Deutsches Theater

Der Ruinenbaumeister

Bestes Stück zu Landfluchtfantasien: Ferdinand Schmalz’ „der tempelherr“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters uraufgeführt.

Harald Baumgartner, Bernd Moss, Natali Seelig, Edgar Eckert, Linn Reusse (v.l.) in „der tempelherr“

Harald Baumgartner, Bernd Moss, Natali Seelig, Edgar Eckert, Linn Reusse (v.l.) in „der tempelherr“

Foto: ARNO DECLAIR

Berlin. Der Bauherr ist „verstummt, aber mit einem körper ausgestattet, der seine eigene sprache spricht“. Mit diesen Worten beschreibt der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz in seinem am Sonntag in den Kammerspielen des Deutschen Theaters uraufgeführten Stück „der tempelherr“ die gleichermaßen an- wie abwesende Titelfigur. Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass der Autor alles konsequent klein schreibt, einschließlich seines eigenen Namens, letzteres werden wir ignorieren.

Schmalz, der 1985 in Graz geboren wurde, aber eigentlich anders heißt, also sich selbst als eine Art Kunstfigur begreift, inspiriert von Erwin Wurm, Elfriede Jelinek und durchaus auch Ernst Jandl. Schmalz bezeichnet sein neues Werk im Untertitel als „erbauungsstück“, und das ist so schön doppeldeutig wie das ganze Drama. Das sich gattungstechnisch einer klaren Zuordnung entzieht, Züge einer Komödie und einer Tragödie hat.

Das Ende gibt es schon am Anfang

Und dessen Beginn das Ende suggeriert: in vielfältigen Variationen ist der Schriftzug „the end“ wie ein Filmabspann auf dem transparenten Vorhang zu lesen, später gibt es dann auch noch Bilder von leerstehenden, abrissreifen Theatern zu sehen.

Auf der von Viktor Reim gestalteten Bühne türmen sich Versatzstücke eines monumentalen Baus wie ein Berg auf. In gold- und silberglänzenden, teils fellbesetzten Fantasiekostümen (Julia Dietrich), die an einen Hofstaat erinnern, treten die fünf Spieler an die Rampe.

Natali Seelig, Bernd Moss, Linn Reusse und Edgar Eckert reden, und das ist ein Markenzeichen von Ferdinand Schmalz, in einer sehr rhythmischen, den gängigen Satzbau ignorierenden, aber gut verständlichen Sprache, auch gern mal von sich selbst in der dritten Person. Es gibt Verweise zum Ikarus-Mythos und der Antike, aber jenseits dieser Aufladungen, die man auch ignorieren kann, geht es eigentlich um einen einfachen Plot.

Das Baby kommt mit Facettenaugen zur Welt

Heinar, der Ruinenbaumeister, mochte raus aus der Stadt und in einem entlegenen Zipfel Brandenburgs in der frischen, gesunden Luft – Schmalz ironisiert alle gängigen Landfluchtklischees – seiner noch im Werden begriffenen Kleinfamilie eine Zukunft errichten.

Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass es sich bei dem Hausbau um eine Tempelanlage handelt, was die örtlichen „Zaungäste“ mit Verweis auf eine möglicherweise fehlende Baugenehmigungen kommentieren. Wenn die fünf Akteure die alteingesessenen Dorfbewohner spielen, stülpen sie sich furchteinflößende Masken über – eine hübsche Variante eines antiken Chors, die sich Regisseur Philipp Arnold, der dem Text viel Raum zum Atmen lässt, da ausgedacht hat.

Dass schon bei der ersten Besichtigung des Bauplatzes mit dem geldgebenden Schwiegervater (Harald Baumgartner) und Freunden Bremsen stechend ihr Unwesen treiben, bleibt nicht folgenlos: Das Baby kommt mit Facettenaugen zur Welt, und hat auch sonst Züge eines Insekts. Kann aber trotzdem nicht fliegen, was zu einem Unfall und anderen Verwerfungen führt.

Ein sprachartistischer, immer wieder überraschender 90-minütiger Theaterabend. Aktuell das kurzweiligste Stück, das sich mit Berliner Landfluchtfantasien beschäftigt.

Deutsches Theater (Kammerspiele), Schumannstraße. 13a, Mitte. Termine: 7. und 20. März, 16. und 20. April. Karten: 030/284 41-225.