Ausstellung

Ein Spaziergang durch den Kopf eines Künstlers

Eine Ausstellung im Neuköllner KINDL widmet sich dem Werk des britischen Künstlers Jonathan Monk - ein faszinierendes Spiegelkabinett.

Bildnis des Künstlers als junger Mann: Das Foto in der Ausstellung (links) zeigt den Künstler Jonathan Monk.

Bildnis des Künstlers als junger Mann: Das Foto in der Ausstellung (links) zeigt den Künstler Jonathan Monk.

Foto: Jens Ziehe/Photographie

Gleich am Eingang der Ausstellung im Neuköllner KINDL sieht man einen jungen Mann auf einer Bank im öffentlichen Raum sitzen. Es ist der Künstler Jonathan Monk in jüngeren Jahren, abgebildet auf einem überlebensgroßen Schwarzweißfoto. In der Hand hält er ein Papier. Auf dieser weißen Fläche im Foto hängt ein reales gerahmtes Gemälde der französischen Künstlerin Louise Bourgeois. In roter Umrandung steht darauf wie in einer Comicsprechblase der Satz „ne pense a rien“.

Kein Originalwerk ist zu sehen

Das jugendliche Konterfei des 1969 in Leicester geborenen britischen Konzeptkünstlers deutet an, dass es sich bei der Ausstellung „Jonathan Monk: Exhibit Model Four – plus invited guests“ im KINDL um eine Retrospektive mit Werken des inzwischen bekannten Künstlers handeln könnte, der seit Jahren in bedeutenden Museen und auf den Biennalen der Welt gezeigt wird. Irgendwie stimmt das auch. Aber irgendwie auch wieder nicht. Zu sehen ist nämlich kein einziges Originalwerk von Monk, nur Fotografien davon. Was für eine Provokation! Aber eine, die funktioniert, wenn man sich mit diesem Kunstwerk beschäftigt – das als Installation ja nun doch wieder ein Werk von Jonathan Monk ist und auch ein Original, oder etwa nicht? Fast ist es so, als wandelten wir im Kopf des Künstlers, als lasse er uns Teil seiner Gedankenwelt werden.

Andere Künstler werden rezipiert

Originalität war schon immer ein heikles Thema für Jonathan Monk. Seine Konzeptkunst ist voller Aneignungen der Arbeiten anderer Künstler, oftmals offenbart sie einen engen Dialog mit ihnen. Auf einer der Fotografien sehen wir eine riesige Skulptur von Monk, die aussieht wie eine auseinandergebogene Büroklammer, überdimensioniert und minimalistisch. Daneben ist im Original eine Zeichnung des amerikanischen Minimalisten Sol LeWitt aufgehängt, die wie ein Kommentar zu Monks eigener Arbeit wirkt. Oder umgekehrt.

Der tote Künstler lebt

Andere Künstlerreferenzen tauchen auf: Andy Warhol, Louise Lawler, Martin Kippenberger, Bruce Nauman, Jan Dibbets und viele mehr. Die meisten Arbeiten dieser Künstler sind im Gegensatz zu denen von Monk im Original vorhanden, ragen als Objekt aus den Fototapeten heraus. Sie schaffen Bezüge, Assoziationen, ein Gedankenuniversum, aus dem Monk seine Kunst schöpft. Mitunter errichtet Monk ihnen ein Denkmal, wie dem italienischen Arte-Povera-Künstler Salvo, von dem Monk einen Siebdruck von 1977 mit der Aufschrift „Salvo è morto“ in seine Ausstellung hängt. Das Werk war von Salvo zweiteilig angelegt: auf einem Blatt steht „Salvo lebt“, auf dem anderen „Salvo ist tot“. Nach Salvos Tod sollte jeder, der das Werk erworben hatte, das zweite Blatt zeigen. Monk tut dies auch, widersetzt sich der Anweisung allerdings wieder: An anderer Stelle in der Ausstellung begegnen wir der Arbeit zum zweiten Mal. Diesmal steht dort: „Salvo è vivo“.

Die Arbeit verschwindet

Die Schau schafft auch ein Raumlabyrinth. Denn die Fototapeten zeigen Aufnahmen von Werken Monks in unterschiedlichen Ausstellungssituationen. Die Retrospektive wie im KINDL hat es in ähnlicher Form schon dreimal gegeben: bei Basel, in Montreal und Kopenhagen. Davon gibt es ebenfalls Fotografien, so dass man hier Bilder von Bildern von Werken Monks sieht. Von der Berliner Ausstellung wird es ebenfalls Fotografien geben, mit dem Ergebnis, dass Monks eigenes Werk immer weiter verschwindet in sich überlagernden Raumsituationen. Gewollt natürlich und mit einem Augenzwinkern. Das Ganze ist wie ein Labyrinth, ein Spiegelkabinett, in dem sich immer neue Türen zu Türen dahinter öffnen. Ein Bild im Bild, im Bild, im Bild und so weiter – auf ewig.