Jubiläum

Regina Ziegler, die Prinzipalin des deutschen Films, wird 75

Regina Ziegler ist eine der erfolgreichsten Filmproduzenten. Sie war lange die einzige Frau in der Branche.

In ihrem Büro am Lietzensee stapeln sich die Drehbücher – und die Preise: Filmproduzentin Regina Ziegler, hier mit dem Emmy, den sie 2009 für „Die Wölfe“ gewann.

In ihrem Büro am Lietzensee stapeln sich die Drehbücher – und die Preise: Filmproduzentin Regina Ziegler, hier mit dem Emmy, den sie 2009 für „Die Wölfe“ gewann.

Foto: Reto Klar

Sie ist eine der erfolgreichsten Filmproduzenten Deutschlands – wobei wir das absichtlich geschlechtsneutral meinen. Die erfolgreichste Produzentin ist sie ohnehin. Sie war auch die erste ihrer Art – und lange Zeit die einzige. Seit 46 Jahren spielt Regina Ziegler beim deutschen Film in der obersten Liga mit. Am morgigen Freitag wird sie 75 Jahre alt.

Und irgendwie passt das ja, dass der 8. März just zu ihrem Jubiläum zum Feiertag ernannt wurde. „Bis heute empfinde ich es als besondere Fügung, dass ich meinen Geburtstag am Weltfrauentag feiern darf“, sagt die Frau mit den flammend roten Haaren. Sie hat das gerade so geschafft: Am 8. März 1944 kam sie zehn Minuten vor Mitternacht zur Welt. Aber das musste wohl schicksalhaft so sein. Denn früh drang sie in eine Männerdomäne und lernte, dort ihre Frau zu stehen.

Großes Ego gegen die Kollegen mit dem Y-Chromosom

„Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Frauen allenfalls als Schmuckblatt für erfolgreich Männer galten“, erzählt sie immer wieder gern. So beschrieb sie es auch, so verächtlich wie kämpferisch, in ihren Memoiren. „Die Bezeichnung ,Filmproduzentin’ existierte damals gar nicht. Produzenten waren Männer, basta.“ Um sich gegen diese Alphamännchen durchzusetzen, „brauchte ich ein Ego, das sehr viel größer war als das meiner Kollegen mit dem Y-Chromosom.“

Anfangs ist ihr immer so eine unterschwellige Herablassung entgegengebracht worden. Die meisten Herren der Branche haben darauf gewartet, vielleicht sogar gehofft, dass sie scheitern würde. „Genau das aber hat mich immer herausgefordert“, sagt sie.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sie so eine tiefe, knarrende Stimme hat. So ein leicht herrischer, gebieterischer Ton, mit dem man sich gleich Respekt verschafft. Einer, den man gern mit dem Klischee des Filmproduzenten verbindet, der über viel Geld verfügt und damit auch über viel Macht.

Mit den Waffen einer Frau gekämpft

Regina Ziegler gibt aber zu, dass sie in diesem Haifischbecken zwischen all den konkurrierenden Alphamännchen auch immer mit den Waffen einer Frau gekämpft hat.

„Ich war ja eine durchaus reizvolle Person und habe diese Talente auch unverhohlen eingesetzt. Zu jedem Termin bin ich mit wahnsinnigen High Heels losgestöckelt, und konnte, wenn es mir hilfreich schien, auch meine weiblichen Reize ausspielen.“

Als Nanni Erben 1990 als Producerin in ihrer Firma anfing, hat diese die Chefin gefragt, wie sie immer so erfolgreich sein konnte. „Ich trug an diesem Tag einen tiefen Ausschnitt“, erinnert sich die Ziegler, „und machte mir einen Spaß daraus, mich leicht vornübergebeugt zu ihr an den tisch zu setzen. ,Das Rezept ist ganz einfach’, erwiderte ich und zwinkerte ihr zu. ,Ich habe immer die Tatsachen auf den Tisch gelegt.’“ Beide lachten schallend. Aber ein Fünkchen Wahrheit ist doch schon mit dabei.

Ein Büro voller Filmgeschichte und Preisen

Wenn man Regina Ziegler in ihrem Büro am Lietzensee besucht, dann ist man überall umgeben von Filmgeschichte. Die großzügigen, lichtdurchfluteten Räume sind voller Drehbücher, die noch gelesen und verfilmt werden wollen, voller Filmplakate von Klassikern wie die Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian“ oder „Kamikaze 1989“, der letzte Film mit Rainer Werner Fassbinder.

Und überall stehen Preise, der Grimme-Preis, der Deutsche Filmpreis fürs Lebenswerk, das Bundesverdienstkreuz, die Deutschen Fernsehpreise für „Weißensee“, „Gladbeck“ oder den Udo-Jürgens-Film „Der Mann mit dem Fagott“. Und dann noch der große internationale Erfolg, der Emmy, Amerikas Fernseh-Oscar, für den Dreiteiler „Die Wölfe“. Da braucht es keine knarzende Stimme mehr. All das flößt schon Ehrfurcht genug ein.

Früh hat Regina Ziegler gelernt, sich durchzusetzen. Mit 19 Jahren zog sie nach Berlin, in die Mauerstadt, aus der damals alle wegwollten. Eigentlich wäre Berlin ja ihre Geburtsstadt gewesen, wäre ihre Mutter zu Kriegszeiten dort nicht drei Tage verschüttet gewesen und dann in die Provinz geflohen. Aber hier wollte die Tochter hin, hier wollte sie leben.

