Buchpremiere

Sebastian Fitzek: „Früher hätte mir keiner zugehört“

Hat aus Fehlern gelernt: Der Berliner Thrillerautor Sebastian Fitzek stellt ein sehr privates Ratgeberbuch vor.

Bestsellerautor Sebastian Fitzek.

Bestsellerautor Sebastian Fitzek.

Foto: jörg Krauthöfer

„Leipzig als Publikumsmesse ist etwas Erstaunliches, allein dass sich so viele Menschen für das Medium Buch begeistern.“ Sebastian Fitzek, Berlins berühmtester Bestsellerautor, ist auf dem Weg zur Buchmesse. Am Freitag sitzt er zum live-gestreamten Gespräch auf dem „Blauen Sofa“ in der Glashalle und stellt sein neues Buch „Fische, die auf Bäume klettern“ vor. „Ich bin mit meinem Sachbuch vor Ort, aber ich stehe nun mal für meine Thriller“, sagt er bei unserem Treffen in einem Schöneberger Café: „Ich gebe zwei Tage lang Signierstunden, denke aber, dass die meisten zu mir als Thrillerautor kommen.“ Erfahrungsgemäß werden sich lange Schlangen vor seinem Signiertisch sammeln.

Der Titel mit den kletternden Fischen führt zunächst in die Irre. Im Untertitel heißt das Buch deshalb „Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben“. Aber weil ein erfolgreicher Unterhaltungsautor auch mal nach ganz oben greifen will, ist dem Buch ein elitäres Zitat vorangestellt: „Jeder ist ein Genie. Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.“ Das soll Albert Einstein gesagt haben. Sebastian Fitzek wagt sich jenseits aller abstrakten Girlanden mit seinem sehr privaten Ratgeberbuch, in dem wichtige Leitsätze gefettet sind, ins alltägliche Dasein hinein. „Es werden mehr Fragen kommen, auf die ich nicht aus der Pistole geschossen antworten kann“, sagt er zu den bevorstehenden Begegnungen in Leipzig: „Jetzt bin ich in einem neuen Genre unterwegs.“

Das Ratgeberbuch richtet sich an seine drei kleinen Kinder

Sebastian Fitzek ist 1971 als Sohn eines Gymnasialdirektors in Charlottenburg geboren worden. Er studierte Jura, promovierte übers Urheberrecht, arbeitete dann als Chefredakteur und Programmdirektor für Radiostationen. Er ist ein Marketing-Profi. Seiner Biografie haftet schon etwas Abenteuerliches an. Mit „Die Therapie“ legte er 2006 seinen ersten Psychothriller vor. Seither folgt ein Bestseller dem nächsten. Das Berliner Kriminal-Theater zeigt seine Thriller in Bühnenfassungen. Aber Fitzek bleibt der nette Typ von nebenan, dem man alles erzählen kann. Was gefährlich ist, denn die Geschichten können sich irgendwann in seinen Büchern wiederfinden. In dem Ratgeber finden sich Beispiele von gescheiterten engen Freunden. Etwa im Kapitel übers Fremdgehen.

Für das neue Buch soll seine Ehefrau Sandra verantwortlich sein. Sie rief ihn 2014 an, als er gerade im Flughafen Tegel auf den Abflug wartete und fragte, ob er inzwischen sein Testament gemacht hätte? Das soll das Nachdenken über sich selbst ausgelöst haben. „Darüber hinaus gibt es noch so viel Unausgesprochenes zwischen mir und meinen noch kleinen Kindern“, sagt Fitzek, dessen drei Kinder jetzt zwischen fünf und acht Jahren alt sind: „Also dachte ich, ich schreibe mal alle meine Gedanken auf. Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass ich gar nicht so sattelfest bin bei allen meinen Aussagen. Der Standpunkt im Leben ist gar nicht so fest definiert.“ Die Arbeit am Buch habe deshalb fast fünf Jahre gedauert, sagt er, weil er zwischendurch länger darüber nachdenken musste.

Die Bestsellerliste sichert keine ausdauernden Glücksgefühle

Fitzek spricht offenbar weniger gern über die Bibel, eher übers Grundgesetz. Am liebsten aber über eigene Lebenserfahrungen. Sein Buch ist durchaus selbstkritisch angelegt. „Was mich umtreibt ist die Frage: Welches Ziel hat unser Leben? Ich glaube heute, dass ich anfangs fehlgeleitet war durch falsche Ziele, denn Erfolg und Geld sind nur Momentaufnahmen, in Wahrheit sollte unser Ziel ein erfülltes und aufregendes Leben sein. Viele brechen nicht auf, weil sie Angst vor negativen Erlebnissen haben. Aber die Erfahrungen brauchen wir.“

Den Einwand, dass er das erst jetzt, auf dem Höhepunkt seines literarischen und materiellen Erfolgs, allen mitteilen will, wischt er fröhlich beiseite. „Das hätte ich schon vorher gesagt, aber es hätte mir wahrscheinlich keiner zugehört.“ Fitzek plädiert dafür, seine Leidenschaft zu finden und zu leben. Der Thrillerautor schreckt nicht einmal vor dem Wort Glück zurück. „Die meistgestellte Frage bei Lesungen ist: Haben Sie keinen Erfolgsdruck?“, sagt Fitzek. Dann gibt er freimütig zu: „Ja, hin und wieder hat man das. Manchmal hat man Angst davor, dass alles plötzlich wieder vorbei wäre. Aber glauben Sie mir, man hat nicht ausdauernde Glücksmomente, weil man auf einer Bestsellerliste steht.“

Um die Balance zwischen Beruf und Privatleben geht es

In den Thrillern hätte er immer punktuell Themen aufgegriffen, sagt Fitzek, die sich auch in dem Ratgeber wiederfinden. „Manches zieht sich wie einer roter Faden durch, etwa das Thema der Prioritätensetzung wie beim „Augensammler“. Es geht um die Balance zwischen Beruf und Privatleben.“ Und plötzlich tritt hinter dem Thrillerautor auch ein Gesellschaftskritiker hervor. „Kapitalismus appelliert eigentlich an niedere Instinkte, Gier und den Wettbewerb untereinander. Dass Menschen miteinander kämpfen müssen. Man behauptet, das sei menschlich.“ Aber man sollte zuerst an den Gemeinsinn appellieren.

In das Thema fällt für ihn auch die Wertschätzung all jener Berufe, die für uns Menschen von grundlegender Bedeutung sind. „Es wird niemals die Show ,Deutschland sucht den besten Krankenpfleger’ geben“, sagt er: „Dass die geringsten Gehälter für die wichtigsten Berufe bezahlt werden, das darf eigentlich nicht sein.“

Fitzek hat bereits einen neuen Thriller vor Augen. „Vor zwei Jahren hat mich eine Reise zur Buchmesse nicht nur in die Welt der Lesenden, sondern auch die der Analphabeten geführt“, sagt er: „Es gab auf der Messe einen Info-Stand, der einem klarmachte, dass es in Deutschland sieben Millionen funktionale Analphabeten gibt. Ich denke über einen Thriller nach, wo ein Analphabet die Hauptrolle spielen soll.“