Deutsche Filmakademie

Ulrich Matthes: „Schluss mit dem Hochmut!“

Der Schauspieler verrät, was er als Präsident der Deutschen Filmakademie vorhat. Und wie schwer es ihm fiel, das Amt anzunehmen.

Sein Herz schlägt für den deutschen Film: Ulrich Matthes in seinem Kiez. Ulrich Matthes ist Schauspieler und neuer Präsident der Deutschen Filmakademie

Sein Herz schlägt für den deutschen Film: Ulrich Matthes in seinem Kiez. Ulrich Matthes ist Schauspieler und neuer Präsident der Deutschen Filmakademie

Foto: Reto Klar

Berlin.  Eigentlich steckt er in den Endproben zu Molières „Menschenfeind“, der am 29. März Premiere im Deutschen Theater hat. Aber diese Woche musste das Ensemble schon einmal ohne den Hauptdarsteller proben: Weil Ulrich Matthes in seiner neuen Rolle als Präsident der Deutschen Filmakademie die Nominierungen zum Deutschen Filmpreis bekannt gab. Was er sonst noch für sein neues Amt vorhat, verriet er uns in einem Gespräch, das ganz zwanglos in einem Lieblingslokal in seinem Kiez.

Berliner Morgenpost: Gratulation, Herr Matthes, Sie wurden im Februar zum neuen Präsidenten der Filmakademie gewählt. Obwohl Sie es lieber gehabt hätten, wenn das eine Frau geworden wäre.

Ulrich Matthes: Iris Berben hat das in den neun Jahren so gut gemacht, dass ich wie selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass es wieder eine Frau machen würde. Dann hat mich aber Iris dringend gebeten, ob ich das nicht übernehmen wolle. Und da musste ich erst mal in Klausur gehen: Kann ich das, will ich das? Ich hatte wirklich ein paar schlaflose Nächte, bis ich mich zu einem Ja durchgerungen habe. Es ist einfach eine große Verantwortung. Und egal, was ich mache, ich mache es nicht halbherzig, ich kann einfach nicht anders.

Iris Berben und Senta Berger, Ihre Vorgängerinnen, waren beide eher TV-Schauspielerinnen, was beide selbst nicht ohne Ironie sahen. Sie haben schon viele Filme gedreht, aber man würde Sie zunächst immer mit Theater in Verbindung bringen. Ist das nicht seltsam, dass die Präsidenten der Filmakademie nicht primär aus der Filmbranche kommen?

Ich selber stecke mich nicht in Schubladen. Ich bin Schauspieler. Und ich würde gern genauso viel drehen, wie ich Theater spiele. Das Deutsche Theater ermöglicht mir das auch, so gut es geht. Manchmal scheitern aber wunderbare Angebote halt auch an Proben. Das lässt sich nicht vermeiden, wenn man beides machen will. Ich liebe es, vor der Kamera zu stehen. Und ich glaube auch, dass mein Theaterspiel immer davon profitiert, wenn ich einen großen Film gedreht habe. In Interviews werde ich immer mal gefragt, was ich lieber machen würde, wenn ich mich entscheiden müsste. Da sage ich immer aus vollem Herzen: Glücklicherweise muss ich mich nicht entscheiden. Ich liebe wirklich beides.

Haben Sie sich vor Ihrem Amtsantritt Rat von Ihren Vorgängerinnen geholt? Oder muss da jeder seine eigene Rolle finden?

Ich mache mit Senta Berger im Sommer eine Lesung in Salzburg, da werde ich sie beim Schnitzel ausfragen. Jetzt habe ich vor allem mit Iris gesprochen und sie hat mir ein paar Super-Tipps gegeben.

Sie sind gerade in den Endproben für „Der Menschenfeind“, der nächste Woche Premiere im Deutschen Theater hat. Hat man in solchen Phasen überhaupt Zeit, noch so ein Ehrenamt zu bekleiden?

Das ist echt nicht einfach. Aber ich sitze ja jetzt mit Ihnen hier im Interview. Ich habe mit meinem Intendanten Ulrich Khuon darüber gesprochen: Er freut sich mit mir über die Ehre meiner Wahl. Er ermöglicht es mir ja auch, Filme zu drehen.

