Bröhan-Museum

Bröhan-Museum zeigt Bilder von Ewers-Wunderwald

Ilna Ewers-Wunderwald war ihrer Zeit voraus und wurde dann vergessen. Eine Ausstellung im Bröhan-Museum entdeckt die Künstlerin wieder.

Ilna Ewers-Wunderwald auf Capri.

Ilna Ewers-Wunderwald auf Capri.

Foto: Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf / Bröhan Museum

Berlin. Auf Fotografien wirkt sie wie eine moderne Frau aus den Goldenen Zwanzigerjahren: androgyn, mit Kurzhaarschnitt und fließenden Kleidern. Tatsächlich war das Leben von Ilna Ewers-Wunderwald (1875–1957) mehr als unkonventionell.

Sie lief in Männerkleidung herum und rauchte Zigaretten – im Wilhelminischen Deutschland, in dem sie vor allem wirkte, ein Skandal. Heute ist sie allenfalls als erste Frau des skandalumwitterten Autors Hanns Heinz Ewers bekannt. Zu Unrecht, wie eine Ausstellung mit ihren Werken im Bröhan-Museum zeigt.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg trat sie äußerst vielseitig als bildende Künstlerin, Modeschöpferin, Kabarettistin und Übersetzerin in Erscheinung. 1896 hatte sie bereits ihre erste Ausstellung in Düsseldorf. Später folgten Präsentationen in der Berliner Secession (1909 und 1910), der Großen Berliner Kunstausstellung (1911 und 1914), in Freiburg und Breslau (1911), in der Münchner Secession (1912) und in Düsseldorf (1918 bis 1920 sowie 1923).

Auch Künstlerkollegen wie Emil Orlik und renommierten Kritikern wie dem im Kaiserreich einflussreichen Karl Scheffler fiel sie in Auge. In seiner Besprechung der Berliner-Secessions-Ausstellung von 1910 hebt er den „intarsienhaft exotischen Farbenschimmer“ ihrer „japanoisierenden Bildertafeln“ hervor.

Sie übersetzt, illustriert, macht Kabarett und entwirft Kleider

Ewers-Wunderwald und ihr Mann waren Seelenverwandte, beide unkonventionell und stets vereint in Rebellion gegen bürgerliche Konventionen. Ewers-Wunderwald übersetzte französische Autoren und gestaltete deren Bücher sowie die ihres Mannes, wie dessen Bestseller „Alraune“, mit ihren feinen, vom Jugendstil geprägten, leicht fantastisch angehauchten Illustrationen.

In Berlin steht sie im Jugendstil-Kabarett Überbrettl, das ihr Mann leitet, als Star auf der Bühne und geht damit auf Tournee.

1903 zieht das Paar für fast zwei Jahre nach Capri, das damals ein Anziehungspunkt für deutsche Künstler war. Fotografien zeigen Ewers-Wunderwald in selbst entworfenen Jugendstil-Kleidern, die in der Düsseldorfer Fahnenfa­brik ihres Vaters gefertigt wurden. Auch nackt ist sie zu sehen, als Anhänger der Reformbewegung feierte das Ehepaar die Nacktheit als natürliche Körperlichkeit ohne falsche Scham. Auf eine dieser Fotografien geht ein berühmtes Selbstporträt von ihr zurück, dessen Verbleib allerdings unbekannt ist.

Inspiriert durch den Art-and-Crafts-Begründer William Morris, der Kunst und Handwerk miteinander verschmilzt, gestaltet Ewers-Wunderwald auch Möbel. Eine von ihr entworfene Sitzbank mit Pfauenmuster ist in der Ausstellung zu sehen.

Nach dem Capri-Aufenthalt folgen ab 1905 Reisen um die ganze Welt: Erst Spanien und Frankreich, dann Mittel- und Südamerika und die Karibik, schließlich Indien, Fernost und Australien. Zur Finanzierung dieser Reisen entwickeln Ewers-Wunderwald und ihr Mann ein cleveres Konzept: Für die Hamburg-Amerika Linie gestaltet sie Menü- und Weinkarten, und ihr Mann macht in seinen Büchern Schleichwerbung für das Unternehmen. Der Entwurf für eine Weinkarte in der Ausstellung zeigt Ewers-Wunderwald ganz im Zeichen des Jugendstils. Ihr Markenzeichen ist die feine Linienführung in schwarzer Federzeichnung im Verbund mit leuchtender Wasserfarbe, einen Stil, den sie bereits um 1900 unter dem Einfluss von Hokusai und Beardsley entwickelt und mit ihrem Hang zum Fantastischen zu einer persönlichen Handschrift herausbildet.

„Schönheit und Grauen folgen im steten Wechsel“

Besonderen Eindruck auf ihre Fantasie machen die Erlebnisse auf der Indienreise. „Schönheit und Grauen folgen im steten Wechsel“, notiert sie in ihrem Tagebuch. „Die Einbildungskraft wird durch den indischen Wahnsinn gesteigert – man lebt wie in einem schweren Opiumrausch“.

In reicher Ornamentik und beeindruckenden Farben hält Ilna Ewers-Wunderwald die Göttin Kali fest. Schwarz-Weiß-Tuschezeichnungen zeigen detailgetreu exotische Tiere wie Tiger, Krokodile und ein Rhinozeros, das Porträt eines Büßers oder den Totenkult der Parsen, welche die Leichen ihrer Liebsten von Geiern fressen ließen.

Nach der Indienfahrt ist die Ehe mit Ewers am Ende, Ilna Ewers-Wunderwald brennt mit dem Komponisten Gustav Krumbiegel nach Leipzig durch. Der aber fällt gleich zu Anfang des Ersten Weltkrieges. In dieser Zeit geht auch ein Großteil ihrer Bilder verloren. An ihren Ruhm der Vorkriegszeit kann sie nie wieder anknüpfen und gerät in Vergessenheit. Sie malt bis zu ihrem Tod 1957, aber ohne an die Öffentlichkeit zu treten. Die späten Werke werden abstrakter, die Auseinandersetzung mit einer exotischen Tier- und Pflanzenwelt lässt auf eine intensive Beschäftigung mit Maria Sibylla Merian schließen, der Naturforscherin des frühen 18. Jahrhunderts.

Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a, Charlottenburg. Di.–So. 10–18 Uhr sowie an Feiertagen. Bis 16. Juni. Katalog 30 Euro.