Ausstellung

Gewalt, Sex und Leid: Hrdlicka-Ausstellung in Berlin

Das Käthe-Kollwitz-Museum zeigt Radierungen, Zeichnungen und Skulpturen von Alfred Hrdlicka, der stets streitbar und polarisierend war.

Flammendroter Protest: Hrdlickas „1. Mai – Demonstration der Arbeiter 1848“, eine Radierung von 1999 aus dem Zyklus „Revolution 1848. Aufbruch zur Freiheit“ (Ausschnitt)

Flammendroter Protest: Hrdlickas „1. Mai – Demonstration der Arbeiter 1848“, eine Radierung von 1999 aus dem Zyklus „Revolution 1848. Aufbruch zur Freiheit“ (Ausschnitt)

Foto: © Alfred Hrdlicka-Archiv, Wien: www.alfred-hrdlicka.com

Der Mensch in den Augen des österreichischen Malers und Bildhauers Alfred Hrdlicka (1928-2009) war kein Unschuldslamm. Für ihn war er Fleisch, entweder „geiles Fleisch“ oder „geschundenes Fleisch“, Natur oder Ideologie. Beide Pole tauchen in seiner Kunst, sowohl in den Plastiken als auch in den viel beachteten Zeichnungs- und Radierungszyklen immer wieder auf. Hrdlicka wollte den Menschen schonungslos in seiner Realität zu zeigen.

Eine Kostprobe davon ist nun im Käthe-Kollwitz-Museum in der Ausstellung „Alfred Hrdlicka – Auf den Barrikaden“ zu sehen, die Radierungen, Zeichnungen und Skulpturen von ihm präsentiert. Gleich unten windet sich ein monumentaler Orpheus in Bronze, die Hände über dem Kopf auf dem Rücken zu Fäusten geballt ob der Qual, seine geliebte Eurydike aus eigenem Verschulden an die Unterwelt verloren zu haben.

Eine moderne Fortsetzung von Käthe Kollwitz

Orpheus ist die Verkörperung des geschundenen Menschen. Auf diese Leihgabe ist Josephine Gabler, Direktorin des Museums, besonders stolz: „Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt zwar auf Arbeiten auf Papier, aber Plastiken durften bei Hrdlicka natürlich nicht fehlen. Auch eine Großplastik wie dieser ‚Orpheus’ musste unbedingt sein.“

Als Hrdlicka in den 1960er-Jahren nach einem Studium erst der Malerei und dann der Bildhauerei mit der künstlerischen Arbeit begann, war die Kunstwelt noch ganz von der Abstraktion dominiert. „Roll over Mondrian“ nannte er einen frühen Radierzyklus, den er von 1965 bis 1967 anfertigte.

Die Gitterstrukturen des niederländischen Avantgardemalers behielt er bei, nur um in die Kästchenstruktur den Menschen provokant in seiner ungeschminkten Wirklichkeit zu zeigen. Ein klares künstlerisches Statement!

Warum aber stellt nun ausgerechnet das Käthe-Kollwitz-Museum Alfred Hrdlicka aus? „Er ist eine Art moderne Fortsetzung von Käthe Kollwitz“, meint Josephine Gabler, „vor allem wegen seines lebenslangen politischen Engagements und wegen der Experimente in der Radierkunst.“

Streitbare Kunst, die stets polarisiert

Beim Betrachten der Blätter erkennt man gleich, dass hier ein Virtuose am Werk ist. Wie auf Papier zeichnet Hrdlicka mit der Nadel auf die Platte, viele Arbeiten sind auf den ersten Blick gar nicht als Druckgrafik zu erkennen, sondern wirken wie zarte Zeichnungen. Die Themen hingegen sind drastisch. Ähnlich wie Käthe Kollwitz interessierte sich Hrdlicka für Revolutionen. Im Kollwitz Museum sind Blätter zum Bauernkrieg, zu der Französischen Revolution und der Revolution 1848 von Hrdlicka zu sehen. Nicht immer zeigt sich der Mensch hier von seiner besten Seite. Vergewaltigungen, Leichen, abgetrennte Köpfe und Ähnliches sind darauf zu erkennen. Auf einem Blatt metzelt die Berliner Bürgerwehr 1948 aufständische Arbeiter nieder, auf einem anderen wird eine Demonstration zum 1. Mai in blutroter Farbradierung wiedergegeben.

Dieses Rohe, mitunter Brutale offenbart sich auch in den Plastiken, die immer Macht und Ohnmacht, Gewalt und Leid darstellen, wie etwa beim toten Marat in der Badewanne, den Hrdlicka non finito dem Material entwindet. Kein Wunder, dass diese streitbare Kunst stets polarisierte.

Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstr. 24, Charlottenburg. Tel. 8825210. Tgl. 11-18 Uhr. Bis 2. Juni.