Hauptrolle Berlin

Wut im Bauch: „Wege in die Nacht“

Im Zoo Palast wird noch einmal Andreas Kleinerts Film „Wege in die Nacht“ gezeigt. Und der Regisseur erzählt von den Dreharbeiten.

Walter (Hilmar Thate) „auf Patrouille“ mit Gina (Henriette Heintze) und  René (Dirk Borchardt)   in der Berliner U-Bahn

Walter (Hilmar Thate) „auf Patrouille“ mit Gina (Henriette Heintze) und René (Dirk Borchardt) in der Berliner U-Bahn

Foto: Filmgalerie 451

Berlin. In der DDR, da war er wer. Da hat Walter einen Betrieb geleitet, und die Leute zogen den Hut vor dem „Genossen Direktor“. Nach der Wiedervereinigung ist die riesige Industrieanlage stillgelegt und verrottet vor sich hin. Und das tut Walter im Grunde auch.

Er verkraftet es nicht, dass jetzt seine Frau kleine Brötchen verdient und ihm Geld zusteckt. Er verkraftet auch nicht, dass im Arbeitsamt Leute Schlange stehen, die deutlich jünger sind als er, der Endfünfziger. Manchmal studiert er die Stellenanzeigen in Zeitungen, wo Nachtwächter und Sicherheitsleute gesucht werden. Manche kringelt er auch an. Aber er bringt es nie über sich, sich zu bewerben. Da ist er lieber sein eigener Sicherheitsdienst.

Film Noir durch die Berliner Nacht

Denn Walter führt ein Doppelleben. Nachts patrouilliert er durch die Berliner U- und S-Bahnen und sorgt, einer muss es ja tun, für Recht und Ordnung. Wann immer Ausländer angepöbelt, Obdachlose verhöhnt oder Passanten belästigt werden, schreitet er ein. Dann setzt er zwei junge Streuner, die ihm treu ergeben sind, auf die Aggressoren und Schläger an und lässt sie sie brutal verprügeln. Ein selbst ernannter Ordnungstrupp gegen die allgegenwärtige Gewalt und die Gleichgültigkeit all jener, die nur wegschauen.

Andreas Kleinerts „Wege in die Nacht“ 1999 in die Kinos kam, wurde er als „ostdeutscher Taxi-Driver“ verstanden. Aber das ist nur der hilflose Versuch einer Einordnung. In Wirklichkeit war dieser Film Noir durch die Berliner Nacht ein Unikum, ein Ausnahmefilm im deutschen Kino, der zu Unrecht nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die er verdient hätte.

Ein Abgehängter als tickende Zeitbombe

In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, ist er nun am 5. März wiederzuentdecken.

Es ist ein verstörender Film. Und das Psychogramm nicht nur eines Mannes, der langsam die Bodenhaftung verliert, sondern auch das einer Gesellschaft im Übergang, eines Landes, das es plötzlich nicht mehr gibt und dessen Bürger im neuen System keinen Halt mehr finden.

Hilmar Thate - dieser großartige Schauspieler, der immer ein Solitär blieb und im Grunde viel zu selten gespielt, seine Rollen aber umso genauer ausgewählt hat – bringt die Perspektivlosigkeit und Stagnation des abgewickelten Ostlers auf den Punkt. Da ist diese Schwermut im Blick. Und die Wut im Bauch. Einer, der alles verloren hat, was seinem Leben einen Sinn gegeben hat, und diesen Verlust nicht verwinden kann.

Wie er die beiden jungen Leute, Gina (Henriette Heintze) und ihren Halbbruder René (Dirk Borchardt) kennengelernt hat, das verrät uns der Film nicht. Der überhaupt wenig erklärt, sondern immer nur beobachtet.

Aber die Patrouillen mit ihnen geben Walter wieder einen Sinn im Leben, bringen ihm auch ein Stück Autorität zurück, wenn die jungen Mitstreiter zu ihm aufsehen. Bis er eines Tages einen rechten Schläger auffordert, aus einer fahrenden S-Bahn zu springen, und der es wirklich tut. Da spätestens tritt Walters Leben ganz aus dem Gleis.

Und als dann noch vor seinen Augen die riesigen Industrieruinen abgerissen werden, reißen auch bei ihm die letzten Fundamente ein. Da wird er zur tickenden Zeitbombe, da verselbständigt sich seine Gewalt, die von anderen Verbrechen bald nicht mehr zu unterscheiden ist.

Implosion eines Menschen, der alles verloren hat

Andreas Kleinert erzählt diese Implosion eines Menschen in einer beklemmend ruhigen, aber umso intensiveren Bildersprache, in der selten gesprochen wird. Und selten Musik erklingt. Wenn, dann nur die Trommeltöne aus Ginas Walkman. Wahre Paukenschläge. Und der exzellente Kameramann Jürgen Jürges überträgt das in sehr expressive Schwarzweiß-Aufnahmen.

Kleinert, in Ost-Berlin aufgewachsen, hat an der Filmhochschule Babelsberg studiert, wo er aber immer wieder aneckte, weil man seine Arbeit „inhaltlich zu düster“ fand. Der damalige Rektor Lothar Bisky soll seinen Rausschmiss nur mit Mühe verhindert haben.

Als Kleinert erstmals in den Westen durfte, um seinen Film „Leb wohl, Joseph“ in München zu zeigen, erfuhr er im Taxi aus dem Radio, dass die Mauer aufgegangen ist. Für kurze Zeit hat er geglaubt, jetzt könne man die Gesellschaft verändern. Es sollte eine Illusion bleiben, die sich auch in diesem Film niederschlug.

Nur unter Selbstausbeutung aller Beteiligten gedreht

Auch den wollte erst mal keiner haben. Jahrelang lag der Stoff in der Schublade, weil niemand ihn finanzieren wollte. Gedreht wurde er dann zu Bedingungen, unter denen man im Grunde gar nicht arbeiten konnte, wie Kleinert später ernüchtert bekannte. Alle, auch die großen Mimen wie Hilmar Thate und Cornelia Schmaus, die seine Frau spielt, hätten quasi Selbstausbeutung betrieben.

Aber dann eröffnete „Wege in die Nacht“ in Cannes die wichtige Nebensektion „Quinzaine des réalisateurs“, das erste Mal, das ein Deutscher diese Reihe eröffnen durfte. Dann gewann der Film gleich zwei Deutsche Filmpreise (für die beste Kamera und die beste Nebendarstellerin) und den Grimme-Preis. Und der Film ging auf diversen Festivals um die Welt.

Für Kleinert ist „Wege in die Nacht“ keine zwingende Ost-Geschichte. Er möchte sie universal verstanden wissen. Und so sei sie auch im Ausland aufgenommen worden. Von Ost und West sprach dort keiner. Menschen, die ihre Perspektive verlieren, das gibt es überall.