Maren Kroymann

„Meine Mutter wollte nicht, dass ich eine Tussi werde“

Kabarettistin, Grimme-Preisträgerin und „Nachtschwester“ Maren Kroymann nahm viele Frauenthemen lange vorweg.

Weiblicher Humor: Kabarettistin Maren Kroymann (69) mit „Merkelraute“ vor dem Bundeskanzleramt.

Weiblicher Humor: Kabarettistin Maren Kroymann (69) mit „Merkelraute“ vor dem Bundeskanzleramt.

Foto: Foto: Reto Klar

Der Fahrradschlüssel war weg, irgendwie hatte er sich in einem ihrer Schuhe versteckt. Doch jetzt ist sie da. Das Rad steht vor der Tür des gemütlichen Feinkost-Cafés in Charlottenburg, wo wir uns treffen. Maren Kroymann, die frischgebackene Grimme-Preisträgerin, braucht die Bewegung bei dem Stress gerade. Eine Interviewanfrage jagt die nächste, im März ist sie mit ihrem Programm „In my Sixties“ unterwegs. „Mein Leben boomt, abgesehen von dem Preis ist das Tolle ja, dass ich eine eigene Sendung machen darf.“ Sie meint ihre Sketch-Comedy „Kroymann“ in der ARD, wo sie mit geistreichen Seitenhieben unsere Männlein-Weiblein-Welt auseinandernimmt. Für dieses Format bekommt sie bereits den zweiten Grimme-Preis.

Am Abend wird sie in Potsdam aus Texten von Frauenrechtlerinnen der ersten Stunde lesen, darunter fallen Minna Cauer oder Hedwig Dohm. Diese Frauen waren „satirisch, witzig und machten sich lustig über Männer“, die dachten, sie seien schlauer als Frauen. „Nur weil sie das Geschlecht Mann hatten, durften sie abstimmen, und wenn sie nur drei Kreuze machen, weil sie ihren Namen nicht schreiben können.“ Projekte wie diese unterstützt sie gerne, schließlich liegen auf der kleinen Bühne ihre Wurzeln. „Als wir verhärmt, verhuscht und marginal daherkamen.“ Verhuscht? Das ist nicht gerade die Beschreibung, die einem bei der charmanten Satirikerin, Schauspielerin und Sängerin einfällt. Doch Selbstironie ist bei ihr Programm.

Am Frauentag arbeitet sie immer

Am Frauentag arbeitet sie eigentlich immer. seit Jahrzehnten hat ihr dieser Tag Jobs beschert. Überhaupt hat er eine wichtige Funktion in ihrer Kabarett-Karriere. Als sie anfing, Programme zu machen, damals im Hanns-Eisler-Chor, war der 8. März der erste Impuls, etwas Eigenes zu machen. Jenseits der offiziellen, stark von Männern bestimmten Veranstaltungen. Dabei ist es bis heute geblieben. Kroymann findet, dass Frauen, die mit Witz und Hirn auf die Bühne wollen, immer noch große Widerstände überwinden müssen.

So wie sie. Damals gab es überhaupt noch keine Frauen mit eigenen Texten vor Publikum. Sie war 1993 die erste mit einer eigenen Satiresendung – „Nachtschwester Kroymann“ – im rechtlich-öffentlichen Fernsehen. Wer sich die Folgen noch einmal anschaut, sieht, wie innovativ die heute 69-Jährige war. Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz, Missbrauch sind Themen – noch lange vor der „#MeToo“-Bewegung. Vielleicht erklärt das ein Stück weit auch ihren Erfolg heute. Das gesellschaftliche Bewusstsein hat sich verändert. „Damals wurde das als Frauen-Thema abgewertet, heute gehören diese Themen zum Diskurs“, meint Kroymann.

Mit vier älteren Brüdern aufgewachsen

Als Kleinste ist sie zusammen mit vier Brüdern aufgewachsen, natürlich hat sie das geprägt. Sie wurde genauso erzogen wie die vier, erzählt sie, ihre Mutter sei eine emanzipierte Frau gewesen. Mit Promotion in der Nazizeit in den Fächern Romanistik und Altphilologie. „Ich sollte genauso schlau sein wie meine Brüder“. Sie ging wie sie auf das humanistische Gymnasium. Erst in der Pubertät merkte der lebendige Teenager plötzlich, dass sie verstummte, weil das Rollenbild sich änderte, sie darauf gar nicht vorbereitet war.

Diese Koketterie, etwa wie man mit Jungs flirtet, dieses Verhalten hatte die Mutter ihrer Tochter Maren „verweigert“. Als sie in die Schule kam, ließ die Mutter ihr die blonden Haare abschneiden. „Einfach praktischer“, meinte die Mutter. Für die Tochter aber war es ein kompletter Typwechsel. „Sie wollte nicht, dass ich eine Tussi, ein Mädchen-Mädchen werde“, erzählt Kroymann. Sie musste plötzlich umschalten. Erstmals wurde ihr klar, welche bedeutende Rolle das Äußere für Mädchen spielt. Ihre Mutter verachtete jene Frauen, die sich „über die Weiblichkeit ranschmissen“, meint sie. So sollte sie nicht werden. Und so wurde Maren Kroymann dann auch nicht.

Sind Frauen zu nett?

Haben Frauen weniger Humor? „Natürlich nicht! Frauen kommen nur nicht so leicht auf eine Bühne. Weil wir signalisiert bekommen, dass es wichtiger ist, dass wir nett aussehen, nett sind, uns den Menschen zuwenden und sozial eingestellt und gut sind.“ Und wenn man für das Gute zuständig ist, ist man halt nicht lustig. Das sei eine Zuschreibung, sagt Kroymann, die an diesem Tag sportlich-elegantes Grün-Schwarz gekleidet ist.

Sind Frauen zu nett? Alle Menschen reagierten auf positives Feedback. Eine Schauspielerin bekäme für ein hautenges Kleid auf dem roten Teppich tausend Mal mehr Reaktionen als für einen klugen Satz. Die Satirikerin bringt die Dinge herrlich knackig auf den Punkt, aber so, dass sich niemand verletzt fühlen muss.

„Abbildungskarriere“ nennt sie das

Bei Deutschlands beliebtester Sendung „Germany‘s next Topmodel“ werden immer die körperlichen Vorzüge belohnt und betont, findet sie. Auch auf der Berlinale kürzlich hat sie beobachtet, dass Schauspielerinnen zwischen 30 und 40 Jahren, und auch noch danach, ihre Größe 34 betonten, meist Bauch und Schultern frei, viel Haut zeigen. Über Fotos, glaubt Kroymann, könne man Karriere machen, „Abbildungskarriere“ nennt sie das. Bekannte Gesichter machen sich bei Besetzungsagenturen, Regisseuren und Produzenten nicht schlecht. Nur bei Frauen sei das so, dass das Bild so stark den Marktwert bestimmt.

Mehr Themen zum Frauentag in Berlin lesen Sie hier.