Neuer Zirkus

Das Chamäleon Theater schießt sich auf den Mond

Seit 15 Jahren ist das Theater einer der gefragtesten Orte für circenischen Mix. Das wird jetzt mit „Memories of Fools“ gefeiert.

Ab auf den Mond: Šárka Fülep Bočková an den Strapaten.

Ab auf den Mond: Šárka Fülep Bočková an den Strapaten.

Foto: Jakub Jelen

Ausgerechnet auf dem Mond, diesem toten Gestein, werden die richtig abgefahrenen Partys gefeiert. Hier hat ein gigantischer Hase eine Bar, von der er behauptet, dass es einfach alles gibt. Außer Cappuccino, weil das Langohr „off milk“ ist.

Während der Plüsch-Mümmler vorgibt, Drinks zu mixen, jongliert eine Barockgestalt mit rosa gepuderter Perücke virtuos mit guten, alten Vinylscheiben. Adam und Eva in paradiesisch glitzernden Silberkostümen mit riesigen goldenen Feigenblättern zaubern derweil eine beschwingte Paarakrobatik auf die Bühne. Sündhaft schön, ohne dass eine verräterische Schlange dazwischen funkt.

Und ein grauhaariger Elvis wagt mit einem spanischen Matador einen Walking-Globe-Tanz auf einer großen Planetenkugel. In diesem kunterbunten, wunderbar überdrehten Wimmelbild akrobatischer Künste ist für jeden Geschmack etwas dabei. Ganz so, als wären die Village People auf Acid.

Mit viel Farbe und Mut zur Innovation

Der Ausflug zum Erdtrabanten ist nur ein Höhepunkt der neuen Show „Memories of Fools“, mit der das Chamäleon Theater spektakulär in sein Geburtstagsjahr startet. Wir erinnern uns: Ursprünglich 1991 als modernes Varieté gegründet, stand das Chamäleon 2004 wirtschaftlich fast vor dem Aus. Nach einem Betreiberwechsel gab es einen Relaunch.

Weg von der Kleinkunst setzt das Haus seit 15 Jahren unter der künstlerischen Leitung von Anke Politz konsequent auf das damals noch wenig bekannte Genre Neuer Zirkus. Mit Erfolg. Heute ist das Chamäleon Theater längst weltweit einer der gefragtesten Spielorte für den circensischen Mix aus Varieté, Akrobatik, Musik, Theater und Tanz.

Was der Neue Zirkus vermag und wie er die Zuschauer zum Staunen bringt, zeigte die Uraufführung der neuen Produktion. Die ist nun für ein halbes Jahr in 170 Vorstellungen zu sehen ist und kommt ganz anders daher als die letzte Show.

Vom Jungenstraum, ins All zu fliegen

Auch diese Vielfarbigkeit und der stete Mut zur Innovation machen den Reiz des Chamäleons aus. Statt eines Themas wird diesmal eine märchenhafte Geschichte erzählt. Ausgedacht vom tschechischen Regisseur Rostislav Novák jr. und seiner Prager Compagnie Cirk La Putyka.

Alles beginnt mit dem klassischen Wunsch eines Jungen, einmal Astronaut zu werden. Kostümiert mit einem Alu-Helm, den Plüschhasen in der Hand, ist der kleine Alexander, den Vojtěch Fülep souverän-ironisch mit Schnauzbart spielt, startklar, um den Weltraum zu erobern. Was danach folgt, ist bildgewaltige Bühnenmagie.

Eine Mischung aus Traumsequenzen und, wie sich im Nachhinein auf wundersame Weise herausstellt, persönlichen Erinnerungen. Angereichert mit Artistik, Slapstick, Filmsequenzen, Musik und Körpertheater. Ein Trip ins All, der die Zuschauer staunen lässt.

Als wären die Village People auf Acid

Die Reise in die sprichwörtlich unendlichen Weiten ist nicht, wie man erwarten würde, in eine glatte, futuristische Optik verpackt. Sie hat stattdessen diese typische, leicht heruntergekommene nostalgische Ästhetik vom Cirk La Putyka. Bühnenbildner Hynek Dřízhal hat dafür eine transparente Wand aus abblätternden Fensterrahmen gebaut.

Dahinter liegt eine schmuddelige Mauer. Wir kommen also eigentlich nie aus der Wohnung hinaus, in die die Eltern Alexander fürsorglich zu Bett bringen. Egal, ob es ins Trainingscamp für Astronauten oder auf den Mond geht.

Und doch legt uns die Inszenierung den Kosmos zu Füßen. Dort ist man übrigens modisch in den Swinging Sixties stehen geblieben.

Unversehens denkt man dabei an die ikonografischen Bilder der Mondlandung vor 50 Jahren. Die wird jetzt mit dem frischgebackenen Astro-Alex genial nachgespielt. Auf einem Guckkasten im Bühnenbild wird eine Puppenspiel-Rakete mit einem Mini-Alexander an Bord gezündet, während der stolze Astronaut in einem der Fensterrahmen in Großaufnahme gezeigt wird.

Science Fiction trifft auf Fantasy

Der herrlich altmodisch gemachte Perspektivwechsel ist einer der großen, leisen Momente. Der atemberaubende Soundtrack von Jan Balcar sorgt dabei stets für die passenden Klänge. Hier trifft Science Fiction auf Fantasie. Neil Armstrong meets Alice im Wunderland.

Nur, dass der Hase nicht weiß ist, sondern eine auffallende Ähnlichkeit mit Bugs Bunny hat. Und mindestens so schräg ist wie der Trickhase. Obwohl die Geschichte im Vordergrund steht, kommt auch die Akrobatik nicht zu kurz. Grandios, wie sich Daniel Komarov und Michal Boltnar gegenseitig in luftige Höhen katapultieren, Schrauben drehen und Salti schlagen.

Bei dieser Mondlandung wäre man gern dabei gewesen

Und Alexnadr Volný rockt mit seinem rotierenden Cyr Wheel die Bühne. Solenne Baily und Romuald Solesse zeigen am Vertikalseil und Trapez zugleich beeindruckende Körperskulpturen. Die schönste Nummer allerdings kreiert Šárka Fülep Bočková an den Strapaten. Ein eleganter Tanz durch die Lüfte, mit Pirouetten kopfüber und einer zarten Schwerelosigkeit, die es so wohl sonst nur im Weltraum gibt.

Bei dieser Mondlandung wäre man selbst gern dabei gewesen. Mit „Memories of Fools“ gelingt dem Chamäleon eine punktgenaue Landung. Unbedingt ansehen.