Ausstellung

Wenn der Fußabdruck auf dem Mond nur eine Fälschung ist

Was macht ein Bild zur Ikone und wann hält man es für echt? Eine Ausstellung von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger bei C/O Berlin.

Buzz Aldrins Fußabdruck - nachgebaut von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger

Buzz Aldrins Fußabdruck - nachgebaut von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger

Foto: Cortis & Sonderegger

In den Fenstern eines Backsteinbaus sind schemenhaft zwei Frauen zu erkennen. Sie schauen nach draußen. Das Gesicht der einen ist von einer großen amerikanischen Flagge verdeckt. Mit ikonischen Bildnern wie diesem feierte der Amerikaner Robert Frank in den 50er-Jahren seinen Durchbruch. Sein Buch „The Americans“ begeisterte mit einer neuen dynamischen Form der Schwarz-Weiß-Fotografie. Das Bild ist fester Bestandteil der Fotogeschichte, jeder erkennt es sofort. Umso erstaunlicher, dass es bei C|O-Berlin am Zoologischen Garten nun in einer Ausstellung der beiden jungen Fotografen Jojakim Cortis (Jahrgang 1978) und Adrian Sonderegger (1980) zu sehen ist. Auf der Texttafel daneben steht als Titel „Making of Parade – Hoboken, New Jersey (Robert Frank 1955). 2017“.

Das Bild im neuen Kontext

Die berühmte Bild Franks ist deutlich identifizierbar, allerdings eingebettet in ein merkwürdiges Setting. Das Mauerwerk des Backsteinhauses wirkt nur wie angerissen, alles ist auf eine von Stativen gehaltene Holzplatte gespannt. Darunter herrscht kreatives Chaos: Schüsseln mit Farbe und Pinsel, eine Zange, diverse Schwämme, eine Malerunterlage und vieles mehr.

Es gibt noch mehr solche Bildikonen in der Ausstellung: Das Bild des Fußabdrucks auf dem Mond das Buzz Aldrin 1969 aufnahm oder Henri Cartier-Bressons „Derrière la Gare Saint-Lazare“, mit dem er 1932 den für ihn „entscheidenden Augenblick“ als Sprung eines Mannes durch eine riesige Pfütze festhielt.

Mit Pappe, Klebestift und Farbe

Der Schein trügt. Die Bilder sind nicht von Frank, Eggleston, Adams oder Bresson. Vielmehr wurden sie in akribischer Kleinstarbeit von den beiden Fotografen Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger rekonstruiert, und zwar als aufwendig produziertes Modell von verblüffender Ähnlichkeit. Das fotografieren sie dann wieder ab, ohne allerdings zu verschleiern, wie sie die Kopie hergestellt haben: mit Pappe, Schere, Klebestift und Farbe. „Der Reiz besteht darin, Materialien zu finden, die man vor der Kamera zum Leben erwecken kann“, erzählt Adrian Sonderegger, „dabei geht es viel ums Experiment und Ausprobieren.“

Wie echt ist die Realität?

Immer sieht man auf den Bildern die Situation, in der die Arbeiten entstanden sind. Das lässt uns über Bildikonen nachdenken, darüber, wie sie entstehen und wie sehr sie unser kollektives Gedächtnis prägen. Noch spannender wird das Ganze, wenn sich die beiden Fotografen mit ikonischen Pressebildern auseinandersetzen, die einschneidende historische Ereignisse zu einem einzigen Moment komprimieren wie bei dem sterbenden Soldaten von Robert Capa, den Folterszenen in Abu Ghraib während des 2. Irakkrieges von Sabrina Haman oder den brennenden World-Trade-Center-Türmen von Tom Kaminski an 9/11.

Die Fälschbarkeit der Bilder

Die spielerische Verdopplung der Motive bei Cortis Sonderegger – „Double Take“ heißt die Ausstellung bei C|O – wirft viele Fragen auf: Wie wird ein Bild zur Ikone? Wie beeinflusst es unsere Wahrnehmung von Ereignissen und Geschichte? Gibt es heutzutage, wo jeder jederzeit alles mit dem Smartphone fotografieren kann, überhaupt noch Bildikonen. Und es geht noch weiter: Inwieweit sind solche Bilder womöglich manipuliert, gestellt oder nur eine subjektiver Ausschnitt einer weitaus komplexeren Wahrheit? „Uns geht es darum, die Wahrnehmung zu schulen. Manipulation mit Bildern gibt es seit der Geburt der Fotografie“, beschreibt Jojakim Cortis die Idee dahinter.