Konzert-Kritik

Für Kirill Petrenko ist Tschaikowsky Chefsache

Grotesk und gefährlich: Kirill Petrenko, der künftige Chefdirigent der Philharmoniker, führt Tschaikowskys Fünfte Sinfonie vor.

Dirigent Kirill Petrenko in der Philharmonie

Dirigent Kirill Petrenko in der Philharmonie

Foto: Monika Rittershaus

Berlin. Für Kirill Petrenko ist Tschaikowsky Chefsache – und das schon dreieinhalb Jahre bevor er sein Amt bei den Philharmonikern im vollen Umfang antritt. Tschaikowskys Sechste Sinfonie hat Petrenko bereits im März 2017 nach Berlin gebracht, jetzt folgt Tschaikowskys Fünfte. Und es wäre kaum erstaunlich, wenn er vor Herbst 2020 auch Tschaikowskys Vierte nachlegen würde. Ja mehr noch: Man sehnt es geradezu herbei. Denn die Philharmoniker stürzen sich nun so intensiv in Tschaikowskys Fünfte Sinfonie, mit so viel Hingabe und Herzblut, dass es eine überwältigende Freude ist.

Zugleich aber ist es auch ein Tschaikowsky der heftigen Extreme: extrem die Bandbreite von Tempo und Dynamik, extrem auch die Artikulation und Balance. Zwar dürfte es nicht jedermanns Sache sein, wie brutal Petrenko die Blechbläser in den Außensätzen auf die Streicher loslässt. Doch die eiserne Konsequenz fasziniert. Hier ist jemand, der Tschaikowsky jede Gemütlichkeit und Größe austreibt. Bis nur noch das erbarmungslose Schicksal übrig bleibt: grotesk, gefährlich, ohrenbeißend.

Schönberg und Tschaikowski sind eine aparte Kombination

Stark kontrastierend dazu die verführerischen Pianissimo-Gelegenheiten, die Petrenko den Philharmonikern im Kopfsatz und im Andante cantabile des 2. Satzes bietet. Aber auch in diesen Fällen gilt: Hochspannung ist für Petrenko das oberste Gebot. Selbst während des berührend schlichten Solos des Gast-Hornisten Johannes Dengler bleiben die Philharmoniker daher auf Stuhlkante. Und wie die Philharmoniker so auch das Publikum. Denn dieser Tschaikowsky lädt zu allem anderen als zum Einschlafen ein.

Genauso wenig übrigens, wie Schönbergs Violinkonzert in der ersten Konzerthälfte. Arnold Schönberg und Peter Tschaikowsky? Wahrlich eine aparte Kombination, aber auch ein klares Statement: Einerseits sind Spätromantik und Klassische Moderne die sinfonischen Schwerpunkte Petrenkos bei den Philharmonikern. Anderseits möchte Petrenko es dem Publikum, dem Orchester und sich selbst nicht zu leicht machen.

Reibungen zwischen der Solistin und dem Dirigenten

Wobei Arnold Schönbergs zwölftöniges Violinkonzert durchaus auch Vorteile für Petrenko hat: Gerade erst vor einem Jahr lag diese schwierige Partitur auf den Pulten der Philharmoniker – Orchestererfahrungen, auf die Petrenko jetzt zurückgreifen kann. Damals hatte der solide Geiger Michael Barenboim sein Philharmoniker-Debüt gegeben, diesmal ist die sympathisch-exzentrische Ausdruckskünstlerin Patricia Kopatchinskaja dabei. Und man kann es nicht anders sagen: Zwischen Petrenko und Kopatchinskaja liegen ästhetische Welten. Hier der konservative Petrenko, der auf Präzision und Texttreue hohen Wert legt. Dort die abenteuerlustige Kopatchinskaja, die sich Schönberg auf eher spekulative Weise nähern möchte – erspürend, erahnend, fantasierend. Reizvoll die Reibungen, die dadurch fortwährend zwischen Solistin und Orchester entstehen. Anderseits: Noch reizvoller wäre es wohl gewesen, Kopatchinskaja mit einem gleichgesinnten Dirigenten zu erleben.