Philharmonie

Simon Rattles innige Selbstumarmung

Simon Rattle kehrt als Gastdirigent zu den Berliner Philharmonikern zurück und zelebriert die Johannes-Passion von Peter Sellars

Bachs Johannes-Passion in der Berliner Philharmonie

Bachs Johannes-Passion in der Berliner Philharmonie

Foto: Stephan Rabold

Es ist schon paradox: Eigentlich haben sich die Berliner Philharmoniker in der Ära von Simon Rattle kaum mit Johann Sebastian Bach beschäftigt. Aber wenn doch, dann im ganz großem Stil. Und so kommt es, dass man sich nach 16 Jahren Sir Simon nicht nur an die Repertoirevielseitigkeit des Engländers und sein „Rhythm Is It“-Education-Projekt erinnert. Es sind auch zwei Bach-Events dabei, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben: die beiden Passionen nach Johannes und Matthäus – bebildert und dramatisiert von Rattles gutem Freund, dem amerikanischen Regisseur Peter Sellars.

Die Rundfunkchor wird auch schauspielerisch gefordert

Und wer damals vor neun Jahren Bachs Johannes-Passion in der Rattle-Sellars-Fassung live verpasst hatte, der kann es jetzt nachholen. Denn Rattle hat sich genau dieses Werk wiedergewünscht: für seinen ersten Gast-Auftritt bei den Philharmonikern seit dem Abschiedskonzert im vergangenen Sommer. Und es ist wie in alten Zeiten. Mit größtenteils identischer Sängerbesetzung, darunter auch Rattles Ehefrau Magdalena Kožená. Und ebenfalls wieder mit Rattles Landsmann Simon Halsey, der den Rundfunkchor vorbereitet hat. Doch auch die Grundprobleme dieses Bach-Events scheinen nun recht ähnlich zu sein.

Zum einen sind da die Philharmoniker, die nach wie vor wenig Erfahrung mit Bach im Speziellen und Barock im Allgemeinen haben – wenig Erfahrung mit barocker Rhetorik und Generalbassharmonik. Zum anderen ist da der üppig auftrumpfende Rundfunkchor, gegen den die schlanke Philharmoniker-Besetzung kaum eine Chance hat. Und das nicht nur in musikalischer Hinsicht. Regisseur Peter Sellars nämlich verlangt vom Rundfunkchor hohe körperliche Beweglichkeit und schauspielerische Präsenz.

Braucht die Johannes-Passion einen Regisseur?

Plötzliches gemeinsames Zu-Boden-Sinken, plötzliches In-die-Höhe-Schießen. Das Rennen von A nach B. Und nicht zuletzt: innige Selbstumarmungen, Gesten euphorischer Gottergriffenheit. Dinge also, die den Zuhörer auch als Betrachter beschäftigen – und leider immer wieder von der Musik an sich ablenken. Womit man bei der Hauptfrage gelandet ist: Braucht Bachs Johannes-Passion wirklich den Regisseur Peter Sellars? Was ist damit gewonnen?

Der Aufwand zumindest ist groß, und die Leistungen der Sängersolisten sind beeindruckend intensiv. Doch zunächst noch einmal zum Rundfunkchor: Sellars hat Männer und Frauen für seine Inszenierung bunt durcheinandergewürfelt – was eine ebenso bunte klangliche Balance zur Folge hat. Eine Balance, die sich von Situation zu Situation ständig neu erfinden muss. Mal wirkt das sympathisch spontan, mal ernüchternd zufällig.

Tenor Mark Padmore kann als Evangelist berühren

Schwierig aber auch die Aufgaben, die Roderick Williams als inhaftierter Jesus zu bewältigend hat: Er singt auf Knien rutschend, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, mit schwarzer Augenbinde. Wenig erstaunlich, dass dabei auch Williams‘ schön timbrierter Bariton eher unfrei klingt. Umso lebendiger dagegen Tenor Mark Padmore als Evangelist. Ja mehr noch: Padmore ist der Einzige, der wahrhaftig berührt und wärmt an diesem Abend – in einer ansonsten sehr künstlich anmutenden Sellars-Inszenierung.