Konzert in Berlin

Thomas Guggeis’ gewagter Ritt durch die Musik

Der 25-jährige Dirigent Thomas Guggeis ist wieder mal für einen erkrankten Kollegen bei der Staatskapelle eingesprungen.

Dirigent Thomas Guggeis in der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Dirigent Thomas Guggeis in der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Auch im Sinfoniekonzert der Staatskapelle in der Philharmonie wird die Zusammenarbeit mit dem 25-jährigen Dirigenten Thomas Guggeis mit Spannung beobachtet. Guggeis war bis zum Ende der letzten Spielzeit Daniel Barenboims Assistent an der Staatsoper. Als spontaner Einspringer für die „Salome“-Premiere vor einem Jahr hat er eine höchst anspruchsvolle Aufgabe gut bewältigt. Die Staatskapelle will, wie Intendant Matthias Schulz noch zur Einleitung des Konzerts betont, mit Guggeis auch in den kommenden Jahren zusammenarbeiten, selbst wenn er nun als Kapellmeister an der Staatsoper Stuttgart arbeitet.

Für das Konzert in Berlin ist er wiederum als Einspringer für den estnischen Stardirigenten Paavo Järvi gekommen, der gemeinsam mit Waltraud Meier Mahlers Kindertotenlieder darbieten sollte. Jedoch auch die berühmte Sängerin ist erkrankt, und so ist der hoch aufgeschossene junge Mann am Pult der Staatskapelle fast in einer ebenso delikaten Situation wie einst bei der „Salome“: In kurzer Vorbereitung muss er teilweise Stücke koordinieren, die er vermutlich nie zuvor dirigiert hat – gemeinsam mit der Ersatzsängerin Okka von der Damerau.

Thomas Guggeis treibt Temposchwankungen ins Extrem

Die Kindertotenlieder sind für das begleitende Orchester sehr schwierig. Gustav Mahler erprobte hier erstmals eine neue Art der Orchesterbehandlung, weg vom spätromantischen Mischklang, hin zu einer Instrumentation, die stets alle Charakteristika der jeweils erklingenden Instrumente offen daliegen lässt. Man hört die Singstimme und zugleich sämtliche Aspekte der Begleitung, und das ist ein Problem, wenn der Dirigent begabt, aber unerfahren ist.

Nimmt die Staatskapelle den innigen Ausdruck des anfänglichen „Schwans von Tuonela“ von Sibelius wesentlich indirekter und verklärter als Guggeis dies dirigiert, so erfasst Guggeis die Idee der todtraurigen Mahlerschen Kindertotenlieder tatsächlich bis ins Letzte. Er führt bei Mahler intuitiv sich ergebende Temposchwankungen expressiv ins Extrem. Doch zu oft sind sich die mozartisch rein timbrierende Mezzosopranistin Okka von der Damerau und das Orchester im Auf und Ab des Tempos nicht einig, selbst über gerade gemessene Strecken fällt der Satz stärker auseinander, als es für dieses hochkarätig ausgepreiste Konzert akzeptabel ist.

Man kann einen Nachwuchsdirigenten mit so einer Aufgabe durchaus auch ungewollt beschädigen. Glücklicherweise kann Guggeis am Ende des Konzerts mit der Zweiten Sinfonie von Jean Sibelius einen selbstgewählten Programmpunkt einbringen, den er bewundernswert sicher in der Hand hat. Entschiedene, schnelle Tempi prägen dieses Dirigat ebenso wie schon seine „Salome“. Sibelius‘ atemberaubenden Ritt durch eine ereignisreiche, von extremen Gegensätzen geprägte musikalische Geschichte gestaltet Thomas Guggeis professionell und mit kühlem Kopf.