Konzert

Kamasi Washington feiert die Vielfalt

Vielleicht beginnt die Revolution mit einer Party: Das Konzert in der Verti Music Hall kann die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Kamasi Washington in der Verti Music Hall.

Kamasi Washington in der Verti Music Hall.

Foto: via www.imago-images.de

Als was wurde der Mann nicht schon bezeichnet: ein Musik-Gigant sei er, derjenige, der den Jazz wieder zum Leben erweckt, schlicht die Jazz-Stimme der „Black Lives Matter“-Bewegung. Kamasi Washington aus Inglewood, Los Angeles, ist nicht ganz unschuldig daran. Unterstatement ist nicht sein Ding. Der Saxophonist veröffentlichte 2015 ein Album, das heißt schlicht „The Epic“. Fast drei Stunden lang, zehn Musiker, Orchester, zehnköpfiger Chor. Sein neues Album ist nur unwesentlich kürzer, und auch dessen Titel lässt sich nicht lumpen: „Heaven and Earth“.

Washington tritt auf den Plan mit einem weltumspannenden, messianischen Gestus. Wenn er an diesem verregneten Berliner Abend zu sprechen anhebt, sind die paar tausend Menschen in der Verti Music Hall mucksmäuschenstill. „Ihr seid schön, ihr alle“, sagt er. „Ihr müsst nicht dieselben sein um eins zu werden. Ihr müsst nicht dieselben Überzeugungen haben, um einander zu lieben.“ Zurufe, Klatschen. „Diversität“, schließt er, „muss nicht toleriert werden – sondern gefeiert“. Auf Englisch reimt sich das sogar.

Die Musik fährt sofort in die Beine

Nichts anderes tut die achtköpfige Band um Washington, inklusive zwei Schlagzeugern und Washingtons Vater Rickey an Flöte und Saxophon. Unendlich versiert spielen sie eine Mischung aus Jazz, Funk, Soul und Pop, die direkt in die Beine fährt. Getragen wird das Ganze durch den unglaublichen Miles Mosley. Der schlägt und zupft und streicht seinen Kontrabass, als gäbe es keine Schwerkraft. Brandon Coleman tanzt zwischen Keyboards und retrofuturistisch klingenden Synthies hin und her wie ein Spitzensportler. Patrice Quinn singt Zeilen wie: „With our song one day we’ll change the world / Will you sing?“. Wenn sie nicht singt, tanzt sie in einer Art bewusster Trance.

Dank der Tatsache, dass Washington neben vielen anderen Projekten auf Kendrick Lamars Hip-Hop-Meisterwerk „To Pimp a Butterfly“ mitgewirkt hat, ist das Publikum gut durchmischt: von Neo-Hippies und internationalen Hipstern über Normalos Mitte 30 bis zu in Jazz ergrauten Herren. Das sieht man zu vergleichbarem Sound selten. Es ist klar: Kamasi Washington ist für ein neues Selbstbewusstsein der weltweiten Black Community so wichtig wie zuletzt die Marvel-Verflimung „Black Panther“. Zugleich ist er jemand, der viele Menschen zum ersten Mal mit Jazz in Berührung bringt. Doch wie „Black Panther“ abseits der politischen Ebene – fall man das trennen darf – ein eher durchschnittlicher Blockbuster-Film war, ist Washingtons Konzert an diesem Abend nicht viel mehr als sehr gut gespielter Mainstream.

Es muss nicht immer Avantgarde sein

Wer mit hohen kosmologischen Erwartungen kam, wird enttäuscht. Kaum was hat die Sprengkraft von früheren Revoluzzern wie Ornette Coleman, Charles Mingus, Sun Ra, von John oder gar Alice Coltrane. Und will man erleben, mit was für abgefahrenem Zeug Miles Davis 1970 ein Riesenpublikum konfrontierte, muss man sich nur den Mitschnitt seines Konzerts auf der Isle of Wight anhören.

Überspitzt gesagt: Washington würde vermutlich gern ein neues „Bitches Brew“ aufnehmen, dieses Doppelalbum, mit dem Davis aufs Wildeste Jazz und Rock fusionierte. Nicht weniges klingt in Berlin dann eher nach dem, was man in der Folge „Fusion“ nannte: nach Return to Forever oder Weather Report – virtuos, ausgelassen, energetisch. Wie eine leicht esoterische Partyband. Aber vielleicht muss man seine Avantgardebedenken mal kurz ausknipsen. Vielleicht beginnt die Revolution ja einfach mit einer guten Party.