Haus der Berliner Festspiele

Wenn der Schriftsteller Thomas Melle zum Roboter wird

Die Gruppe Rimini Protokoll zeigt im Haus der Berliner Festspiele mit „Uncanny Valley“ eine Inszenierung ohne Schauspieler.

Der Künstler ist abwesend: „Uncanny Valley“ von Stefan Kaegi

Der Künstler ist abwesend: „Uncanny Valley“ von Stefan Kaegi

Foto: Gabriela Neeb

Unbeweglich sitzt er da – in einer vermeintlich bequemen Haltung. Rechter Fuß auf linkem Knie. Seit einer gefühlten Ewigkeit, bevor auch nur ein Scheinwerfer auf ihn gerichtet wird. Eigentlich hätte Schriftsteller Thomas Melle längst die Position wechseln müssen. Doch dann beginnt er völlig ungerührt mit seinem Vortrag. Spricht leicht unwillig über seine bipolare Störung. Und erst da erkennt man langsam: Der Typ da vorn im Sessel ist kein Mensch, sondern ein Roboter, der aussieht wie Thomas Melle.

Die Illusion ist perfekt

Ein geschickter Coup: Als Zuschauer nimmt man die exakte Kopie des Schriftstellers als Person wahr. Obwohl am offenen Hinterkopf Schaltkreise sichtbar sind und bei jeder Bewegung die Scharniere im Inneren surren. Zudem genügt ein Blick auf die Ankündigung oder den Besetzungszettel, um zu wissen, dass Stefan Kaegis Inszenierung „Uncanny Valley/Unheimliches Tal“ ganz ohne Schauspieler auskommt.

Der Titel bezeichnet übrigens in der Robotik den widersprüchlichen Effekt, dass die Akzeptanz von Robotern abnimmt, je ähnlicher sie den Menschen werden. Bereits letzten Oktober sorgte die Produktion bei der Spielzeiteröffnung der Münchner Kammerspiele für Furore. Jetzt war sie Auftakt der diesjährigen Reihe „Immersion“, die klassische Schemata bei der Gegenüberstellung von Werk und Betrachter auflösen, Sehgewohnheiten verändern will.

Und doch mag man es bei der Berlin-Premiere auf der Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele nicht glauben, dass man einem Automaten und keinem Schauspieler zusieht. So minutiös und echt wirken Gestik und Mimik. Eine perfekte Illusion. Aber schließlich ist Regisseur Kaegi Mitbegründer der Gruppe Rimini Protokoll. Die steht bekanntlich für ungewöhnliche Sichtweisen auf unsere Wirklichkeit.

Der Roboter räuspert sich

Für Thomas Melle, der mit seinem Double via Leinwand spricht, ist der Roboter eine Möglichkeit, seinen Ängsten und Zwängen, etwa Vorträge zu halten, zu entkommen. Sein humanoides Alter Ego exerziert die Frage durch, was menschlich ist und was nicht.

Tatsächlich verschwimmen die Grenzen beim Betrachten des Melle-Roboters, der die Sinne durch sein normales Erscheinungsbild erheblich irritiert. Sogar das nur allzu menschliche Stottern und Räuspern beherrscht er. Gleichwohl komplett ferngesteuert, evoziert er empathische Reaktionen. Etwa, wenn er über seinen ‚Defekt’, seine manisch-depressive Erkrankung redet.

Melles Biographie gegenüber gestellt ist die Vita des Informatikers und Pioniers der Künstlichen Intelligenz Alan Turing. Er hat in den Fünfzigern den „Turing-Test“ entwickelt, mit dessen Hilfe man Mensch und Maschine unterscheiden kann. Ein Unterfangen, das heute vollkommen neu gedacht werden muss, wie man spätestens nach dieser Inszenierung weiß.