zum Schlüsselereignis. „Ich habe die erste Geige in einem Kammermusikkonzert mit Schönbergs ,Verklärte Nacht’ gespielt“, erinnert sie sich: „Nach dem Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie kam Simon und sagte, das war wunderbar, hast Du schon mal daran gedacht zu dirigieren? Das war eine Überraschung für mich. Ich hatte mich in dieser Zeit gerade viel mit dem Dirigieren beschäftigt. Okay, habe ich gedacht, wenn Simon das sagt, ist es vielleicht wirklich möglich, Dirigentin zu werden.“

Nach einer Übergangszeit begann sie an der heimischen Juilliard School das Dirigieren zu studieren, als Lehrer werden Alan Gilbert und später Fabio Luisi genannt. Ihre Karriere lässt sich als steil bezeichnen. Ein Debüt – ob Oper oder Konzert – folgt dem nächsten. Sie selbst sagt von sich, dass sie im Moment sehr viel arbeite.

Lieber auf der Geige als dem Klavier

Aus einer New Yorker Musikerfamilie mit griechischen und russischen Wurzeln stammt Karina Canellakis. Ihr Vater ist Dirigent, die Mutter Pianistin. „Beide haben versucht, mich auf dem Klavier zu unterrichten“, erzählt sie: „Aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Die Geige war mein Instrument, mein Ding.“

Ihr Vater sei sehr stolz, sagt sie, „dass ich jetzt eine Dirigentin bin.“ Und zu ihrem leisen Humor gehört die Bemerkung, dass sie dankbar sei, dass ihr neues Orchester ein Radioorchester ist. „Meine Eltern in New York hören sich die Konzerte über das Internet an.“

Sie hat also die Seiten gewechselt vom Geigenpult ans Dirigentenpult. Dort kann sie ihre Orchestererfahrungen mit einbringen. „Es ist gut, das ich verstehe, wie es ist, beispielsweise eine lange Sinfonie von Schostakowitsch oder Mahler zu spielen. Oder Bruckner mit viel Tremolo und die Arme sind total kaputt danach.“

Aber es sei ihr am Anfang als Dirigentin schon schwer gefallen, die nötige Distanz zu wahren. „Man ist die Chefin und muss Entscheidungen treffen. Manchmal muss man über die Müdigkeit der Musikerinnen nach einer Reise hinweggehen und weiterarbeiten. Man darf nicht zu weich sein, das funktioniert auch nicht.“

Die Zeit der brüllenden Pultherrscher ist vorbei

Sie weiß natürlich, dass die Kultur der brüllenden Pultherrscher vorbei ist. Die Zeiten fordern heute einen anderen Dirigententypus. Es ginge darum, „einfach gute Musik zu machen. Man darf nicht zu viel an sich selbst denken, das ist gefährlich. Der Komponist und sein Stück sind das wichtigste.“ Außerdem seien heute die meisten sehr sympathisch, sagt sie: „Wir machen alles zusammen, in den Pausen trinken wir gemeinsam Kaffee.“

Die neue Kultur des Miteinanders beeinflusst auch, wie Karina Canellakis ihre Debüts vorbereitet. „Jedes Orchester ist anders, aber auch gleich“, sagt sie: „Ich mache es bei einem Debüt immer ähnlich. Vor der ersten Probe bin ich sehr aufgeregt. Am Anfang versuche ich, dem Orchester nur zuzuhören. Die ersten zehn, fünfzehn Minuten versuche ich nicht zu sprechen und nur wenig vorzugeben. Es geht um das Kennenlernen. Dirigieren ist zuerst Zuhören.“

Einst in Moabit und Charlottenburg gewohnt

Jetzt debütiert sie als Dirigentin in Berlin. Seinerzeit als Akademistin der Philharmoniker hatte sie in Moabit, dann in Charlottenburg gewohnt. „Ich bin jeden Tag mit meinem Fahrrad gefahren. Ich fand das toll. Denn das kann man in New York nicht machen, zu gefährlich.“

Die Berliner Kultur fand sie sofort großartig. In der Freizeit war das Café am Neuen See ein Lieblingsort. „Dort habe ich oft mit Freunden draußen gesessen, Pizza gegessen und Bier getrunken.“

Karina Canellakis meint, sie fühle sich jetzt wieder wie zuhause. „Ich habe viele Freunde in Berlin und Bekannte in den verschiedensten Orchestern. Ich kenne immer ein paar Musiker aus meiner Zeit als Geigerin. Beim DSO kenne ich sechs oder sieben Leute und das ist toll.“