Am Deutschen Filmpreis hängen auch Fördergelder, und keine geringen, knapp drei Millionen Euro. Kein anderer Filmpreis, nicht der Oscar, nicht der César, ist mit einem Preisgeld verbunden. Seit die Lola nicht mehr vom Innenminister, sondern von der Filmakademie verliehen wird, wird diskutiert, ob man Fördergeld und Preis nicht voneinander trennen sollte. Was meinen Sie, sollte die Lola stark genug sein, für sich selbst zu stehen?

Daran kann man doch sehen, wie hoch die Politik den deutschen Film und die Preise dafür schätzt! Und ich werde einen Deibel tun und Frau Grütters das abschwatzen (lacht), bloß weil ein paar von mir durchaus geschätzte Journalisten immer wieder daran herummäkeln.

Es mäkeln auch Filmemacher, die nie an diese Fördermittel kommen.

Zu meinen neuen Schäfchen gehören ja auch die Filmproduzenten, und die sind glücklich über diese gremienunabhängigen Gelder. Die müssen sie ja in einen neuen Film stecken. Und das sind sehr oft Filme, die nicht so einfach finanziert werden könnten ohne diese Gelder. Ich schaue jetzt nicht in die Glaskugel, ich kann nicht sagen, ob das in 20 Jahren auch noch so ist, aber noch verteidige ich dieses System. Klar gibt es immer mal enttäuschte Filmemacher, die nicht in die Vorauswahl kommen. Die haben meine allergrößte Empathie. Und wir müssen uns Gedanken machen - das tun wir auch schon in den letzten Wochen –, was man an dieser Vorauswahl justieren könnte, um sie noch gerechter zu machen. Soweit Gerechtigkeit bei künstlerischen Entscheidungen überhaupt möglich ist. Ich bezweifle das. Vor der Alternative, die Vorauswahl ganz abzuschaffen, warne ich. Es ist jetzt schon schwierig, dass alle 2000 Akademiemitglieder diese Unzahl von Filmen sichten.

Hand aufs Herz, schauen Sie sich all die Filme an, die Sie da alljährlich als Paket nach Hause bekommen? Und schauen Sie auch alle wirklich bis zum Schluss?

Klar, beides! Das ist, wie schon gesagt, eine Charaktereigenschaft von mir: Wenn ich was mache, dann mach ich’s. Ob das alle so halten? Wohl eher nicht. Abstimmen sollte man wirklich nur, wenn man alle Filme gesehen hat.

Bericht über die Nominierungen zum Deutschen Filmpreis

Wie zufrieden sind Sie denn mit der Vorauswahl und den Nominierungen in Ihrem ersten Jahr als Präsident?

Ich stehe loyal hinter sämtlichen Entscheidungen. Alle Mitglieder haben bestimmt ein paar Darlings, die sie vielleicht vermissen. Ich habe Ulrich Köhlers „In my Room“ in der Vorauswahl vermisst, auch den Dokumentarfilm „Familie Brasch“. Großartig: Bei den Nominierungen finde ich die Bandbreite der Entscheidungen toll, bei den vielen Filmen, die da zur Auswahl standen. Was gegen die These spricht, die man immer mal wieder hört, dass die Filmakademie oft nur „auf einen großen Haufen kackt“. Ich entschuldige mich offiziell für meine Formulierung.

Das war die Angst, die man hatte, als die Akademie 2005 erstmals abstimmen durfte: dass nur noch Mainstream ausgezeichnet wird. Vom ersten Jahr an hat sich aber gezeigt, dass dem nicht so ist.

Das finde ich eben auch. Ich finde, die Qualität auch in diesem Jahr gut. Und bei all meinen Schäfchen kann ich, man möge es mir nachsehen, doch jetzt nicht sagen, dass ich einzelne Entscheidungen positiv oder negativ hervorhebe.

Da Sie immer von Ihren Schäfchen sprechen...

Das meine ich natürlich ironisch! (lacht)

… aber ist so ein Präsident dann auch ein Hirte, der seine Herde zusammenhält?

