Fernseh-Highlight

Ganz nah dran an der Realität: „Gegen die Angst“

Der ZDF-Film „Gegen die Angst“ handelt hochaktuell vom Kampf gegen kriminelle Familien-Clans. Und hinterlässt doch ein ungutes Gefühl.

Die entschlossene Staatsanwältin Judith Schrader (Nadja Uhl, r.) kämpft mutig gegen den libanesischen Clan umn Machmoud Al-Fadi (Atheer Adel, l) an.

Die entschlossene Staatsanwältin Judith Schrader (Nadja Uhl, r.) kämpft mutig gegen den libanesischen Clan umn Machmoud Al-Fadi (Atheer Adel, l) an.

Foto: dpa

Am 24. März beweist das ZDF einmal, wie schnell Fernsehen sein kann. Erst wenige Wochen ist es her, dass in Berlin und anderen Städten Großrazzien gegen arabische Clans durchgeführt wurden. Ein Signal des Staates, endlich einmal durchzugreifen in einer Parallelgesellschaft, bei der man allzu lange nicht so genau hingeschaut hat.

Am Montag nun läuft mit „Gegen die Angst“ ein TV-Film, der sich mit genau diesem Reizthema auseinandersetzt. Der Mainzer Sender macht daraus gleich einen Themenabend und strahlt im Anschluss noch eine Dokumentation zum Thema aus.

Der Autor war selbst Schöffe beim Gericht

Natürlich kam auch „Gegen die Angst“ nicht aus dem Nichts. Ein Film braucht heute vom ersten Exposé bis zur Endfassung gut zwei Jahre, bis ein Ausstrahlungstermin gefunden wird, vergeht noch mehr Zeit. Auch in diesem Fall gingen die ersten Ideen schon auf den Sommer 2015 zurück, wo das Thema in der Öffentlichkeit gerade präsenter wurde.

Das Drehbuch schrieb Robert Hummel, ein Autor, der auch als Schöffe am Berliner Landgericht tätig war, auf diese Weise viele Prozesse erlebt hat und einen tiefen Einblick in die Parallelwelt der organisierten Kriminalität nehmen konnte.

Als das Thema während der Drehbuchentwicklung weiter hochkochte, wurde jede Neufassung mit aktuellen Entwicklungen abgeglichen.

„Während unserer ersten Schnittfassung füllte im September 2018 die Beerdigung eines Serientäters, zu der 2.000 Clanmitglieder anreisten, bundesweit die Titelseiten“, so ZDF-Redakteurin Esther Hechenberger. „Die Realität hatte die Fiktion eingeholt.“ Dennoch nennt sie den Film einen „Work in progress.“

Ein Krimi, wie er sich real vor unseren Haustüren abspielt

Frustrierte Ermittler, Zeugen, die unter Druck gesetzt wurden, Angeklagte, die während der Prozesse offen mit ihren Verteidigern scherzen, überhaupt das Gefühl, dass das Rechtssystem von der organisierten Kriminalität nicht nur nicht ernst genommen, sondern offen verlacht wird: All das hat Hummel beobachtet. Und all das floss in sein Drehbuch ein.

Regisseur Andreas Herzog hat das an Originalschauplätzen in Berlin verfilmt, und nicht selten an Drehorten, wo sich nur zwei Straßen weiter ganz ähnliche Szenen wirklich zugetragen haben. Mit Nadja Uhl hat man dabei eine Hauptdarstellerin gefunden, die das Projekt entscheidend vorangetrieben hat. Und die mit „Operation Zucker“ schon einmal einen TV-Film gemacht hat, dessen Reizthema (damals ging es um Kinderhandel und Kinderprostitution) danach leidenschaftlich diskutiert wurde.

„Es wird mal Zeit, dass wir an den Kopf rankommen und nicht nur an die kleinen Täter“, sagt sie denn auch gleich zu Beginn von „Gegen die Angst“ als mutige Staatsanwältin Judith Schrader. Einlibanesischer Clan beherrscht hier die Berliner Szene in Sachen Drogen, Prostitution und Schutzgelderpressung.

Gleich zwei große Gewissenskonflikte

Der Versuch, den Bruder des Clanchefs zu stellen, misslingt jedoch. Ein Polizist wird dabei angeschossen und fällt ins Koma. Das wäre der Moment, wo die Staatsanwältin den Fall gleich wieder abgeben müsste. Denn sie hat mit dem Mann eine Affäre und ist somit befangen. Aber sie führt ihren Kampf nur noch entschiedener fort, bis auch dem zuständigen Kommissar Zweifel kommen, ob sie noch objektiv ist oder nur auf Rache aus.

Es geht hier gleich um doppelte Befangenheit. Denn die Polizeianwärterin Leyla (Sabrina Amali) ist Tatzeugin und könnte den Täter belasten. Doch sie ist eine Cousine zweiten Grades des Clan-Chefs Machmoud Al-Fadi (Atheer Adel). Und der setzt nicht nur sie, sondern gleich ihre ganze Familie unter Druck.

Dass im deutschen Fernsehen fast jedes gesellschaftsrelevante Thema durch Krimiformate verhandelt werden muss, wird oft genug und zu Recht bedauert. Hier macht es einmal wirklich Sinn. Denn der Krimi findet buchstäblich vor der Tür statt und wird beängstigend realistisch inszeniert – einschließlich der Ohnmacht der Ermittler, deren Arbeit obendrein durch Sparzwänge und Personalmangel erschwert wird.

Der Schluss lässt Fragen offen

Dass man aus dramaturgischen Gründen gleich zwei Gewissenskonflikte verarbeiten muss, ist dagegen Geschmackssache – und macht ja auch die Ermittler-Seite angreifbar.

Bei Filmen zu brandaktuellen Themen ist es immer spannend, zu welchem Schluss sie kommen. Es muss zwingend ein offenes Ende sein, das Thema bleibt ja virulent. Aber mit dem düsteren Ende von „Gegen die Angst“ erweist man dem Thema wohl eher einen Bärendienst. Wer diesen Film sieht, würde es sich danach noch sehr viel genauer überlegen, ob man je gegen einen Clan aussagen würde. Auch der Titel des Films wird so leider ad absurdum geführt.

"Gegen die Angst", Montag, 25.3., 20.15 Uhr, ZDF