Ausstellung in Potsdam

Das Museum Barberini zeigt Picassos Spätwerk

Das Museum Barberini in Potsdam gibt spektakuläre Einblicke in das Spätwerk des Jahrhundertkünstlers Pablo Picasso.

Potsdam. Jacqueline. Und immer wieder Jacqueline. Von vorn, im Profil von links, mit angezogenen Knien, in einem Sessel sitzend. Geradezu manisch hat Pablo Picasso in den letzten beiden Lebensjahrzehnten seine Geliebte und spätere Ehefrau Jacqueline Roque gemalt, gezeichnet und skizziert. In seinem tausende Werke umfassenden Nachlass fanden sich mehr als 400 Porträts seiner zweiten und letzten Ehefrau..

Etwa 30 davon sind ab dem heutigen Sonnabend im Museum Barberini in Potsdam zu sehen. So genau lässt sich das nicht beziffern, da Jacqueline dem Maler sicher auch als Vorbild vieler Frauenporträts diente, die nicht ihren Namen tragen. Insgesamt umfasst die spektakuläre Schau 136 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skulpturen und Keramiken aus dem Spätwerk des Jahrhundertkünstlers.

Die Werke stammen aus der Sammlung Jacqueline

Alle Werke stammen aus der „Sammlung Jacqueline“, die die Witwe nach jahrelangem Erbstreit zugesprochen bekam. Ihre Tochter Catherine Hutin stellte sie dem Museum Barberini nun zur Verfügung. „Mit dieser großzügigen Leihgabe ermöglicht Catherine Hutin erstmals, die Vielfalt und Aktualität von Picassos Schaffen in den Jahren 1954 bis 1973 mit den Werken ihrer Sammlung zu veranschaulichen“, sagte die Direktorin des Barberini, Ortrud Westheider, vor der Eröffnung der Ausstellung. Anders als frühere Phasen des Künstlers, ist das Spätwerk in Deutschland bislang kaum bekannt.

Dabei gehören die letzten beiden Jahrzehnte im Leben Picassos zu seinen produktivsten. Mit Hilfe der Ideen vor allem der französischen Existenzialisten, überwand Picasso seine Schaffenskrise, die ihn nach Fertigstellung der überwältigenden Kriegsanklage „Guernica“ während des Zweiten Weltkrieges gelähmt hatte.

Kunst fordert das Unmögliche

„Die Kunst ist eine in Form gebrachte Forderung nach dem Unmöglichen“, hatte Albert Camus in seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ konstatiert. Auch daraus speiste sich der Drang Picassos, unermüdlich Werk um Werk zu produzieren und so der Welt entgegen zu treten. Die Bilder, Zeichnungen, Skulpturen und Keramiken werden so zur Dokumentation seines Lebens.

„Warum, glauben sie, datiere ich alles, was ich mache“, fragte Picasso einmal den Fotografen Brassai und antwortete gleich selbst: „Weil es nicht genügt, die Arbeiten eines Künstlers zu kennen, man muss auch wissen, warum, wie und unter welchen Bedingungen er sie schuf.“

Parallelen zwischen Picasso und Warhol

Auf diesen Zusammenhang weist auch der Kurator der Ausstellung, Bernardo Laniado-Romero, hin. Es gelte, bei der Betrachtung des Spätwerkes Picassos auch die parallelen Entwicklungen der Popkultur, des Fernsehens und des Grafikdesigns aus der Zeit mit einzubeziehen. So stellen die schrillen Farbzusammenstellungen Picassos und zahllose Litographie-Serien eindeutig einen Zusammenhang zum späteren Andy Warhol dar.

Es gehört zu den Besonderheiten der Ausstellung im Barberini, dass zahlreiche Bilder zwar bekannt sind, aber noch nie öffentlich zu sehen waren. Sie sind auf den zahlreichen Schwarzweiß-Fotografien zu sehen, die in den 60-er Jahren in den Ateliers Picassos entstanden sind. Picasso verstand wie kaum ein anderer die Kunst der Selbstvermarktung und ließ die Fotografen, wie Brassai, David Douglas Duncan oder Edward Quinn gewähren.

Ihre Bilder prägen bis heute das Bild Picassos als nimmermüden Schöpfer bedeutender Kunst. Elf Ausstellungsstücke werden in Potsdam nun zum ersten Mal überhaupt öffentlich gezeigt, 30 weitere waren bislang ebenfalls kaum zu sehen.

Der große Altersunterschied störte beide nicht

Den Auftakt der Werkschau bildet eines der ersten Porträts Picassos seiner damaligen Geliebten Jacqueline. Es ist „Madame Z“ überschrieben und zeugt von der noch jungen Liebe der beiden. Da die Trennung seiner langjährigen Begleiterin Francoise Gilot noch nicht endgültig vollzogen war, unterließ es Picasso, seine Geliebte beim Namen zu nennen.

Beide hatten sich in einem Keramik-Kunsthandel getroffen, wo Jacqueline als Verkäuferin jobbte. Der große Altersunterschied, sie war 27, er bereits 72 Jahre alt, schien beide nicht zu stören.

Es folgen weitere Porträts seiner Geliebten - „Jacqueline im Schaukelstuhl“, „Jacqueline in türkischem Kostüm“.

Immer wieder eingestreut in die Werkschau werden Gemälde, die typische Themen Picassos abbilden. Die Dekonstruktion von Formen, Maskeraden und natürlich auch der Stierkampf. „Es geht darum, den unbekannten bekannten Picasso zu entdecken“, sagt Mitkuratorin Valerie Hortolani. Das ist den Ausstellungsmachern zweifellos gelungen.

Der Preis war totale Selbstaufgabe

Jacqueline Picasso schaffte, was allen Geliebten und Frauen zuvor verwehrt blieb: Sie hatte das Genie für sich allein. Allerdings zahlte sie dafür einen hohen Preis - die komplette Selbstaufgabe, die sie auch nach dem Tod Picassos 1973 nicht überwand. Im Jahr 1986, nachdem sie eine große Werkschau des Künstlers organisiert hatte, erschoss Jacqueline sich in Mougins in Südfrankreich, inmitten der vielen Porträts von ihr.