Kabarett

Die Physikerin Angela Merkel bastelt eine Zeitmaschine

Die Distel schickt die politische Klasse auf die Couch: „Weltretten für Anfänger“ ist gutes, kurzweiliges Kabarett.

Mit Fön und Feuerlöscher: „Weltretten für Anfänger“ in der „Distel“

Mit Fön und Feuerlöscher: „Weltretten für Anfänger“ in der „Distel“

Foto: Chris Gonz

Die Wohnungsmisere ist längst in Akademiker-Kreisen angekommen. Mehr noch: Sie macht sogar feministische Veganer, eigentlich selbst ernannte Gutmenschen, aggressiv. Wie Marlies und Rolf Konnewitz. Die Grundschullehrerin in Neukölln ist nervlich am Ende. Er jongliert als arbeitsloser Alt-Philologe mit drei Minijobs am Rande des Burnouts. Statt daheim zu entspannen, erwartet sie dort Florian Silbereisen in Stadionlautstärke, wobei Mordlust aufflammt. Die zwei sind nämlich aus Kostengründen bei Marlies Vater eingezogen. Einem übellaunigen Choleriker, der sie nur zu gern wieder loswerden würde.

Die Kanzlerin beim Therapeuten

Im Kabarett-Theater Distel wird das Problem auf höchst unkonventionelle Weise gelöst. In „Weltretten für Anfänger“ bastelt Bundeskanzlerin Merkel als Physikerin eine Zeitmaschine, mit der sie die Bürger in eine sorgenfreie Zukunft schickt. Natürlich hat der Trip 50 Jahre vorwärts mehr als nur einen Haken, wie die Premiere nun zeigte. Regisseur Dominik Paetzholdt hat das Stück von Thomas Lienenlüke mit viel Verve inszeniert. Die Pointen detonieren dabei punktgenau.

Nahles ist noch unbeliebter

Dass man aus dem Lachen kaum herauskommt, dafür sorgt das Figuren-Panoptikum im Spannungsfeld zwischen Hochpolitik und Normalbürger. Timo Doleys darf wieder einmal in seine Paraderolle als Angela Merkel schlüpfen. Die bangt auf der Therapeutencouch darum, dass sie nicht als historische Figur in die Geschichte eingehen könnte. Der umwerfende Michael Nitzel macht ihr da als Dr. Freudenbacher mit feinem Hohn wenig Hoffnung. Schließlich seien durch sie unter anderem Europa, der Euro sowie die Bildungspolitik den Bach runtergegangen, die AfD indes aufgestiegen.

Die Villa von Lafontaine

Kleiner Trost für Merkel: SPD-Frontfrau Andrea Nahles (Caroline Lux) ist noch unbeliebter, wie Freudenbacher verrät. Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert hat seinen Bausparvertrag aufgelöst, um ihr tägliche Therapiestunden zu spendieren. Hauptsache, sie ist weg. Die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer bekennt auf der Couch gar, dass sie umgehend nach der Kanzlerschaft greifen will. Berlin gefällt ihr nämlich gut mit dem Schloss und dem Fernsehturm. In ihrer saarländischen Heimat sei das bedeutendste Bauwerk die Villa von Oscar Lafontaine, ihrem politischen Gegner.

Ein satirisches Lehrstück

Während die Politiker sich selbst zerfleischen, sind Marlies und Rolf in der Zukunft gelandet. Kleines Manko: Der Vater war versehentlich vor ihnen da und freut sich nun auf seine erste Butterfahrt zum Mond. Aber das scheinbar glänzende Jahr 2070 erweist sich schnell als totaler Überwachungsstaat, in dem Andersdenkende verschwinden und ineffiziente Alte entsorgt werden. Also müssen die drei die Welt retten. Oder besser noch die Demokratie der Gegenwart, damit die Zukunft wirklich gut wird.

Der Distel gelingt ein satirisches Lehrstück ohne erhobenen Zeigefinger mit hoher Gagdichte. Bestes, kurzweiliges Kabarett.