Konzert im Tempodrom

Melissa Etheridge brennt in Berlin für die Liebe

Melissa Etheridge überzeugt im nicht ganz ausverkauften Tempodrom mit einem Mix aus druckvollem Rock und Balladen.

Melissa Etheridge (Archivbild)

Melissa Etheridge (Archivbild)

Foto: a17 / picture-alliance / a17/ZUMApress

Berlin.  Sie strotzt nur so vor Energie. Sie brennt hemmungslos für die Liebe, für die Menschen, für die Musik. Die amerikanische Sängerin und Songschreiberin Melissa Etheridge hat mit ihren klugen Texten und ihren rauen, von Rock, Blues und Soul getriebenen Liedern so manch ein Stimmungstief ihrer Fans einfach weggesungen. Und hat mit ihrer 12-saitigen Ovation-Gitarre einen ungeheuer wuchtigen, perkussiven Stil entwickelt, durch den sie ihre Lieder aufwühlend antreibt.

30 Jahre ist es mittlerweile her, seit ihr schlicht „Melissa Etheridge“ betiteltes Debütalbum erschienen ist. Doch ins Zentrum ihrer aktuellen Tour, die sie am Freitagabend ins zu gut zwei Drittel gefüllte Tempodrom führte, hat sie bewusst ein anderes Jubiläum gestellt. Denn vor genau 25 Jahren veröffentlichte sie das so mutige wie selbstbewusste Album „Yes I Am“. Es war ihre vierte Platte und sie erschien in jenem Jahr, in dem sich Melissa Etheridge als lesbisch geoutet hatte. Sie habe diese Entscheidung nie bereut, wird die engagierte Entertainerin im Verlauf des Konzerts bekennen.

Gitarrensoli von geradezu psychedelischem Ausmaß

Nach einem kurzen Vorprogramm der britischen Liedermacherin Lucy Spraggan entern Melissa Etheridge und ihre drei Musiker um Punkt 21 Uhr die Bühne und eröffnen den Abend mit „All American Girl“ vom „Yes I Am“-Album. Die 57-jährige Vollblutmusikerin aus Kansas schafft es, sämtliche zehn Songs der Platte im Konzert unterzubringen, darunter Hits wie „I’m The Only One“, „Silent Legacy“ oder „Come To My Window“. Mit kräftigem Anschlag bearbeitet sie die 12-Saitige und betört mit ihrer kräftigen, emotionsgeladenen Stimme, wechselt aber auch immer wieder zu verschiedensten E-Gitarren.

Ihre Begleitmusiker geben den Balladen stimmige Atmosphäre und machen bei den rockigeren Stücken ordentlich Druck. Dabei wechselt Keyboarder Max Hart von der Hammond-B3-Orgel zwischendurch auch mal zur Pedal-Steel Gitarre, wie bei „You Can Sleep While I Drive“. Bassist David Santos und Schlagzeuger Eric Gardner kreieren den rhythmischen Klangteppich, auf dem sich Melissa Etheridge lustvoll austoben kann bei Gitarrensoli von geradezu psychedelischem Ausmaß. Beim blueslastigen „I’m the Only One“ keucht sie sogar noch in eine Mundharmonika.

Erinnerungen an das legendäre Mauerfall-Konzert

Schon 1988, da war gerade ihr phänomenales Debüt erschienen, war Melissa Etheridge erstmals in der Stadt und überrumpelte das damalige Loft am Nollendorfplatz mit ihrer überwältigenden Bühnenpräsenz. Sie könne sich noch gut daran erinnern, sagt sie, wenn auch nicht mehr an den Namen des Clubs. Damals wusste noch keiner, dass die Stücke, die sie da sang, wie „Bring Me Some Water“, den es jetzt zum Finale gibt, oder „Like The Way I Do“, das die Zugabe krönt, einmal zu Rockklassikern werden würden.

Auch beim legendären Mauerfall-Konzert 1989 in der Deutschlandhalle war sie dabei. Sie sei im November jenes Jahres zufällig auf Tournee in Deutschland gewesen. „Es war der 9. November und die Welt veränderte sich“, schwärmt sie. „Change was happening.“ In jener Nacht in Berlin hat sie den Song „Testify“ geschrieben. Auch den gibt im Verlauf der mehr als zwei Stunden voller großartiger Musik zu hören. Der Applaus ist lang anhaltend. Und ungeheuer dankbar.