Ausstellung

Moscheen und Paläste, die für immer verloren sind

Das Berliner Museum für Islamische Kunst dokumentiert die Zerstörung der syrischen Kulturlandschaft durch den Krieg.

Der Eingang zur Zitadelle von Aleppo. Im Zuge des Krieges wurden kunsthistorisch bedeutende Moscheen und ein spätosmanisches Hospital weitgehend zerstört.

Der Eingang zur Zitadelle von Aleppo. Im Zuge des Krieges wurden kunsthistorisch bedeutende Moscheen und ein spätosmanisches Hospital weitgehend zerstört.

Foto: Sultan Kitaz

Berlin. Wahrscheinlich ist es nur eine Zwischenbilanz, denn der vor acht Jahren aus einem Bürgerkrieg hervorgegangene Stellvertreterkrieg hält weiter an. Ein Ende ist nicht abzusehen. Hunderttausende Syrer haben seit 2011 ihr Leben verloren. Millionen Menschen ergriffen die Flucht. Antike Stätten, weltberühmte Moscheen, christliche Kirchen unterschiedlicher Konfessionen und Basare sind im Zuge der Kampfhandlungen ganz oder teilweise zerstört worden.

Ein Theater als Hinrichtungsstätte

Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) sprengten 2015 und 2016 Teile der als Unesco-Weltkulturerbe gelisteten antiken Ruinenstadt Palmyra und nutzten das römische Amphitheater als Hinrichtungsstätte. Wo der große Baaltempel stand, befindet sich heute ein Schutthaufen. 2014 explodierte mit der Al-Khusrawiyya Moschee die älteste osmanische Moschee Aleppos. Wahrscheinlich befand sich unter ihr ein Sprengstoffdepot. Trümmer zeugen davon, dass das Gebäude von innen geborsten ist. Im Jahr davor war das Minarett der komplett restaurierten Umayyaden-Moschee eingesackt, vielleicht aufgrund von Bodenerschütterungen in Folge von Detonationen in der Umgebung.

Eine Sonderausstellung des „Syrian Heritage Archive Project“ im Museums für Islamische Kultur in Berlin mit dem Titel „Kulturlandschaft Syrien. Bewahren und Archivieren in Zeiten des Krieges“ vermittelt mit Fotos, Filmen und Objekten einen Eindruck vom immensen Ausmaß des kriegsbedingten Kulturgutverlustes. In fünf Informationsstationen im Mschatta-Raum des Museums wird anhand von Vorher-Nachher-Bildern exemplarisch die Lage in Damaskus, Aleppo, der Oasenstadt Palmyra, der zeitweiligen IS-Hochburg Raqqa und den sogenannten Toten Städten illustriert, insgesamt mehr als 700 verlassene Städte aus frühchristlicher Zeit.

Eine Stadt der Luxuspaläste

Vorher weitgehend intakte Altstädte wie Aleppo oder Bosra sind stark beschädigt. Die Kreuzfahrerfestung Krak des Chevaliers wurde bereits wieder instandgesetzt. Einzig die Altstadt von Damaskus und die Burg Salah al-Din blieben bislang von großen Schäden verschont. Raqqa war um 800 nach Christus herum Hauptstadt des Islamischen Weltreichs. Weil es im Norden weniger heiß war als in Bagdad, wurde dort unter dem Kalifen Harun ar-Raschid ein sagenhaftes Reichenparadies geschaffen: eine Stadt der Luxuspaläste. Räuber nutzten das Kriegschaos, um die Schätze aus dem dortigen Museum in LKWs abzutransportieren. „Das Museum ist leer“, berichtet Karin Pütt vom „Syrian Heritage Archive Project“.

„Ein solches Projekt noch während des Krieges zu beginnen, war ein Paradigmenwechsel“, sagt Stefan Weber, der Direktor des Museums für Islamische Kunst. Wie seine Vorgänger hat auch er ein besonderes Naheverhältnis zu Syrien. In den 1990er-Jahren lebte und forschte der Islamwissenschaftler mehrere Jahre in Damaskus und wurde Zeuge eines kulturellen und religiösen Pluralismus, wie es ihn im Westen nie gegeben hat. Neben Sunniten, Shiiten, Drusen und Alaviten prägten mehr als ein Dutzend christliche Gruppen das Leben mit.

Daten für die Rekonstruktion

Das „Syrian Heritage Archive Project“ ist ein vom Auswärtigen Amt und der Gerda Henkel Stiftung ermöglichtes Kooperationsprojekt des Deutschem Archäologischen Instituts und des Museums für Islamische Kunst. 2013 wurde begonnen, eine interaktive digitale Datenbank aufzubauen als Grundlage für späteren Wiederaufbau bzw. Rekonstruktion des Zustands antiker Ruinen vor dem Krieg. Sie enthält bereits 340 000 Datensätze und verdankt sich in Teilen Aktivisten vor Ort, die für Kulturguterhalt kämpfen. Eine Pilotversion wurde jetzt freigeschaltet unter syrian-heritage.org.

Die Kräfte der Projektmitarbeiter übersteigen würde die Beobachtung der internationalen Hehlermärkte. Sie können nur Stichproben machen. Besonders verdächtig sind Objekte mit schwammigen Herkunftsbezeichnungen wie „Naher Osten“ oder „Levante“. Zuletzt informierten die Berliner Forscher die UNESCO über ein im Kunsthandel aufgetauchtes Kapitell, das sie auf Grundlage ihrer Datenbank dem Simeonkloster in Aleppo zuschreiben.