Komische Oper

Die Berliner Zauberwelt der Kinderopern

Kinder sind ein besonders anspruchsvolles Publikum. An der Komischen Oper bemüht sich ein Team erfolgreich um junge Besucher.

Pierangelo Valtinonis Kinderoper „Der Zauberer von Oz“ an der Komischen Oper

Pierangelo Valtinonis Kinderoper „Der Zauberer von Oz“ an der Komischen Oper

Foto: Jaro Suffner

Berlin. Diese Zuhörer sind anspruchsvoll und nörgelig. Wenn sie sich in der Opernaufführung langweilen, rutschen sie ungeduldig auf den Sitzen hin und her, plappern und knistern mit Tüten. Wenn sie aber vom Zauber des Musiktheaters gefesselt sind, kann man sie mit aufgerissenen Augen und staunenden Gesichtern als dankbarstes Publikum der Welt erleben. Für und mit Kindern zu arbeiten, ist für jede Kulturinstitution eine ganz besondere Herausforderung.

Die Komische Oper hat in dem Bereich seit 2004 einen Schatz an Erfahrungen gesammelt, den sie durch das Buch „Oper Jung!“ mit allen Interessierten teilen möchte. Welche Vorteile haben Kinderopern auf der großen und welche auf der kleinen Bühne? Welche Kriterien gibt es für ein gutes Kinderkonzert? Welche Rolle spielt das Mitmachen? Um diese und ähnliche Fragen geht es in dem Band zum 15-jährigen Jubiläum, der die wichtigen Kinderproduktionen des Hauses Revue passieren lässt.

Schon seit langem liegt der Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen im Argen. Nur noch 20 Prozent der Grundschüler werden von ausgebildeten Musiklehrern unterrichtet. Die Oper ist eine komplexe Kunstform und nicht leicht zu vermitteln. Deshalb wird sie gern aus dem Lehrplan gestrichen. So kommen viele Kinder gar nicht mehr in Kontakt mit der Oper. Während der Musikunterricht zum Orchideenfach degeneriert, erlebt das Thema Musikvermittlung an Opernhäusern und Orchestern einen nie dagewesenen Boom.

Kein Berliner Opernhaus hat ein jüngeres Publikum

Das Education-Programm der Berliner Philharmoniker hatte 2002 Pioniercharakter. Inzwischen haben fast alle großen Orchester und Opernhäuser eigene Abteilungen für die Arbeit mit jungen Besuchern gegründet. Die „Junge Deutsche Oper“ ist in Berlin so aktiv wie die „Junge Staatsoper“. In der Staatsoper hat am kommenden Mittwoch die Kinderoper „Schneewittchen“ von Wolfgang Mitterer nach Engelbert Humperdinck ihre Premiere im Alten Orchesterprobensaal. Was eine kleine Spielstätte ist. Die Komische Oper öffnet ihren jungen Besuchern regelmäßig das große Haus. Sehr erfolgreich agiert das Education-Programm an der Behrenstraße: „Komische Oper Jung“. Kein Berliner Opernhaus hat ein jüngeres Publikum. Jedes Jahr besuchen 45.000 Kinder und Jugendliche die Komische Oper.

Dabei hat alles eher zufällig begonnen. 2003 wollte der damalige Intendant Andreas Homoki die veraltete Inszenierung von Rimski-Korsakows „Märchen vom Zaren Saltan“ absetzen. Der Plan löste einen Sturm der Entrüstung aus, und man bat ihn inständig, „die einzige Oper für Kinder“ im Spielplan zu lassen. Der Intendant staunte nicht schlecht, denn für Kinder war die bitterböse politische Satire trotz ihres Märchencharakters gar nicht gedacht. Die Auseinandersetzung führte zu der Erkenntnis, dass das Angebot für die kleinen Besucher ausgebaut werden musste. Die musikpädagogische Abteilung „Komische Oper Jung“ wurde gegründet. Anne-Kathrin Ostrop leitet sie seit 2004, und sie hat viel bewegt.

15 Kinderopern hat das Haus im Repertoire

Die erste Entscheidung war wegweisend und ist bis heute einzigartig: Pro Saison findet mindestens eine neue Kinderopernproduktion und die Wiederaufnahme einer Kinderoper auf der Hauptbühne statt. Homoki machte den großen Saal für Kinder und Jugendliche frei. Das ganze Opernhaus mit Ensemble, Chor und Orchester, mit Bühnenbildern, Kostümen und allen technischen Tricks wird eingesetzt, um den jungen Besuchern das größtmögliche Erlebnis zu verschaffen. Die Kinderoper wird nicht mehr wie sonst oft üblich ins Foyer oder auf andere Nebenschauplätze abgeschoben.

15 Kinderopern hat die Komische Oper nun schon im Repertoire, sieben davon waren Uraufführungen, die das Haus in Auftrag gegeben hatte. Oft sind es bekannte Märchenstoffe wie „Die Prinzessin auf der Erbse“, „Die Schneekönigin“ oder zuletzt „Der Zauberer von Oz“. Musikalisch geht es manchmal ganz traditionell tonal zu wie in „Pinocchio“, manchmal mehr in Richtung Neue Musik wie in „Der Reiter mit dem Wind im Haar“. Seitdem Barrie Kosky 2012 die Intendanz übernommen hat, sind die Inszenierungen verspielter geworden, die Grenze zwischen Bühne und Publikum wird immer wieder aufgebrochen, und musikalisch tendieren die Neuproduktionen mehr zum Musical. Die interkulturellen Aspekte wurden wichtiger, was sich in zwei Produktionen mit deutsch-türkischem Libretto, aber auch in der Arbeit mit Willkommensklassen spiegelt.

Große Kinderopern und kostenlose Workshops

Die großen Kinderopern sind das Flaggschiff. Die vier festangestellten und acht bis zehn freiberuflichen Musiktheaterpädagogen der Komischen Oper haben aber noch viel mehr Angebote, übrigens auch für Eltern und Senioren. Kinderkonzerte entwickeln sich mit Schauspielern, Bühnenbildern und Licht in letzter Zeit mehr in Richtung Theaterperformance. Zu allen Werken auf dem Spielplan gibt es kostenlose Workshops, in denen die jungen Besucher Rollen in Opernszenen übernehmen und mit ihren eigenen Lebenserfahrungen anreichern. Da machen arabische Teilnehmer im Workshop zur Insektenoper „Mikropolis“ plötzlich die Geräusche in den Wüstenregionen ihrer Heimat zum Thema, oder bei „Hänsel und Gretel“ geht es auf einmal um die Patchworkfamilien der Kinder.

Einigkeit herrscht darüber, dass heute nicht mehr vermittelt wird, „was der Meister uns mit dem Werk sagen will“. Stattdessen werden den Kindern Spiel- und Erfahrungsräume mit Musik eröffnet. Die Pädagogen tun alles dafür, dass trotz der Konkurrenz von Fernsehen, Internet, Zirkus und Kino die Kinder im Opernhaus den ganz besonderen magischen Moment erleben.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47997400 Attila Kadri Şendils „Die Bremer Stadtmusikanten“ am 10. und 22.3.; 1. und 2. April

„Oper Jung! Musiktheater für Kinder zwischen Bühne und Bildung“, Henschel-Verlag, 160 Seiten, 19,95 Euro.