Naja, die kommen auch ganz gut alleene klar. Aber anregen kann ich schon. Ein wesentliches Anliegen von mir ist: ein bisschen mehr Solidarität untereinander. Ich habe das Gefühl, wir könnten alle, mich eingeschlossen, grundsätzlich noch neugieriger ein auf Filme, die uns je nach unterschiedlichem Geschmack erst mal uninteressant erscheinen. Dazu offener zu werden, würde ich gerne anregen. Mich nervt auch dieses ziemlich deutsche Gerede über E und U. Angeblich wollen die einen nur Kasse machen… Aber diese Form von Unterhaltungskino hat wunderbare Filme hervorgebracht, und manchmal eben auch Schrott. Ganz normal. Aber das Popcorn-Kino hat seine Berechtigung, genauso wie der kleine, ambitionierte, hochsubjektive, vielleicht auch spröde und sperrige Arthousefilm. Da ist Hochmut auf beiden Seiten. Als ich als blutiger Anfänger mal eine Folge „Derrick“ gedreht hatte, haben Theaterkollegen gemurmelt: Geht’s noch? Mir hat das den größten Spaß gemacht, und ich konnte mich ausprobieren. Geld gab es auch noch. (lacht)

Und wollen Sie die Schäfchen auch politisch binden? Zu gesellschaftspolitischen Themen hat die Akademie in der vergangenen Zeit ja nicht immer Stellung bezogen. Als ich zu Beginn der #MeToo-Debatte mal um ein Statement bat, musste das erst ewig diskutiert werden. Warum dauert das so lange? Müsste eine Akademie nicht viel häufiger Position beziehen?

Unbedingt, das ist mir wichtig. Die Filmakademie kann und sollte auch politischer werden. Ich bin selbst ein politischer Mensch. Ich war schon immer engagiert, ohne Mitglied einer Partei zu sein. Aber in den letzten Jahren habe ich immer dringender das Bedürfnis, mich zu positionieren. Die Demokratie ist in einem nicht mehr so stabilen Zustand wie vor 20 Jahren. Demonstrationsrecht, Pressefreiheit, Freiheit der Kunst: Das alles ist in einigen Ländern Europas überhaupt nicht mehr selbstverständlich. Deshalb sollte jeder Einzelne Farbe bekennen. Aber auch die Akademie als Institution. Man muss ja nicht bei jedem Klimperkram eine Verlautbarung rausschicke. Aber bei wesentlichen Themen sollte man sich bekennen. Zum Thema #MeToo zum Beispiel haben wir ja eine Art Beschwerdestelle gegründet.

Davon hat man in der Öffentlichkeit leider nicht viel mitbekommen.

Das war auch so beabsichtigt. Die Frauen sollten da ganz offen sein können, ohne irgendeine Öffentlichkeit. Das finde ich überhaupt gut: dass man sowohl im geschützten Raum Formate findet, um sich auszutauschen, als auch Projekte nach außen tragen kann, die in die Gesellschaft hineinwirken. Filmbildungsprojekte, an denen ich sehr hänge, die ich auch gerne noch ausweiten will. Wir haben etwa das Projekt Mix it mit Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund zwischen 14 und 17, die an Berliner Schulen Kurzfilme drehen. Das ist eine ganz einfache, aber tolle Integrationsinitiative.

Muss man als Akademiepräsident mit Monika Grütters auf gutem Fuß stehen?

Von müssen kann keine Rede sein! Aber es kann nicht schaden. Wir mögen und schätzen uns. Das ist sicher von Vorteil.

Der Deutsche Filmpreis wird in diesem Jahr am selben Tag verliehen, an dem das Theatertreffen in Berlin eröffnet wird. Tut das weh, hätte man das besser terminieren können?

Hätte man. Dann verpasse ich eben die Eröffnungsrede. Den Simon Stone gucke ich mir am nächsten Abend an.

Schmieden Sie schon selber an Ihrer ersten Verleihungsrede?

Na, bis dahin es ist ja noch ein bisschen Zeit. Jetzt steht erst mal die Molière-Premiere an. Aber ich mach mir schon Gedanken. Und wenn es im ersten Jahr noch nicht ganz superlativisch wird, habe ich ja noch zwei weitere Amtsjahre... (lacht)