Theater

Schummeleien mit der Identität

So vergnüglich kann die Einweisung in die unendlichen Weiten des Internets sein: „Monsieur Pierre geht online“ in der Komödie.

Die zwei erweisen sich als tolle Bühnen-Kombi: Monsieur Pierre (Walter Plathe, r.) soll von Alex (Jochen Schropp) Computer-Nachhilfe bekommen.

Die zwei erweisen sich als tolle Bühnen-Kombi: Monsieur Pierre (Walter Plathe, r.) soll von Alex (Jochen Schropp) Computer-Nachhilfe bekommen.

Foto: Annette Riedl / dpa

Monsieur ist maulig. Seine Tochter Sylvie hat ihm einen Computer mitgebracht. Will ich nicht, brauch ich nicht, befindet der alte Herr und verbannt das Notebook direkt in den Kühlschrank. Zu den Frikassee-Resten, die da schon viel zu lange vor sich hingammeln. Monsieur Pierre ist ein bisschen aus dem Leben gefallen.

Seit seine geliebte Frau, mit der er 50 Jahre lang glücklich verheiratet war, vor zwei Jahren verstarb, hat er das Haus nicht mehr verlassen und gedenkt schon gar nicht, sich jetzt in die unendlichen Weiten des Internets hinauszuwagen. Der Mann ist nicht mal gewillt, sein Küchen-, geschweige denn ein Browserfenster zu öffnen.

Darüber können sowohl Opas als auch Enkel lachen

Dass sich das nach einem digitalen Crashkurs durch den von seiner Tochter engagierten Coach Alex, der zufällig auch noch der aktuelle Freund ihrer Tochter ist, dann doch noch ändert, liegt an einer gewissen „Flora84“, die ihm auf einem Datingportal begegnet.

Allerdings hat Monsieur bei seiner Identität ordentlich gemogelt, und zu welchen Verwicklungen das führt, war vor knapp zwei Jahren bereits in der französischen Kinokomödie „Monsieur Pierre geht online“ zu sehen. Boulevard-Spezialist Folke Braband hat den Stoff von Stéphane Robelin fürs Theater bearbeitet.

Der Film war damals das Leinwand-Comeback für Pierre Richard in der Rolle des zauseligen Alten. Bei Folke Braband übernimmt Walter Plathe diesen Part, der, so war im Vorfeld der Inszenierung zu vernehmen, auch im echten Leben, die digitalen Möglichkeiten von Internet und Smartphone eher sparsam bis gar nicht nutzt.

Ganz im Gegensatz zu seinem Bühnenpartner Jochen Schropp, der Monsieur Pierres Computerlehrer Alex spielt. Der Moderator und TV-Schauspieler ist fleißiger Instagrammer mit Followerzahlen im hohen fünfstelligen Bereich. Für Schropp ist es der erste Theaterauftritt seit seinen Schauspielschulzeiten vor 20 Jahren.

Darüber können Opas wie Enkel lachen

Die zwei erweisen sich als eine tolle Bühnen-Kombi, Plathe ist ganz kauziger Griesgram und Schropp der liebenswerte Stoffel. Die beiden ergänzen sich erstklassig und rasen in hohem Tempo durch diese sehr vergnügliche Generationenkomödie. Mit Betonung auf Komödie, Folke Braband nämlich konzentriert sich deutlich auf den Unterhaltungswert dieser Konstellation.

Die nachdenklicheren Zwischentöne, die diesem Stoff ja auch innewohnen, Einsamkeit im Alter zum Beispiel, reißt er höchstens an. Das ist einerseits etwas bedauerlich, andererseits erspart es dem Abend auch allzu viel Rührseligkeit. Das hier jedenfalls will entschieden Komödie sein und Jochen Schropp kann komisch, Walter Plathe auch.

Die Story hat dafür reichlich Potenzial, denn die bereits erwähnte Flora kettet die beiden Herren enger aneinander, als ihnen lieb ist. Monsieur Pierre hat sich im Internet nämlich nicht nur gut 40 Jahre jünger geschummelt, sondern als Profilbild ein Foto von Alex hochgeladen.

Der falsche Mann beim ersten Date

Weshalb der beim ersten echten Treffen mit der Angehimmelten einspringen muss, um die Lage zu checken. Allerdings bleibt es nicht dabei, sondern endet in einer gemeinsam verbrachten Nacht. Flora verliebt sich in den smarten Alex, nicht ahnend, dass die gefühlvollen Mails, die sie zuvor bekam, nicht von ihm, dem verkrachten, mittellosen Drehbuchautor für Splatterfilme stammen. Sondern von Monsieur Pierre, der am heimischen Rechner heimlich mit taufrischen Verführungskünsten den modernen Cyrano de Bergerac gibt.

Das mündet natürlich in ein heilloses Kuddelmuddel, zumal Alex eigentlich mit Monsieur Pierres Enkelin Juliette (Magdalena Steinlein) liiert ist, was dieser allerdings nicht weiß. Als resoluter Tornado fegt außerdem noch Manon Straché als Monsieur Pierres Tochter Sylvie durch die Szenerie. Ein angenehmer Ruhepol ist in dem ganzen Chaos, das gegen Schluss ein bisschen hektisch wird, Vanessa Rottenburg als Flora, die als einzige kein Geheimnis zu vertuschen hat. Sie ist, verliebt und verwirrt und verletzt, die vielschichtigste Figur des Abends.

Gastauftritte von Katherine Mehrling und Oliver Mommsen

Ein Abend, für den Stephan Dietrich eine schlichte Zimmerbühne entworfen hat. Rechts vorn steht den ganzen Abend über Monsieur Pierres Sessel, die linke Seite wird mit wenig Aufwand zu Sylvies Küche oder zum Bistro für das erste Bild Date. Eingefasst wird alles von einem schwarzen Rahmen mit abgerundeten Ecken, wie man ihn von Bildschirmen kennt. Im Hintergrund ist Raum für allerlei Projektionen, die etwa Katharine Mehrling oder Oliver Mommsen kleinere eingespielte Gastauftritte bescheren.

Es mag der Inszenierung da und dort etwas an Nuancierung fehlen und es hätte ihr die eine oder andere Streichung, vor allem zu Beginn, gutgetan, aber das ändert nichts daran, dass Regisseur Braband und seinem bestens aufgelegten Ensemble hier ein charmant verspielter, sehr vergnüglicher und ebenso opa- wie enkeltauglicher Abend gelungen ist.

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstraße 110, Charlottenburg. Kartentel.: 88 59 11 88. Nächste Termine: täglich 20. bis 24.03. sowie 27. bis 31.03.