Deutsche Oper

Tobias Kratzer: Opernthriller mit tödlichem Ausgang

Wenn Oper politisch unkorrekt ist: Der Münchner Regisseur Tobias Kratzer probt Zemlinskys „Der Zwerg“ an der Deutschen Oper Berlin.

Regisseur Tobias Kratzer in der Deutschen Oper Berlin.

Regisseur Tobias Kratzer in der Deutschen Oper Berlin.

Foto: David Heerde

Mit dem Münchner Opernregisseur Tobias Kratzer über Oper zu reden, ist gar nicht so einfach. Man landet schnell bei anderen Themen, beispielsweise bei gescheiterten Autokäufen. Was in seiner Erzählung eher an ein Kultur-Happening erinnert. Kratzer probt an der Deutschen Oper gerade Alexander von Zemlinskys „Der Zwerg“, am Sonntag ist die Premiere. Deswegen treffen wir uns vorab im Foyer der Charlottenburger Oper. Parallel laufen bei Kratzer auch die Vorbereitungen für die große „Tannhäuser“-Premiere, mit der im Sommer die Bayreuther Festspiele eröffnet werden. Leichtfertig sage ich dahin, dass Bayreuth dichter an München liege. „Berlin ist leichter zu erreichen als Bayreuth“, unterbricht er. Man könne fliegen oder den ICE-Sprinter nehmen. Womit wir bei seinen merkwürdigen Autoerfahrungen sind.

Plötzlich stand er mit dem Elektroauto in der Pampa

„Am vergangenen Wochenende wollte ich mir ein neues Auto kaufen“, sagt er: „Es war ein mittleres Desaster.“ Das Auto, was er sich anschauen wollte, war in der Nähe von Heilbronn. Er ist mit dem Zug nach Stuttgart gefahren und hat sich ein Elektro-Auto gemietet. „Ich hatte völlig überschätzt, wie weit so ein kleines Elektro-Auto einen auf der Autobahn bringt. Jedenfalls nicht bis nach Heilbronn. Ich stand plötzlich in der Pampa ohne eine Ladestation.“ Deutschland bezeichnet er diesbezüglich als Entwicklungsland. Seine Fahrt hat er mit einem Miettaxi zu Ende gebracht.

Er sei kein Autoexperte, erklärt er, er schaue sich immer so komische Autos an. „Vor einem Jahr habe ich mir einen Mercedes aus den Achtzigern angeguckt, es war das letzte Auto von Barbara Valentin, der berühmten Münchner Schauspielerin und engsten Freundin von Freddie Mercury.“ Das fand er bei einem Autohändler in der Garage. „Man konnte nachweisen, dass Freddie Mercury auf dem Beifahrersitz mitfuhr. Aber ich habe das Schlachtross nicht gekauft, der Spritverbrauch war jenseits aller Umweltnormen. Vielleicht findet mich mal ein Auto.“ Tobias Kratzer gehört zu jenen, die viel Spaß am Leben haben. Egal, ob Autokauf oder Opernregie.

Mit zwei Identitäten trat er im Wettbewerb gegen sich selber an

Der 1980 in Landshut Geborene gehört zu den spannendsten und vor allem schelmischsten Regisseuren seiner Generation. Nach Kunstgeschichte in München und Bern studierte Kratzer Schauspiel- und Musiktheaterregie an der Theaterakademie August Everding studiert. 2008 trat er beim Internationalen Regiewettbewerb „ring.award“ in Graz an. Es sollten Metaperformances mit Verkleidungen und konspirativen Wohnungen werden. Tobias Kratzer nutzte zwei Identitäten: Die Amerikanerin Ginger Holiday auf der einen Seite und Nedko Morakov von einem osteuropäischen Künstlerkollektiv auf der anderen Seite traten gegeneinander an. Ginger Holiday gewann mehr Preise, das Kollektiv am Ende den Wettbewerb. Danach kamen die Einladungen von den Opernhäusern.

An der Komischen Oper hat er vor zwei Jahren Rameaus Barockoper „Zoroastre“ als einen handfesten Nachbarschaftsstreit inszeniert. Im letzten Jahr war Kratzer fast nur unterwegs und hat er sechs Inszenierungen gemacht. Nach Bayreuth will er Urlaub machen. Auf seinem Wunschzettel steht die Osterinsel, die für die meisten von uns gedanklich weit weg ist. Aber nicht für Kratzer. „An der Komischen Oper hatte ich einen Regieassistenten, der mit Freunden einen Fahrradverleih auf der Osterinsel betreibt. In einer anderen Produktion hatte ich einen Tänzer, dessen Vater ein hohes Tier im chilenischen Militär ist. Falls der Flugplan passt, sagte er, könnte ich auch mit einer Militärmaschine mitfliegen. Meine bisherigen Jobs haben mir also schon einen Fahrradverleih und eine Mitfluggelegenheit gesichert.“ Darüber kann Kratzer so herzhaft lachen.

Das Ende lässt sich in jedem Opernführer nachlesen

Über Bayreuth will er gar nicht viel sagen, denn es gäbe Klauseln im Vertrag. „Es ist schlimmer als bei ,Game of Thrones’, wo die Darsteller noch nicht einmal wissen dürfen, wie ihre eigene Figur oder eine Staffel endet“, sagt der Regisseur: „Gut, wie ,Tannhäuser’ endet, kann man in jedem Opernführer nachlesen.“ Allerdings brauche er als Regisseur auch ein bestimmtes Überraschungspotenzial. „,Tannhäuser’ ist schon durch so viele Interpretationsmühlen gedreht worden, da ist der Neuigkeitswert eines Konzepts höher als üblicherweise.“

Dass Zemlinskys „Der Zwerg“ bereits vom Titel her heute politisch unkorrekt ist, darüber sind wir uns einig. „Wir bringen tatsächlich einen kleinwüchsigen Schauspieler auf die Bühne“, sagt Kratzer: „Damit verdoppele ich die Rolle neben dem Tenor. Ich finde es politisch viel problematischer, wenn man einen besonders kleinen Sänger genommen hätte und ihn dann etwa auch noch speziell geschminkt hätte.“

Der Zwerg ist eine Metapher für das Anderssein

In Oscar Wildes zugrundeliegendem Märchen war der Zwerg eine Metapher für das Anderssein, so der Regisseur. Wilde war selbst fast zwei Meter groß und korpulent. Zemlinsky nahm in seiner Künstleroper die Metapher viel wörtlicher, weil er sehr klein war und darunter litt. „Zemlinsky macht aus dem Zwerg außerdem einen Musiker. Er holt ihn noch dichter an sich heran, weil er seine eigenen Kompositionen zum besten gibt. Die Oper offenbart nicht nur den Komplex über die eigene Größe, sondern auch über den eigenen Platz in der Musikgeschichte.“

Alle Figuren hätten das Problem, dass ihr Fremdbild und ihr Selbstbild auseinander klaffen. Jeder von uns habe Dinge, glaubt Kratzer, die er vor anderen verbergen möchte. „Gerade das Verdrängte, nicht bewusst Aufgearbeitete, schlägt dann umso stärker zu. Es ist ein Opernthriller mit tödlichem Ausgang.“

Deutsche Oper Berlin, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Termine: 24.3.2019 (Premiere), 27. und 30.3., 7. und 12.4.