Staatsoper Berlin

Diesem „Babylon“ fehlt die Vielfalt

Jörg Widmanns Oper "Babylon" feiert Premiere an der Berliner Staatsoper. Für die Zuschauer verläuft der Abend eher eintönig.

Marina Prudenskaya (M.) singt die Rolle des Euphrat als dramatische Urgewalt.

Marina Prudenskaya (M.) singt die Rolle des Euphrat als dramatische Urgewalt.

Foto: Foto: Eventpress Hoensch

Berlin. Ja, es gibt sie noch. Die zeitgenössische Vollblutoper, die Herzblut verströmt und sich die Seele aus dem Leib schreit. Jörg Widmanns Oper „Babylon“ ist so ein Werk, das einen packt und schüttelt. Trotzdem ist man am Ende der Premiere in der Staatsoper nur halbglücklich.

Babylon, das steht heute ganz klar für zwei Begriffe: Sprachverwirrung und Hurerei. Dabei war das historische Babylon auch eine Stadt der Wissenschaft, der Medizin und des Handels. Jörg Widmann interessiert sich vor allem für den multikulturellen Aspekt. Babylonier, Ägypter, Aramäer, Juden, Ionier, Anatolier und Phönizier lebten in der Stadt.

Der Komponist reduziert den Konflikt auf Babylonier und Juden. Der Philosoph und Dichter Peter Sloterdijk hat in seinem ersten Opernlibretto eine gute Balance gefunden. Er erzählt eine Geschichte, stößt aber auch immer wieder Tore auf, die andere Themenfelder eröffnen. Die Geschichte ist ein traditioneller Opernstoff. Ein Mann steht zwischen zwei Frauen. Er verliebt sich in eine Frau aus der verfeindeten Volksgruppe. Die Staatsraison und die persönlichen Wünsche widersprechen sich.

Blütenweiße Tugend, flammende Wollust

Es geht zu wie in „Aida“ und vielen anderen Opern. Allerdings sind die beiden Frauen hier auch Prinzipien. Die jüdische Frau heißt „Die Seele“, sie ist seine Identität, mit der er aufgewachsen ist. Mojca Erdmann gibt die blütenweiße Verkörperung der Tugend, die in den höchsten Tönen verzweifelt, als sie ihn verliert. Die babylonische Inanna ist die Göttin der Wollust. Susanne Elmark verkörpert sie nicht nur im feuerroten Kleid, sondern auch mit flammendem und verführerischen Gesang. Charles Workman singt Tammu, der zwischen beiden wählen muss, im Wechselbad der Gefühle.

Uraufführung in München

Vor sieben Jahren wurde „Babylon“ an der Bayerischen Staatsoper in München uraufgeführt. Für die Berliner Staatsoper hat der Komponist sein Werk noch einmal komplett überarbeitet. Jörg Widmann gehört zu Daniel Barenboims Künstlerfreunden. Mindestens einmal pro Saison wird eines seiner Werke an der Staatsoper aufgeführt.

Barenboim hätte die Aufführung gern selbst geleitet, wenn ihn nicht eine Augenoperation daran gehindert hätte. Christopher Ward ist eingesprungen, der schon an der Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper beteiligt war. Er hält die Zügel schwungvoll in der Hand, entlockt dem Orchester die erstaunlichsten Farben.

Emotionaler Dampfkessel

Jörg Widmann gehört zu den erfolgreichen Komponisten der Gegenwart, weil seine Klangfantasie kaum Grenzen kennt und weil er die gesamte Musikgeschichte umarmt. Seine „Babylon“-Komposition ist ein emotionaler Dampfkessel. Wenn Sehnsucht im Raum schwebt, formieren Geigen und Flöten eine einzige Seufzergeste. Geht es um Begierde, werden die Blechbläser aufbrausend.

Widmann schreibt ausschweifende Überwältigungsmusik, die Extreme und Kontraste liebt. Der Komponist wechselt schnell zwischen Stilen und Gefühlsebenen. Passagen von kammermusikalischer Intensität können im nächsten Moment von der vollen Orchesterwucht überrollt werden. Widmann wildert gern in der Musikgeschichte. Der Schüler von Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm legt in seine Werke immer wieder Intarsien aus fremden Zeiten und Stilen ein. Der Chor singt Choräle, das Orchester spielt Richard Strauss, immer wieder einmal denkt man an Filmmusik oder Musicalmelodien.

Marsch als aufdringlicher Anklang

Meist sind es Anklänge an fremde Stilsphären, die überraschen und dann auch schnell wieder vorbei sind. Manchmal wirken sie aber auch peinlich, wenn sie so aufdringlich sind wie der „Königlich-Bayerische Defiliermarsch“ und die „Lustigen Holzhackerbuan“ in der Karnevalsszene.

Der Vielfalt der sprachlichen und musikalischen Gedanken wird Andreas Kriegenburg nicht ganz gerecht. Seine Inszenierung setzt für alle sieben Bilder auf ein Einheitsbühnenbild. Es zeigt Apartments in einem Hochhaus, Nischen aus Beton wie in einem Setzkasten. Für einen langen Opernabend ist das recht eintönig, zumal es nicht so viele Ensembleszenen gibt. Gerade am Anfang stellt sich ein Darsteller nach dem anderen vor: der Skorpionmann, die Seele, Tammu. Alle stehen vorn auf der Bühne und singen. Die Chorsänger bringen Leben in die Szene. Sie treten mal als postapokalyptische Gestalten, mal als Gierschlünde oder als Clowns auf.

Nebenfiguren als Höhepunkte

Nebenfiguren setzen dem mittelmäßig interessanten Abend kleine Krönchen auf. Marina Prudenskaya verkörpert den Euphrat als dramatische Urgewalt, während Otto Katzameier einen eindrucksvollen Tod zwischen Lachen und Weinen darstellt. John Tomlinson spielt den Priesterkönig, den Demagogen, dessen Heilsversprechen in die Irre führen. Die babylonische Sprachverwirrung findet nur in der Musik statt, die verschiedene Stile übereinander schichtet. Die Regiearbeit bleibt eingleisig, obwohl Sloterdijks Libretto viele Schienen öffnet. Am Ende wird das Publikum angestrahlt, und Geisterklänge schallen durch den Saal. Auch dieser Regieeinfall ist nicht besonders originell. Ja, die multikulturelle Gesellschaft ist ein schwieriges Unternehmen. Wir alle sind gemeint.