Konzertkritik

Grönemeyer in Berlin: Das deutsche Gewissen spielt auf

Mit seiner „Tumult“-Tour bezieht Pop-Präsident Herbert Grönemeyer Position gegen rechts. Das kommt an in Berlin.

Herbert Grönemeyer badet in der Menge in der Mercedes Benz Arena.

Herbert Grönemeyer badet in der Menge in der Mercedes Benz Arena.

Foto: Julius Betschka

Eine Schande sei das, was da im Mittelmeer passiere, sagt Grönemeyer irgendwann. Die toten Flüchtlinge, die im Sturm gekenterten Schlauchboote sind gemeint. Danach färben sich die Lichter in der Mercedes Benz Arena blutrot. Die ersten Akkorde von „Roter Mond“ klingen an. Jubel in Berlin - über Künstler und Statement.

Am Donnerstagabend ist Pop-Präsident Herbert Grönemeyer, Wahlberliner und Deutschlands best verkaufender Musiker, mit seiner „Tumult“-Tour in der Hauptstadt aufgetreten. Die gleichnamige Platte erschien - ausgerechnet - am 9. November 2018 und es hieß, der 62-Jährige sei angetreten, Deutschland zu versöhnen, nach einem politisch wilden Jahr für Vielfalt einzutreten.

Das Motto des Abends: „Widerstand muss Spaß machen“

Er fragt: „Wie verbreitet sich der Mut des Herzens? Wie enteilt man der Raserei?“ Das treibt ihn um. So gerät auch das Konzert politisch. Hinter einer riesigen blau-gelben „Tumult“-Wand kommt Grönemeyer mit schwarzem Sakko und präsidialem Bäuchlein unter seinem dunklen Shirt auf die Bühne. Schmeißt die Arme in die Luft. Riesenjubel.

Das Motto des Abends lautet: „Widerstand muss Spaß machen”, so sagt er das. Politische Agitation à la Grönemeyer. Mit Selbstironie, verknödelten „Wunderbar“- und „Danke“-Ausrufen und den euphorisch-tapsigen Tanzeinlagen hat er Berlin schnell bei sich.

Das Repertoire an diesem Abend? Eine Collage seiner bereits 40 Jahre dauernden Karriere: „Bochum“, „Alkohol“, „Mensch“, „Halt mich“ oder die Hits vom neuen Album - wie „Doppelherz“ und der Opener „Sekundenglück“ - hat er zu einem kurzweiligen Programm zusammengebastelt. Balladen wechseln mit tanzbaren Stücken. So schwankt der Abend zwischen grönemeyerschem Pathos, politischem Anspruch und den Liedern, die jede Eckkneipenbelegschaft auswendig kann.

Grönemeyer gibt sich mittlerweile staatsmännisch

Zum deutsch-türkischen „Doppelherz“ - seinem Song für eine offene Gesellschaft - holt er sich den Berliner Rapper BRKN auf die Bühne, wirkt kindlich aufgedreht. Keine Spur von Müdigkeit, Lust am Spiel, großer Sound, gutes Licht - so schafft er, woran viele andere große Künstler scheitern: die Mehrzweckarena am Ostbahnhof wie einen vernünftigen Konzertsaal zu bespielen. Grönemeyers nüchternes Zwischenfazit vor der Zugabe: „Schöner Abend!“

Grönemeyer ist der Popfigur längst gen Staatsmann entwachsen. Redet er, hat das Gewicht - nicht nur an diesem Abend. Der kürzlich viel zu jung gestorbene Musikjournalist Daniel Krüger beschrieb das Werk des Gegenwarts-Grönemeyer einmal so: „Mach‘ Urlaub, Steinmeier, die wahre Stimme der vernünftigen Mittelschicht, deren Personalausweis die MENSCH-CD im Regal ist, übernimmt jetzt.” Das trifft. Und es wäre manch anders gefärbtem Sound vorzuziehen.

Abschied mit Konfettiregen

Grönemeyer kommt dann noch dreimal zur Zugabe. Er sitzt hinter dem Piano, ganz allein im weißen Scheinwerferlicht, und schlägt die ersten Töne von „Der Weg“ an, dem Song, in dem er den Tod seiner Frau verarbeitete. Handylichter gehen an. Mitten im Lied spontaner Applaus, als er singt: „Ich geh hier nicht weg.“ Es folgt „Flugzeuge im Bauch“, das er, scherzt Grönemeyer, spielen will bis der BER aufmacht. Schweißperlen. Lange Nacht also. Irgendwann, nach zweieinhalb Stunden Audienz und weiteren Hits, ist dann doch Schluss. Der Pop-Präsident, das deutsche Gewissen, hat fertig. Mit Konfettiregen.