Kunst

“Kauf’ das Bild, das du in deinem Zimmer haben willst”

Heiner und Ulla Pietzsch erzählen in einem Bildband aus ihrem Leben – als Kunstsammler und als Berliner zwischen Ost und West.

Ulla und Heiner Pietzsch inmitten „ihrer Kinder“, der Kunstsammlung.

Ulla und Heiner Pietzsch inmitten „ihrer Kinder“, der Kunstsammlung.

Foto: Ulla und Heiner Pietzsch

Wenn Leute ihn fragen, was er eigentlich mache, sagt Heiner Pietzsch, “dann sage ich immer: Ich habe nur mit Kunst zu tun. Ich habe Kunststoffe verkauft und von dem verdienten Geld Kunst gekauft.” In einem Satz ist damit ziemlich viel über den Mann gesagt, den man vielleicht als den bodenständigsten unter Berlins berühmten Kunstsammlern bezeichnen kann. Heiner Pietzsch, geboren 1930 in Dresden: In den 60er-Jahren begann er mit seiner Frau Ulla, Kunst des 20. Jahrhunderts zu sammeln.

Max Ernst, Magritte, Miró, Dalí, Pollock und Rothko, Frida Kahlo und Diego Rivera – heute lebt das Ehepaar Pietzsch in seiner Villa im Grunewald mit zahlreichen berühmten Werken der Moderne an den Wänden. Seit 2009 große Teile ihrer millionenschweren Sammlung in der Neuen Nationalgalerie ausgestellt wurden, kennen auch Laien den Namen des Sammler-Ehepaars. In einem Bild- und Erzählband berichten die beiden nun, wie sie wurden, was sie sind.

Das Paar lernt sich in der S-Bahn kennen

Es ist ein Bildband geworden, natürlich. Mit Drucken und Geschichten zu vielen weltbekannten Werken und deren Künstlern – die Sammler haben viele persönlich gekannt oder kennen sie noch. Was die Doppel-Biografie jenseits der von Kunst und Künstlern besonders macht, ist aber die Lebensgeschichte der beiden Menschen, die da erzählen. Die eine beginnt in Pietzschs Geburtsstadt Dresden zwischen Kriegsruinen, es folgen Berlin, Teilung und Mauer. Ulla Pietsch, Jahrgang 1934, ist in Mahlsdorf im Osten Berlins aufgewachsen. Das Paar lernt sich, wie kann es in Berlin anders sein, in der S-Bahn kennen. Wochenlang schauten sie sich schweigend an, romantisch-verliebt, bis sich endlich eine Gelegenheit ergibt, sich näher kennen zu lernen. Nicht bei einer Kunstausstellung, sondern auf der Leipziger Frühjahrsmesse, die sie beruflich beide besuchen.

Wie, also, kommt ein 16-Jähriger im ausgebombten Dresden dazu, sich für Kunst zu interessieren? Heiner Pietzsch ist die Kunstliebe nicht in die Wiege gelegt. Die Bombennächte in Dresden hat er als Flakhelfer nur mit sehr viel Glück überlebt. Zehn Tage hält seine Familie ihn für tot, bis sie sich wiederfinden. Nach den Bombardierungen sind die Schulen zerstört, den Kriegskindern bleibt nur der Fußball als Zeitvertreib. Pietzsch muss mangels Alternativen eine Lehre als Elektriker machen, was ihm gar nicht gefällt. Und entdeckt nebenbei, die Arbeit schwänzend, das Theater und die Kunst. 1946 steht er in der ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in Dresden. “Die Begegnung mit den in der Nazizeit als “entartet’ verfemten Künstlern war so aufregend für mich, dass noch bestimmt sechs- oder siebenmal allein hingegangen bin.”

