Rap

Dendemann hat beim Comeback-Konzert leicht einen sitzen

In den 90ern hat er den klugen deutschen Rap miterfunden. In der Columbiahalle versucht der Mittvierziger, dranzubleiben.

Er kann es noch: Dendemann in der Columbia-Halle.

Er kann es noch: Dendemann in der Columbia-Halle.

Foto: Carsten Thesingvia www.imago-images.de

„Das war Hip-Hop“, sagt der blasse Typ mit dem Hoodie ganz zum Schluss. Da ist er durchgeschwitzt und fertig, sieht aber fast so was wie glücklich aus. 44 Jahre ist er alt, fast zehn davon hatte er keine neue Platte. Doch wo Sportler längst Trainer geworden sind, dreht er nochmal auf. Der Typ ist Dendemann, Ende der 90er-Jahre hat er mit Eins Zwo den klugen deutschen Rap miterfunden. Das Bindeglied zwischen den Spaßmachern der Fantastischen Vier und Dada-Rappern wie Käptn Peng. Immer bisschen nörgelig, immer was zu meckern. Immer politisch.

Energie mit Erkenntnis

„Mein liebes bisschen Berlin“, ruft er heute in den Saal, „are you ready to stürzen some Regierung today?“ In der ausverkauften Halle werfen dünne Teen-Girls und alte Kiffer ihre Arme gleichermaßen in die Luft. Kerle mit Literkrügen in der Hand sind etwas vorsichtiger, den tätowierten Ex-Punkinnen vor ihnen nicht das T-Shirt einzusauen. Bei aller alter Revoluzzer-Gestik ist das keine militante Angelegenheit. Es geht um Energie, ja, aber mit Erkenntnis: „Eure Rassenkunde stickt wie nasse Hunde / Liegt nur Hass zu Grunde. / Wenn die Demokratie ihren Segen verflucht / ist ‘dagegen’ wohl nicht mehr dagegen genug. Na endlich.“

Auch die Frauen feiern hart

Erst recht liegt hier keine Macho-Rap-Veranstaltung vor. Männer haben zwar die Zweidrittelmehrheit im Saal, die Damen aber sind nicht weniger textsicher, nicht minder hart am Feiern. Und Dende ist nicht allein gekommen. Eine volle Band steht auf der Bühne. Zwei Jahre gaben sie bei Jan Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royale“ die Hauskombo. Spielt man Hip-Hop auf diese Art akustisch, kommt offenbar eine Art Funk heraus, wie man schon bei Dendemanns Hamburger Kollegen Jan Delay hören konnte. Dendes Band ist keinen Deut weniger tight. Der Beat stampft und hüpft, was das Zeug hält. Die Licks kommen so genau, dass sie unter den Wortkaskaden fast verschwinden.

Leicht einen sitzen

Dendemann betont, er habe gegenüber dem Publikum den Vorteil, leicht einen sitzen zu haben. Er schlurft eine Weile entsprechend hüftsteif durch die Gegend. Erst beim Song „Müde“ wird er richtig wach: „Ich werde nicht müde mich zu schämen / Wenn sich hier die Typen wie Affen benehmen / Nicht klüger als früher nur tough und extrem / Und die wütenden Bürger stehen gaffend daneben“. Dann haut er einen dieser Dendemänner raus, haarscharf zwischen Kalauer und Avantgarde durchgereimt: „Ich bin zu müde um schlafen zu gehen / Ich bin so müde, dass Schafe mich zählen“.

Im Turbogang

Bei Bedarf schaltet Dendemann in den Turbogang bis sich die Silben jagen, dass man kaum noch was versteht. Das Publikum hat derweil den Einen-Sitzenhaben-Faktor aufgeholt. Es kriegt noch ein paar Hits geliefert, dazu Eins-Zwo-Lieblinge wie „Danke, gut“ und „Hand aufs Herz“. Für den letzten Song springt Casper auf die Bühne: einer der aktuellen Multiseller, die wissen, dass es sie ohne Dendemanns Vorarbeit nicht gäbe. Im allgemeinen Jubel geht das fast unter. Denn wie sagt der Chef: „An manchen Tagen reicht die Power nicht zum Aufstehen / doch die Dranbleiberei, die dauert bis zum Draufgehen“. So soll es sein.