Tanztheater

Sasha Waltz: Grabbelkiste der Assoziationen

Sasha Waltz’ Uraufführung „rauschen“ an der Berliner Volksbühne widmet sich digitalisierten Lebenswelten.

Szene aus Sasha Waltz’ neuem Stück „rauschen“ an der Volksbühne

Szene aus Sasha Waltz’ neuem Stück „rauschen“ an der Volksbühne

Foto: Julian Röder

Berlin. Diese Frau auf der weißen Bühne: Irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Ihr Körper, in einen geschmackvollen weißen Hosenanzug gewandet, zuckt unbeherrschbar. Unsicher steht sie auf ihren Beinen, die Arme balancierend zur Seite gestreckt. Immer wieder reißt eine abrupte Bewegung ihres Brustkorbs sie aus dem Gleichgewicht. Vielleicht ist sie eine Androide, deren Steuerung einen Kurzschluss hat? Ach nein, nun klagt die Figur einer anderen, die eben aufgetreten ist, allzu menschlich das Leid ihrer Einsamkeit: dass sie Berührungen und Blicke vermisse. Ihr Lamento quittiert die neu hinzugetretene Figur – eine Verkörperung von Siri oder Alexa? – mit einem unspezifischen „just relax“. Entspann dich! Empathie klingt anders.

Existenzielle Entfremdung durch Technik: das scheint die These in „rauschen“, das Sasha Waltz und ihre Compagnie für die Volksbühne kreiert haben. Vor zwanzig Jahren gastierte die Choreographin dort mit der „Travelogue“-Trilogie, in der sie noch selbst tanzte. Nun hat sie sich im Auftrag des Interims-Intendanten Klaus Dörr das Umgebungsrauschen unserer digitalisierten Lebenswelt vorgenommen, das alltägliche White Noise. In ihrer Interpretation erstickt es jeglichen menschlichen Kontakt. Immer wieder folgen in den kommenden zwei Stunden Dialoge nach ähnlichem Schema: Figur 1 teilt ein Unwohlsein mit, Figur 2 reagiert mit freundlich-unbestimmter Abwehr, antwortet etwa auf die Frage „fühlst Du das auch?“ mit der Statusmeldung „leider nicht erreichbar“. Als Zeitanalyse mutet die Diagnose gestörter Kommunikation und fehlender Zuwendung allerdings doch eher schlicht an. Und was haben die mechanischen Fließbandbewegungen des elegant kostümierten Dutzends Tänzerinnen und Tänzer, das Rattern von Fabrikmaschinen im Sound (für den das Programmheft keine Verantwortlichen nennt) mit dem Digitalzeitalter zu tun?

Die UN-Menschenrechtserklärung wird zitiert

Ungeordnet breiten sich die Assoziationen in „rauschen“ aus, es geht in der angenehm anzusehenden Szenenfolge um Vieles und in Summe doch um zu wenig. Plakativ wirkt es etwa, wenn Aladino Rivera Blanca sich an ein Trapez klammert und einzelne Paragraphen der UN-Menschenrechtserklärung rezitiert, die ihm László Sandig von unten zuflüstert. Wahrnehmen soll man nicht das gebotene Artistentum, sondern einen geschundenen Körper, wenn der Hängende keuchend aufsagt, dass niemand der Folter unterworfen werden darf. Ist das noch eine Tanzchoreographie oder schon Torture chic?

Angezapft hat Waltz laut Vorabinterviews die Erinnerungen, Ängste, Traumata ihrer co-choreographierenden Tänzer – aber was emotional wirkmächtig werden könnte, bleibt hinter der Oberfläche einer dekorativen Ästhetik verborgen. Sicher, es wird brutales Verprügeln mit langen Acrylglasstangen angedeutet und Stylianos Tsatsos kriecht unter das Plastikcover eine Matratze, bis er mit platt gedrücktem Gesicht und offen stehendem Mund wie entleibt anmutet. Aber Schrecken lösen diese Bilder nicht aus. Vielmehr vermittelt sich Indifferenz.

Momente, in denen man den Eindruck hat, dass sich eine Atmosphäre oder Zwischenmenschliches verdichtet – wenn Annapaola Leso mit Hwanhee Hwang küssend über den Boden rollt und die übrigen zehn sich ihnen beobachtend zuneigen, verwundert, fasziniert, verstört vielleicht; oder wenn Lorena Justribó Manion von einem Tänzer gewaltsam zu Boden gezerrt wird, er sie dann zärtlich umhalst als sei sie eine Puppe, an der man emotionale Zuwendung übt –, laufen nebenbei ab oder werden abgebrochen, bevor sie entfaltet sind.

Hinter tausend Bildern kein klares Konzept

Minutenlang dehnt sich hingegen das Live Painting: Nachdem sich vier Tänzer mit Wasserschläuchen ein dünnes Papierkleidchen vom nackten Körper gewaschen haben, richten ihre in Schlachterschürzen gehüllten Kolleginnen die Schläuche auf den rückwärtigen Rundhorizont (Bühne: Tomas Schenk, Sasha Waltz) und malen mit den Wasserstrahlen schwarze Schlieren und Striche, die zauberisch wieder verbleichen. Ist das die vorab angekündigte Transformation? Oder ist das die folgende Hommage an den Ausdruckstanz des frühen 20. Jahrhunderts? Zeigt sich Zukunft in den ritualistischen Gruppenchoreographien der sechs barbusigen Tänzerinnen, angetan mit schweren schwarzen Röcken wie sie Waltz’ Kostümbildner Bernd Skodzig schon im Jahr 2000 für das Schaubühnen-Stück „Körper“ entwarf? Oder geht’s um Vergangenes? Hinter tausend Bildern kein klares Konzept. Dringend hätte die Dramaturgie, für die unter anderem Waltz’ Mann Jochen Sandig verantwortlich zeichnet, Kürzungen und eine inhaltliche Fokussierung anraten müssen. Bei der Premiere wirkt „rauschen“ noch wie eine Grabbelkiste der Assoziationen.

Eindrücklich wie immer aber erscheint in den aparten choreographischen Arrangements Waltz’ Compagnie: unterschiedliche Persönlichkeiten und verschiedenste Körper – amazonenhaft groß gewachsen die einen, andere klein, agil und muskulös. Clémentine Deluy und Yael Schnell vereinen Grazie mit Dramatik, Stylianos Tsatsos infundiert „rauschen“ mit unaufdringlicher Komik, Edivaldo Ernesto mit explosiver Eleganz. Gut, dass die Truppe bestehen bleibt, auch wenn Sasha Waltz ab der kommenden Spielzeit voll beim Staatsballett Berlin einsteigt.

Volksbühne Berlin, Linienstraße 227, Mitte. Tel. 240 65 777. Termine: 8.-10.3., 25.-28.4.