Tanz

Sasha Waltz: „Man muss seine Innenwelten zulassen“

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Blech
Choreografin Sasha Waltz

Choreografin Sasha Waltz

Foto: dpa/PA/Jens Kalaene

Was den Menschen im Digitalzeitalter ausmacht: die Berliner Choreografin Sasha Waltz über ihr neues Stück „rauschen“ an der Volksbühne

Die Berliner Choreografin Sasha Waltz glaubt, dass wir im digitalen Zeitalter zu Gefangenen eines perfekten Lebensraumes werden. In ihrem Stück „rauschen“, das in der Volksbühne am Donnerstag seine Uraufführung erlebt, will sie einen Weg aus der Entmenschlichung weisen. Sasha Waltz (55) ist eine der wichtigsten deutschen Choreographinnen. Neben ihrer eigenen Compagnie Sasha Waltz & Guests wird sie ab kommender Spielzeit gemeinsam mit Johannes Öhman das Staatsballett Berlin leiten. Das Gespräch fand am Rande der Proben in der Volksbühne statt.

Berliner Morgenpost: Die Uraufführung ist Ihre zweite Produktion an der Volksbühne, bereits 1998 traten Sasha Waltz & Guests mit „Travelogue I, II & III“ am Theater auf. Wie nehmen Sie das Haus jetzt zwanzig Jahre später wahr?

Sasha Waltz: Es ist ein toller Theaterraum mit einer großen Aura. Das hat man damals gespürt und heute wieder. Ich finde, es herrscht eine gute Stimmung am Haus. Hier gibt es diese Liebe fürs Theater. Die Mitarbeiter haben sich gerade auch meine Vorstellungen von „Allee der Kosmonauten“ angeschaut. Zu Beginn unserer Probenzeit haben wir eine Konzeptionsprobe in unserem Radialsystem gemacht, die ganzen Gewerke kamen zu uns rüber. Es ist eine schöne Zusammenarbeit geworden. Wir haben die Bühne für das Stück weit vorgebaut, so dass man einen direkten Kontakt zum Publikum hat.

Was muss man sich unter dem „rauschen“ im Stücktitel vorstellen?

Zunächst bezieht es sich auf White Noise, das Weiße Rauschen, wie wir es von Bildschirmen kennen. Es geht auch um die Natur, das Rauschen der Blätter oder des Wassers. Aber auch ein Zug kann vorbeirauschen. Darin steckt der Aspekt der Zeit und der Geschwindigkeit und schafft einen offenen Assoziationsraum. Wir spielen in einem weißen Raum, der sinnbildlich für den Zustand der Gesellschaft steht. Es ist ein scheinbar perfekter Lebensraum. Man ist fast betäubt in dem sterilen Zustand der Überwachung, ja der Entmenschlichung. Das ist eine dystopische Situation, die dann aber immer mehr aufbricht. Über den Zugang zur Seele, zum Unbewussten, zu den Träumen, auch zur persönlichen Geschichte gibt es den Zugang zur Transformation.

Das Stück will eine Utopie sein?

Es gibt eine Verwandlung, die auch räumlich sichtbar wird. Eine Kraft wird frei, die in die Gesellschaft wirkt. Aber ich zeige kein utopisches Modell. Es gibt in dem knapp zweistündigen Stück eine relativ lange Zustandsbeschreibung und dann den Weg in die Transformation.

Gab es für Ihre Choreografie ein Schlüsselerlebnis?

Die Beobachtung unserer Zeit war mir immer wichtig. Ich habe mich mit futuristischen Filmen aus den 60er- und 70er-Jahren beschäftigt und Vergleiche zu unserem heutigen Leben gezogen. Es bleibt die Frage, was macht uns als Menschen aus? Für mich ist es der Zugang zum Unbewussten. Man muss seine Innenwelten zulassen, um wachsen zu können. Davon profitiert auch die Gesellschaft.

Was ist Ihr Hauptkritikpunkt an dieser perfekten Welt?

Ich betrachte nur einen Ausschnitt, der die westliche Welt betrifft. Darin gibt es immer weniger Freiräume, alles wird einer digitalisierten Kontrolle unterworfen. Möglicherweise werden wir bald schon Teile unseres Körpers durch Maschinen ersetzen. Aber warum strebt der Mensch immer mehr danach, so perfekt wie eine Maschine sein zu wollen? Vieles wird im Stück angedeutet, zwei Tänzer sind etwa in einer Art Haus angestellt und verwandeln sich in Maschinen. Es gibt Kontakt zu Siri, also Gespräche mit einer künstlichen Intelligenz. Es gibt einen Text, der sich über das ganze Stück legt.

Sie haben das Stück mit zwölf Tänzern entwickelt. Was war der größte Widerspruch auf Ihre Konzeption?

Es ist ein Stück, in dem sich die Tänzer sehr weit öffnen müssen. Es geht um Ängste, um Traumata oder unverarbeitete Kindheitserinnerungen, die in die Biografie hineinwirken. Wir haben viel darüber diskutiert, wie man das auf der Bühne umsetzt.

Als was geht der Mensch ins Stück hinein, als was kommt er heraus?

Er ist wieder ein ganzheitlicher Mensch, der Emotionen zulässt. Am Anfang sind alle vereinzelt, verloren in dem Weiß, am Ende gibt es wieder Zusammenhalt, ein Kollektiv, es wird ein fast metaphysisches Naturbild gezeigt. Aber ich hadere damit, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen sollte. Ich verstehe es als einen ewigen Prozess.

Glauben Sie, dass Sie in den letzten Jahren politischer geworden sind?

Wenn ich mir die „Kosmonauten“ von 1996 anschaue, dann war ich auch schon in den frühen Stücken sozialpolitisch. Es war eine Mischung aus Dokumentartheater und Fiktion, das Stück basierte auf Interviews mit Menschen, die in der Plattenbausiedlung an der Allee der Kosmonauten lebten. Ich finde es als Zeitdokument schon sehr politisch. Die Fragen von damals sind heute noch sehr wichtig. Wir sind immer noch nicht ein Land. Die Narben sind unterschwellig vorhanden, es gibt viele Mauern in den Köpfen. Auch davon handelt mein Stück.

Derzeit sind Sie ständig zwischen dem Radialsystem, der Volksbühne und dem Staatsballett Berlin unterwegs, wo Sie im Sommer offiziell als Ko-Intendantin antreten werden.

Für mich ist es gerade eine künstlerische Phase, in der ich nur die dringendsten Aufgaben des Staatsballetts bearbeiten kann.

Als Staatsballett-Chefin werden Sie im April 2020 Ihre erste Choreografie zeigen?

Es wird eine Ballett-Uraufführung des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas sein, die in der Staatsoper stattfindet.