Erzählt werden die Lebensgeschichten des Sammler-Paars als Antworten auf Fragen, die wiederum eine gute Freundin der beiden stellt. Autorin Anne Richter gehört derselben Generation an, man kennt sich seit langem. So wird aus dem Interview ein unterhaltsames, erinnerndes Gespräch: Liebevoll und mit viel Humor, mit viel Erinnerung aus dem alten und nicht ganz so alten Berlin. Und manchmal auch mit dem bitteren Realismus jener Generation, die ihre Kindheit und viele Träume im Krieg verlor.

der neue Kollege heißt Alexander Schalck-Golodkowski

Mit viel Durchsetzungswillen holt Pietzsch nach 1945 das Abitur nach und wird in der Abteilung “Materialbeschaffung” des VVB (Vereinigte Volkseigene Betriebe) der DDR angestellt. 1952 wird er nach Ost-Berlin versetzt. Er sitzt neben einem Kollegen namens Alexander Schalck-Golodkowski, der später zum schillernden “Devisenbeschaffer” der DDR avancieren wird – eine Anekdote am Rande.

Pietzsch wählt einen anderen Weg. 1956 bewirbt er sich um den Zuzug nach West-Berlin, aus politischen Gründen. Er will frei sein und entscheiden. Er beginnt einen Handel mit Kunststoffplatten, aus denen Knöpfe hergestellt werden, beliefert zunächst auch DDR-Betriebe. Ulla wird seine erste Mitarbeiterin. Sie heiraten, ziehen nach Schlachtensee – und beginnen, sich einzurichten. Mit Kunst – und in Berlin. Pietzsch engagiert sich in den folgenden Jahrzehnten auf vielen Ebenen, wird Präsident des Fußballvereins Tennis Borussia, gründet den privaten Radiosender 100,6 mit, aus Protest gegen den “linken” Sender Freies Berlin. Und wird 1977 Gründungsmitglied des Vereins der Freunde der Nationalgalerie.

So gewieft sich Pietzsch anstellt als Handelsvertreter – er baut sein Geschäft in den folgenden Jahren international aus. Kunst zu kaufen, sagt er, habe er nie mit dem Gedanken verbunden, Geld zu verdienen. “Für uns ist Kunst Leidenschaft, nicht Spekulation.” Wer ihn heute fragt, nach welchen Kriterien man Kunst auswählen soll, dem rät er davon ab, an Rendite zu denken: “Kauf’ das Bild, das du in deinem Zimmer haben willst.”

Wozu zwei Bilder vom selben Maler?

Bei den ersten eigenen Bildern, erzählen die beiden, ging es immer auch im die Frage, wie viel Geld sie ausgeben konnten. Einmal überredet Ulla Pietzsch ihren Mann, statt zwei Bilder von Gerhard Altenbourg doch lieber nur eines zu kaufen. Ihr Argument: Wozu zwei Bilder vom selben Maler? Eigentlich, gesteht sie ihm später, habe sie Angst gehabt, dass das Geld nicht mehr reichen würde für ein Kleid, das sie gern haben wollte. Was sie erwerben, hängen sie zu Hause an die Wand. Die Pietzsch’sche Villa in Grunewald ist heute eine Art bewohntes Privatmuseum.

Der Arbeit und dieser Leidenschaft opfern die beiden auch die Familienplanung, gestehen sie in ihrem Buch. Die ersten zwölf Jahre bestand ihr Leben aus Arbeit, den ersten Urlaub machten sie nach zehn Jahren. Es sei sicher nicht falsch, die Bilder der Sammler als deren Kinder zu betrachten, in die sie sehr viel Zeit und Liebe und Geld investiert hätten, schreibt Autorin Anne Richter.

Nachlass schon zu Lebzeiten geregelt

So erklärt sich auch, dass das Ehepaar schon zu Lebzeiten den Nachlass geregelt hat. Ein großer Teil der Sammlung soll im geplanten Museum der Moderne ausgestellt werden, das auf dem Kulturforum neben der Neuen Nationalgalerie entstehen soll. Nach dem Motto, das auch der Titel des Buches ist: “Was bleiben wird, ist die Kunst.”

Ulla und Heiner Pietzsch: Was bleiben wird, ist die Kunst! Zwei Leben nach dem Krieg, Braus Verlag, 208 Seiten, 36 Euro