Hormonpillen vertreten und Morgenpost austragen

Sie gab vor, Jura zu studieren. Hat aber nie einen Fuß in die Uni gesetzt. Das gab natürlich Krach mit den Eltern. Aber sie ging ihren Weg. Machte ein Praktikum beim Sender Freies Berlin (SFB), jobbte im KaDeWe, hielt sich als Vertreterin für Hormonpillen und Waschmaschinen über Wasser.

Und trug auch die Berliner Morgenpost aus – in, wie sie sich gruselnd erinnert, „dunklen Hauseingängen und unter dem Gegrapsche der dort liegenden Schnapsleichen“.

Dass sie beim SFB in der Abteilung für Kulturelles Feature landete, hatte damit zu tun, dass sie einer Frau auf die Füße half, buchstäblich, als diese übel gestürzt war. Es war die Leiterin dieser Abteilung, so wurde Regina Ziegler Produktionsassistentin. Und viel weiter hätte sie in damaligen Zeiten als Frau eigentlich auch nicht kommen können.

Dass sie es doch geschafft hat, hat sie auch einem Mann zu verdanken: Wolf Gremm. Der Tag, an dem sie sich kennenlernten, sollte ihr Leben verändern. Ihr beider Leben, muss man sagen. Sie war damals 27, bereits verheiratet und Mutter, er, zwei Jahre älter, hatte einen üblen Ruf. Wegen Frauengeschichten. Aber auch von Drogen war die Rede.

Am 9. April 1971, ihr Schicksalstag, platzte dieser Mann in ihr Büro und meinte, sie würden von nun an zusammenarbeiten. Sie haben dann bei mehreren Dokumentarfilmen zusammengearbeitet, stritten oft und heftig. Er bedrängte und bezirzte sie aber, auch wenn sie immer ablehnender wurde. Schließlich gab sie ihm nach.

Verließ ihren Mann. Zog ihre Tochter Tanja erst mal allein auf. Wofür sie beim SFB schneidende Verachtung erfuhr. Aber Gremm riet ihr schließlich, auch ihre feste Stelle aufzugeben. Und selber Produzentin zu werden. Von seinen Filmen.

Mit 29 Jahren die eigene Firma gegründet

1973, mit 29 Jahren, gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Ziegler Film. Ihr erster Film war Gremms Regiedebüt. Ihr gemeinsames Baby. Der Titel „Ich dachte, ich wäre tot“ war allerdings fast symbolisch. Die Idee schien eine Totgeburt. Keiner wollte den Film mitfinanzieren. Dann machen wir’s eben alleine, entschied die Ziegler.

Sie pumpte sich von Bekannten Geld zusammen, viele Freunde wechselten in dieser Zeit die Straßenseite, um nicht von ihr angesprochen zu werden. Die Mutter lieh den Rest. Auch das Filmfestival in Mannheim wollte den Film erst nicht zeigen. Da mietete sie dort einfach ein Kino und zeigte ihn parallel zum Festival. Der Rest ist Geschichte. Der Film wurde ein Erfolg. Und der Name Ziegler zur Marke.

Immer wieder musste die Ziegler sich durchsetzen und für ihre Produktionen kämpfen. Sie musste sogar Prozesse führen, die andere anstrengten, weil sie glaubten, sie hätte nicht den Mumm dazu, sie durchzustehen. Aber da hatten sie sich geschnitten.

Der Preis für die Unabhängigkeit

Immer wieder hat sich die Produzentin auch verschuldet, war jahrelang sogar Minusmillionärin, wie sie immer wieder betont. Aber das war der Preis, unabhängig und frei zu bleiben, selber zu entscheiden, was sie tun wollte. So hat sich Regina Ziegler allmählich den Respekt ihrer Branche erworben.

Und wurde auch eine angesehene Dame der Gesellschaft, mit ihren roten Haaren und der stets roten oder pinken Kleidung schon von weitem zu erkennen. Auch mit ihren exzentrischen Hüten. Für jeden Film hat ihr Mann Wolf Gremm ihr einen neuen Hut geschenkt. Über 200 Hüte kamen so zusammen.

Längst ist die Ziegler Film nicht mehr nur das Werk einer Frau, sondern von zweien. Weil auch ihre Tochter Tanja ins Geschäft miteingestiegen ist. Sehr zur Freude der Mutter. Die wäre allerdings fast schon aus der Firma ausgestiegen. Als ihr Mann an Krebs erkrankte, wollte sie sich ganz um ihn kümmern. „Kommt überhaupt nicht in Frage“, lehnte der brüsk ab.

Vor vier Jahren ist Gremm der Krankheit erlegen, ein Schlag, der Regina Ziegler sichtlich getroffen hat. Aber umso mehr stürzt sie sich wieder in die Arbeit. Eine neue Staffel „Weißensee“, das Geiseldrama „Gladbeck“ und, ganz aktuell, die Verfilmung des Udo-Jürgens-Musicals „Ich war noch niemals in New York“. Regina Ziegler ist auch mit 75 noch eine Rastlose und Arbeitswütige. „Geht nicht gibt’s nicht“: So hat sie nicht nur ihre Memoiren betitelt. Das ist auch ihr Lebensmotto.

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