Neues Zirkus-Spektakel

Täglicher Tanz auf dem Drahtseil: „Afrika! Afrika“ in Berlin

Die weltweit gefeierte Show „Afrika! Afrika“ kommt nach Berlin. Wir haben die Artisten vorab bei der Probe in Addis Abeba getroffen.

Show Afrika, Afrika nach einer Idee von Andre Heller Theater am Potsdamer Platz

Show Afrika, Afrika nach einer Idee von Andre Heller Theater am Potsdamer Platz

Foto: Dita Vollmond

„Die Show hat mein Leben verändert.“ Abiy Saleamlak Negashs Augen strahlen, als der schmale Teenager von seinen letztjährigen Auftritten erzählt: Fünf Monate war der Äthiopier 2018 mit dem circensischen Spektakel „Afrika! Afrika!“ in Europa unterwegs, ließ sich von den Füßen seines auf dem Rücken liegenden Partners Seife Desta Buser durch die Manegenlüfte wirbeln, schlug Saltos und Schrauben.

„Ikarische Spiele“ des „Duo Happy“, die ob ihrer unglaublichen Akrobatik Begeisterungsstürme im Publikum auslösten. Kein Wunder, dass der 16-jährige sich nur zu gern an jene Tournee erinnert: „Es war großartig, in Europa zu arbeiten, denn dort ist alles gut.“

André Hellers Vision vom „Kontinent des Staunens“

2005 hatte André Heller erstmals die besten Artisten eines ganzen Kontinents in die Manege geholt und war fast drei Jahre lang mit afrikanischen Akrobaten, Sängern, Tänzern, Jongleuren und einer maurischen Zeltstadt durch Europas Metropolen gereist. Bis heute haben fast 4,5 Millionen Besucher die von leuchtenden Farben, betörenden Düften und mitreißenden Rhythmen erfüllte Show „Afrika! Afrika!“ erlebt.

Nun geht der Wanderzirkus vom „Kontinent des Staunens“ (Heller) erneut auf Tournee und macht ab heute in Berlin Station. Wir haben die Artisten vorab in Adis Abeba besucht. Dort ist am Tag des Besuchs im„Sheger Gymnastic Circus Club“ indes wenig von der Farbenpracht zu sehen.

Viele berühmte Artisten kommen aus Äthiopien

Im Vorraum des nüchternen Baus steht ein alter Tischkicker, ein paar Jugendliche tummeln sich an einem verschlissenen Billardtisch und eine in die Jahre gekommene Tischtennisplatte. In der Sporthalle selbst hat die Lambert Circus Ethopia School ihre Zelte aufgeschlagen, es herrscht konzentrierte Trainingsatmosphäre, Schweißgeruch liegt in der Luft: Kinder üben Flickflacks, Jugendliche proben mit Jonglagebällen, junge Männer kommen bei Menschenpyramiden der Decke gefährlich nah.

An der Seite verfolgt Winston Ruddle aufmerksam die Kunststücke. Der 51-Jährige ist als Talentscout für „Afrika! Afrika!“ unterwegs, bereist auf der Suche nach neuen Künstlern regelmäßig die mehr als 20 Zirkusschulen im Land. „Der Zirkus bieten den Menschen hier die Chance, der Armut zu entkommen“, erzählt der ehemalige Clown.

Nicht daheim, wo die Artisten allenfalls für ein Taschengeld auftreten, aber bei ihren Gastspielen in Europa, Asien oder den USA: „Einige der weltbesten Zirkuskünstler stammen aus Äthiopien – was sie auf ihren Tourneen verdienen, damit können sie daheim ihre ganze Familie unterstützen, Häuser bauen oder das Schulgeld für die Kinder bezahlen.“

Ein Auftritt in Europa ist ein Jahreseinkommen daheim

So wie Abrham Woldehawaryat: Der 24-jährige Jongleur, der auf der Tour seine Silikonbällchen durch die Luft wirbeln lassen wird, war als Kind einer der ersten Schüler Ruddles. „Als ich die Artistik zu meinem Beruf machen wollte, war mein Vater sehr skeptisch“ – Bedenken, die spätestens dann verflogen, als der Sohn auf einer Europatournee 250 Euro pro Abend verdiente: Das jährliche Durchschnittseinkommen in Äthiopien liegt bei rund 350 Euro.

Und doch lebt der junge Mann nach wie vor im Haus seiner Eltern in seinem zehn Quadratmeter großen Zimmer. Wohlstand sieht anders aus, doch vor den eigenen Wünschen steht erst einmal die Unterstützung der zahlreichen Verwandten. Denn der soziale Aufstieg ist für viele Äthiopier schwierig, meist bleibt es bei einem Leben zwischen Wellblech und Wäscheleinen.

Starker Kontrast zwischen Arm und Reich

Welch ein Kontrast zu den verglasten Shopping Malls der 4,4 Millionen-Metropole, wo sich Filialen der Edel-Designer westlicher Herkunft aneinanderreihen. Eine Stadt, zwei Welten: Hier der Luxus, den sich kaum ein Farbiger leisten kann – dort die Slums, deren Lehm- und Wellblechhütten weder an Kanalisation noch an Elektrizität angeschlossen sind.

Dazwischen Tausende kleiner Läden, Marktstände und Werkstätten, die von Hühnern bis Taschenlampen alles verkaufen. Samt der globalen Großstadtherausforderungen von vermüllten Bürgersteigen bis zu stinkenden Staus – auch die erste afrikanische Straßenbahn südlich der Sahara hat das Verkehrschaos nur wenig reduzieren können.

Die Gefahr lauert überall

„Ja, wir haben in Äthiopien viele soziale und wirtschaftliche Probleme“, sagt Belete Abatiye Alemu von den „Flying Ethiopians“. Mittels des Koreanischen Schleuderbretts jagen sich die sieben Artisten der Gruppe gegenseitig durch die Luft, ohne dicke Matten oder andere Sicherheitsvorkehrungen. E

in täglicher Tanz auf dem Drahtseil, der böse Folgen haben kann, wie auch Alemu schon schmerzhaft erfahren hat: Aus sechs Metern Höhe stürzte er bei Proben ungeschützt in die Tiefe und brach sich das Becken. „Doch ich kann es mir nicht leisten, Angst zu haben.“ Ein Kollege kam bei solch einem Sturz sogar ums Leben. Aber das verdrängt der Akrobat.

Wenn das Licht angeht, muss das Angstgefühl weg sein

Geschichten, die auch Ruddle nur zu gut aus den Zirkusschulen kennt. „Wenn du gut sein willst, ist das risikoreich“, sagt er. „Deshalb musst du als erstes lernen, wie du dich selbst schützen kannst.“ Angstgefühle und Schreckensgedanken müssen vergessen sein, wenn abends in der Manege das Licht angeht.

Wie hat es Anrdé Heller doch so poetisch formuliert: „Der Grundsatz lautet: Nicht aus Angst vor der Zukunft und aus Trauer über die Vergangenheit den gegenwärtigen Augenblick versäumen.“ Die Verheißung der Deutschlandtour im Blick sieht letzterer zumindest für diesen Moment auch für Alemu einfach nur nach dem großen Glück aus.