Staatsoper

Schneewittchen ohne Kitsch und Niedlichkeit

Wer ist die Schönste im ganzen Land? Regisseurin Constanze Albert setzt das Märchen in der Staatsoper überzeugend um

Umringt von sieben Zwergen: Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Schneewittchen.

Umringt von sieben Zwergen: Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Schneewittchen.

Foto: Staatsoper / Gianmarco Bresadola

Im Alten Orchesterprobensaal der Staatsoper Unter den Linden ist der Versuch, „Schneewittchen“ als Kinderoper aufzuführen, vollauf geglückt, jenseits von Kitsch und Niedlichkeit: furchterregend, brillant und durchaus ernsthaft in Text, Musik und Darstellung und zugleich zum Brüllen komisch. Komponist Wolfgang Mitterer und Texter Gerhard Dienstbier setzen dabei zwar manchmal auf Persiflage, aber die Effekte und Wendungen, die zum Lachen und Fürchten reizen, sind kein billiger Grusel und auch keine Schenkelklopferei.

Cholerische Comicfigur

Wie der einstündige Abend gestrickt ist, erfährt man ziemlich schnell, als die Böse Königin zum Singen anhebt. Sopranistin Olivia Stahn, mit allen Wassern neuen Musiktheaters gewaschen, tritt auf den ersten Blick als das sozusagen platonische Ideal dieser Bösen Königin auf, wie es nach Grimm und Disney im kollektiven Unbewussten spukt: eine hohe, strenge Frau, asketisch und natürlich, wie ihr Spiegel sonor bestätigt, sehr schön. Als die Böse Königin vom noch schöneren Schneewittchen erfährt, ist es mit der Märchenklassik vorbei.

Eckige Bewegungen

Virtuos mutiert Olivia Stahn vor den Augen ihrer Kammerzofe Emma (klangvoll: Constanze Jader) zur cholerischen Comicfigur, flucht und ruckelt in eckig zersplitterten Bewegungen. Das Team um die Regisseurin Constanze Albert und die Choreografin Gail Skrela bricht vieles Unheimliche dieses blutrünstigen Märchens kunstvoll komisch, ohne es zu banalisieren. Kongenial in diese Balance hinein wirkt Mitterers Musik. Sie wird von Kontrabass, Keyboard, Schlagzeug und vielfältigen Zuspielungen aus dem Lautsprecher unter Leitung von Symeon Ioannidis dargeboten. Dass das harmonische Material zahlreicher Passagen vom Komponisten Engelbert Humperdinck stammt, fällt kaum auf. Man verbucht den treuherzigen Wagnerismus in dieser Gesamtszenerie eher unter gelungener Popart als unter Spätromantik. Dies vielleicht auch, weil der finstere Jäger alias Zachary Wilson, welcher Schneewittchen das Herz aus dem Leib schneiden soll, „Rupert“ heißt und ihm der große Heldenbariton ob der Ekligkeit der gestellten Aufgabe kurz versagt. Etwas unentschieden zwischen tatsächlicher blütenweißer Reinheit und Ironie schwankend geht die Regie mit Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Schneewittchen um.

Entspannt und treffsicher

Wie entspannt und treffsicher sich Texter und Komponist auf die Aufgabe einer Kinderoper eingelassen haben, sieht man nicht zuletzt daran, dass sich die Mitglieder des Staatsopern-Kinderchors in Gestalt der sieben Zwerge und der drei Waldgeister sehr frei und lustvoll mit schönem Gesang, Showeinlagen und coolen Sprüchen durch das Stück bewegen dürfen.