Konzert

Universalkünstler Jörg Widmann huldigt sich selbst

Er zeigt, was er kann, und das ist beeindruckend: Jörg Widmann trat mit der Jungen Deutschen Philharmonie in der Berliner Philharmonie auf

Klarinettist, Komponist, Dirigent: Jörg Widmann

Klarinettist, Komponist, Dirigent: Jörg Widmann

Foto: Marco Borggreve

Es fällt ziemlich leicht, Jörg Widmanns zahlreiche Talente auf einen Nenner zu bringen. Denn ganz egal, ob er nun als Komponist oder Klarinettist auftritt, ob als Pädagoge oder Dirigent: das Spielerische, Musikantische, Verführerische steht für Widmann stets an erster Stelle – verbunden mit dem sympathischen Drang, alle um ihn herum begeistern zu wollen.

Und vermutlich ist das auch der Grund, warum man ihm nun seinen aktuellen Auftritt in der Philharmonie kaum übelnehmen kann. Ein Auftritt, der sich ausführlich der Person Jörg widmet und zumindest von außen betrachtet recht selbstherrlich anmutet. Passend dazu die groß angelegte Huldigung an den Universalkünstler Jörg Widmann im Programmheft. Passend dazu, weil an diesem Abend tatsächlich alle Jörg Widmanns in der Philharmonie zu erleben sind: der Soloklarinettist Widmann, der Arrangeur, der Komponist, der Dirigent. Und nicht zuletzt der leidenschaftliche Pädagoge, der sich um den Orchesternachwuchs kümmert.

Schwung, Schwung und noch mal Schwung

Gerade nämlich ist Widmann mit der Jungen Deutschen Philharmonie unterwegs. Mit einem Ensemble, das aus Musikstudenten zwischen 18 und 28 Jahren besteht. Im Gepäck: einmal Mendelssohn, einmal Widmann, einmal Robert Schumann. Man könnte es allerdings auch als reines Jörg-Widmann-Programm bezeichnen. Denn zum einen erklingt Mendelssohns „Andante“ aus der frühen Klarinettensonate in einer Bearbeitung von Jörg Widmann. Und zum anderen sagt auch Robert Schumanns Zweite Sinfonie op. 61 an diesem Abend viel mehr über den Komponisten Widmann aus als über den Komponisten Schumann.

Schwung, Schwung und noch mal Schwung – das ist, was Widmann von den jungen Musikern fordert. Er lässt Schumann auf Energiewellen reiten. Atemlos intensiv wirkt der Kopfsatz, leicht und geschmeidig der Anfang des Scherzos. Auch die ersten Takte des Adagios beglücken mit ehrlicher Hingabe, doch dann kommt Widmanns Schwung zum Erliegen – der Satz zerfällt. Und das scheinen Widmanns Schwachstellen zu sein: jene Stellen, an denen kein Schwungholen möglich ist. Jene Stellen, die nach einer anderen Art von Spannung verlangen.

Seine Messe ist ein Sammelsurium an Stilen und Ideen

Mendelssohns „Andante“ zu Beginn des Abends macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme: Widmann lässt die Musik traumverloren dahinfließen. Er genießt die pure Atmosphäre. Hier ist es allerdings Widmanns originelles Arrangement, das den Zuhörer bei der Stange hält: die Solo-Klarinette, umgeben von zirpenden Flageolett-Klänge der hohen Streicher. Und natürlich die „Zuckerfee“-Celesta, eine feine Reminiszenz an Tschaikowskys Ballettmusik.

Enttäuschend dagegen Widmanns 30-minütige „Messe für großes Orchester“ aus dem Jahre 2005. Ein überquellendes Sammelsurium an Stilen, Ideen und Motiven. Von Gustav Mahler bis Bernd Alois Zimmermann, von Anton Webern bis Helmut Lachenmann: Munter zitiert sich Widmann in seiner „Messe“ durch die jüngere Musikgeschichte – und erzeugt dabei viel Zerstreuung und Beliebigkeit.