Konzertkritik

John Mayall hat noch immer den Blues

John Mayall war der Pionier des britischen Blues-Booms. Inzwischen ist er 85 Jahre alt und steht immer noch auf den Bühnen der Welt.

John Mayall während eines Konzertes im Februar in Finnland. (Archivbild)

John Mayall während eines Konzertes im Februar in Finnland. (Archivbild)

Foto: Pa

Berlin. Er war der Pionier des britischen Blues-Booms. Spätere Stars wie Eric Clapton, Peter Green, Mick Fleetwood oder Mick Taylor gingen durch seine Schule. Das waren die 1963 gegründeten Bluesbreakers, angeführt von Pianist, Gitarrist und Bluesharp-Spieler John Mayall. Seine große Liebe für Blues und Jazz manifestierte Mayall bis heute auf mehr als 40 Platten, darunter Album-Klassiker der 60er-Jahre wie „Bare Wires“, „Blues From Laurel Canyon“ oder „Turning Point“.

John Mayall eröffnet das Konzert mit „Dancing Shoes“

85 Jahre alt ist er inzwischen, und noch immer steht der große alte Mann des weißen Blues auf den Bühnen der Welt. So auch am Mittwochabend vor rund 700 begeisterten Fans im Columbia Theater. Schon eine Stunde vor dem Konzert sitzt der Musiker persönlich am Plattenstand im Foyer und verkauft und signiert seine neueste CD „Nobody Told Me“. Punkt 20 Uhr steht er mit seiner Band auf der Bühne, um mit dem Boogie „Dancing Shoes“ von 1999 einen energiegeladenen, hochmusikalischen und was das Repertoire angeht auch etwas eigenwilligen Abend zu eröffnen.

Gitarristin Carolyn Wonderland brilliert auch als Sängerin

John Mayall war nie der große Virtuose, dafür ein gediegener Handwerker, der es stets verstand, unterschiedlichste Musiker-Talente um sich zu scharen, die seine Songs veredeln. Auch seine aktuelle Band ist von erster Güte. Bassist Greg Rzab und Schlagzeuger Jay Davenport sind schon seit längerem routinierte Wegbegleiter, seit kurzem neu in der Band ist die phänomenale Bluesgitarristin Carolyn Wonderland aus Texas. Sie tritt mit ihrem beeindruckenden, intensiven Spiel immer wieder Beifallsstürme los und kann mit Charme und jeder Menge Soul auch als emotionsstarke Sängerin brillieren.

Ruhestand ist für John Mayall keine Alternative

Seit bald 60 Jahren steht John Mayall unermüdlich im Studio und auf der Bühne. Er kann einfach nicht anders. Ruhestand ist für ihn keine Alternative. Und das Alter bläst er mit einem kräftigen Stoß in die Blues-Harp einfach weg. Mayall steht vorn an der Bühnenrampe, mal hinter einer portablen Hammondorgel, mal hinter einem Keyboard, und singt mit der gewohnt gutturalen, in die Jahre gekommenen Stimme den Blues.

Zwischendurch wechselt er zur Mundharmonika oder auch mal zur Gitarre. Nach „Talk About That“ vom gleichnamigen, 2017 erschienenen Album singt er das Anti-Kriegs-Lied „One Life To Live“. Das habe er irgendwann in den 50-Jahren geschrieben, sagt er, „als ich in der Army war“.

Auf Klassiker wartet das Publikum vergebens

Er plaudert viel mit dem Publikum, sagt Stücke meist mit Bemerkungen wie „keine Ahnung, wann ich das aufgenommen habe“ oder „ich weiß nicht mehr, auf welcher Platte das drauf war“ an. Und auch das Publikum erlebt viele Stücke des Programms neu. Auf Klassiker wie „The Bear“ oder „Room To Move“ wartet man vergebens. Dafür gibt’s „Lonely Feelings“ von 1992, die anklagende Umweltschutzhymne „Nature’s Disappearing“ von 1970 oder das brandneue Stück „Delta Hurricane“.

Finale mündet in einer Jamsession

Die Musiker haben sichtlich Spaß auf der Bühne, und die Energie, die sie versprühen, überträgt sich schnell in den Saal. Geradezu euphorisch wird die Reaktion, als Carolyn Wonderland mit Blind Willie Johnsons „Nobody’s Fault But Mine“ ihren großen Auftritt hat. Später singt sie noch „Misunderstood“ und fegt dabei meisterhaft über die Lapsteel-Guitar. Zum Finale gibt es dann doch noch so etwas wie einen Klassiker, das jazzige „California“ vom 1969er-Album „The Turning Point“, das in einer furiosen Jamsession mündet.

John Mayall trotzt allen modischen Zeiterscheinungen und trägt konsequent den handgemachten Blues in die Konzertsäle. Er macht einfach weiter. Immer weiter. Mit Würde. Und ungebremster Spiellust. Als Zugabe gibt’s noch das 1966 als Bluesbreakers-Single veröffentlichte „Looking Back“. Mit einem glücklichen Lächeln verschwinden Mayall und seine Band in die Garderobe. Der langanhaltende Jubel feiert eine Legende. Zu Recht.